Dokumentarfilm "Mondovino" Der Weinflüsterer

Der weltweite Weinkonsum steigt, das Partygespräch um Reben und Winzer gehört zum Pflichtprogramm kulturbeflissener Smalltalker. Denen kommt als opulente Argumentationshilfe der amerikanisch-französische Dokumentarfilm "Mondovino" zu Hilfe, auch wenn er hier und da sauer aufstoßen lässt.

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Winzer Montille: Wein-Veteran mit Schrullen und Kanten
Concorde

Winzer Montille: Wein-Veteran mit Schrullen und Kanten

Wein ist kinofähig geworden. "Sideways" heißt das kleine, delikate Roadmovie, das es fast zur Oscar-Sensation gebracht hätte: Zwei Männer fahren übers kalifornische Land, reden viel über Wein und Frauen, dann treffen sie Frauen, die die Liebe kennen, aber noch besser über Wein reden können. Seitdem ist die Burgunder-Rebsorte Pinot Noir der Renner bei nordamerikanischen Weintrinkern.

Wer hierzulande nun vorschnell die Nase über oberflächliche Vino-Amis rümpft, beweist nur Arroganz. Denn Wein ist den Deutschen zwar lieb, aber nicht unbedingt teuer: Der hiesige Konsument kauft seine Ware vorzugsweise im Supermarkt. Acht Millionen Hektoliter setzen die Discounter pro Jahr ab, sagt der Deutsche Weinbauverband. Mit einem Durchschnittspreis von unter drei Euro pro Flasche ist auch klar: Man will Genuss zum Schnäppchenpreis.

An Geiztrinker wie diese wendet sich Jonathan Nossiters süffiger Dokumentarfilm "Mondovino" jedoch nicht, er hat vor allem die Weinkenner und -Liebhaber im Blick. Drei Jahre arbeitete der Regisseur an seinem ehrgeizigen Mammut-Projekt, dass ihn über drei Kontinente führte, und sammelte dabei eine immense Menge Material. Die Weinproduzenten, die er in epischer Breite vorstellt, stehen fast alle für das obere Qualitätslevel beim Rebensaft. Nossiter - Filmemacher, Kameramann und Cutter in Personalunion - verführte sie alle zum Plaudern und hielt sich selbst im Interview zurück. Auswahl und Montage der Sequenzen zeigen jedoch eindeutig, wo seine Sympathien liegen.

Das erinnert sehr an seinen Kollegen Michael Moore, bei dem sich die Zielpersonen auch gern um Kopf und Kragen reden. Auch Nossiter lässt seine Gesprächspartner scheinbar harmlos schwadronieren: Über ihre Reben und ihren Wein, noch mehr aber über Geld, Geschäft und die Tricks, genau das Produkt zu erzeugen, das größtmöglichen Absatz verspricht. Wer diese fast zweieinhalb Stunden dauernden Wein-Enthüllungen aushält, den wirft anschließend auch kein schwerer Rioja mehr um.

Rolland hier, Rolland da

Wein-Lager in Kalifornien: Vorliebe für breiten und plakativen Geschmack
Concorde

Wein-Lager in Kalifornien: Vorliebe für breiten und plakativen Geschmack

Die erfolgreichen Weinschaffenden reden offenbar gern übers Business. Um den maximalen Absatz zu erreichen, gibt es hoch bezahlte, reisende Fachkräfte, die - global agierenden Unternehmensberatern gleich - von den Winzern angeheuert werden, um ihre Produktion zu optimieren. Schlechte Jahrgänge? Fehlanzeige. Michel Rolland heißt der bekannteste dieser sogenannten Önologen, die aus jeder Ernte das Optimale machen können. Dem Franzosen liegt der Weinverstand im Blut, denn er stammt aus Pomerol, wo bester Bordeaux wächst.

Allein seinen Reisen und Fähigkeiten widmet Nossiter einen großen Teil seines Film, Rolland hier, Rolland da: 400 Kunden hat er allein im Bordelais. Der Weinflüsterer wird oft und gern geschäftig am Handy gezeigt, ständig speit er das Wort "Micro-Oxygenation", das angeblich schwer zu erklären und eines der Geheimnisse seines Erfolges sei, wie der Film insinuiert. Das ist freilich pure Schaumschlägerei, denn das Zuführen von Sauerstoff bei der Weinherstellung (nichts anderes steckt dahinter) ist eine weit verbreitete Praxis. Sie macht den Wein gefälliger, runder und damit oft massengeschmackstauglich. Nossiter setzt die Eitelkeit und Selbstdarstellungslust Rollands trefflich in Szene, so dass man fast dem Charme des Zauberers erliegt. Mit einigen bohrenden Nahaufnahmen bringt Nossiter jedoch so manchen rethorischen Luftballon Rollands zum Erschlaffen, bis dessen Vertreter-Eloquenz schließlich nur noch nervt.

Michel Rolland ist - was für ein Zufall - bestens mit dem ameriknischen Weinkritiker-Papst Robert Parker befreundet, den Nossiter in den USA interviewte. Die berühmten, einmal im Jahr veröffentlichten "Parker-Punkte" erlauben es, mal eben schnell einen Wein in griffige numerische Werte-Schubladen zu legen, womit sein weiteres Markt-Schicksal oft entschieden ist. Parker, eher einsilbig und kühl, spielt im Gespräch seine Wichtigkeit herunter, macht aber auch kein Hehl aus seiner Vorliebe für breiten und plakativen Geschmack beim Wein. Er weiß halt, was ankommt - und Rolland wiederum weiß, wie man's anpackt. In Zeiten der Wein-Globalisierung sind solche Talente Gold wert.

Wein-Papst Parker: Weiß, was ankommt
Concorde

Wein-Papst Parker: Weiß, was ankommt

Aber jeder noch so gelungene Wein muss vom Winzer auch verkauft werden. Als vorausblickende und innovative Marketing-Strategen erwiesen sich 1979 die Brüder Robert und Michael Mondavi, die mit der Verbindung ihres Hauses in Oakville/Kalifornien und Chateau Mouton-Rothschild im bordelaiser Pauillac eine historische Allianz eingingen. Nicht nur die erfolgreiche Top-Weinmarke "Opus One" ging daraus hervor, auch das expansive Weinimperium Mondavi, mit dem Wein aus den USA international renommiert wurde. Kalifornien verdankt ihnen viel, und so wirken die beiden Mondavis auch wie zwei von ihrer Mission tief ergriffene Evangelisten. Nossiter filmte sie in distanzierter Halbprofil-Einstellung: So überheblich, arrogant und unsinnlich hatte man sich Weinfreaks zuvor nicht vorgestellt.

Während der Dreharbeiten regierten die Mondavis noch als unumstrittene Könige und waren auf Einkaufstour durch europäische Weingüter. Wenig später jedoch gehörte das Imperium Mondavi der Geschichte an: Zu viele teure Firmen-Übernahmen, dazu ein tödlicher Einbruch beim Massengeschäft der billigen Supermarkt-Weine brachen der Firma das Genick. Auch holte die wachsende Konkurrenz aus Australien und Chile auf. Mondavi wurde zerschlagen, aber für immerhin 1,03 Milliarden Dollar im November 2004 vom US-Schnapsvertrieb Constellation Brands gekauft.

Mit Klauen und Zähnen gegen die Multis

Jonathan Nossiter, 1961 in Washington D.C. geboren, ist ein vielseitiger Mann: Er wuchs als Journalistensohn in vielen Ländern auf, studierte Kunstgeschichte in Paris und arbeitete als Assistent des Hollywood-Regisseurs Adrian Lyne ("Eine verhängnisvolle Affäre", 1987). Außerdem ist er als diplomierter Sommelier selbst Weinkenner. Wo er steht, ist schnell klar: Seine Liebe gehört den urfranzösischen Winzer-Veteranen wie dem schrulligen Hubert Montille aus Volnay/Burgund, der sich - begleitet von ruckeliger Reporter-Handkamera - Sticheleien mit seinem coolen Sohn und der schlauen, qualitätsbewussten Tochter liefert.

Es sind diese seltenen charmanten Momente, in denen Wein-Fanatiker wirklich über ihre Keller-Kunstwerke und nicht über Marketing-Tricks reden, die den Film letztlich sehenswert machen. Aber natürlich haben es auch die Alten faustdick hinter den Ohren: Der knorrige Winzer Aimé Guibert aus dem Languedoc etwa, der sich mit Zähnen und Klauen, aber auch mit gewitzter Rhetorik gegen die Übernahme-Versuche der Mondavi-Multis wehrte, redet zwar viel über unverwechselbare Böden ("Terroir") und das richtige Klima, vertritt andererseits aber auch handfeste geschäftliche Interessen. Auch traditionelle Weinbauern sind nicht alle önologische Engel.

Was Nossiter gelingt, ist, dass sich alle ein wenig entblößen: Ob clevere kalifornische Wein-Schlaumeier herablassend über ihre mexikanischen Farmarbeiter schwadronieren oder italienische Winzer-Aristokraten dem Faschismus nachweinen. Im Wein liegt eben manchmal eine ganz bittere Wahrheit.


Mondovino

USA/Frankreich 2004. Regie: Jonathan Nossiter. Produktion: Goatworks Films, Les Films de la Croisade. Verleih: Concorde. Länge: 137 Minuten. Start: 28. April 2005



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