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24. März 2011, 19:18 Uhr

Dokumentarfilm-Pionier

Richard Leacock ist tot

Pop, Politik und eine entfesselte Kamera: Mit seinem Aufnahmestil begründete Regisseur und Kameramann Richard Leacock Mitte der Fünfziger das Direct Cinema - und lieferte wichtige Inspirationshilfe für die jungen Wilden des "New Hollywood". Jetzt verstarb der Doku-Innovator in Paris.

Hamburg/New York - Wie so viele Filmemacher seiner Generation kreierte Richard Leacock seinen Aufnahmestil als Kriegsreporter: Während des Zweiten Weltkriegs filmte der gebürtige Brite für die U.S. Army das Kampfgeschehen in Birma und Mittelasien. Aus dem Mobilitätsgebot, dem er als Kriegsberichtserstatter zwangsweise unterlag, entwickelte er schließlich seinen eigenen Aufnahmestil: Leacock war einer der ersten, der ausgiebig mit der Handkamera arbeitete.

Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Kameramann für andere Regisseure, etwa für den Dokumentarfilmveteran Robert J. Flaherty in "Louisiana Story" (1948) oder für Roger Tilton und dessen Jazz-Film-Experiment "Jazz Dance" (1954), für das Leacock zum ersten Mal im großen Stil seine entfesselte Kamera zum Einsatz brachte.

Aus dieser Erfahrung heraus etablierte er mit anderen jungen Filmemachern Mitte der Fünfziger eine eigene Dokumentarfilmschule: Das Direct Cinema, das sich neben der mobilen Kamera auch durch unmanipulierte Tonaufnahmen auszeichnete. Zu einem wichtigen Mitstreiter wurde D. A. Pennebaker, mit dem er eine eigene Produktionfirma gründete.

Wie der Bruder im Geiste drehte auch Leacock viele Musikfilme, etwa "A Stravinsky Portrait" (1966) oder "Monterey Pop" (1968, mit Pennebaker als Co-Regisseur). Außerdem engagierte sich der Dokumentarfilmimpresario politisch - was in vielen seiner Arbeiten zum Tragen kam. So führte er 1960 bei Robert Drews berühmter Fernsehdoku "Primary" die Kamera, die Robert Kennedy sympathisierend beim Vorwahlkampf zeigte, und 1963 bei dem Anti-Todesstrafen-Statement "The Chair".

Pop, Politik und Anti-Illusionismus: Mit seinen rauen, aufwühlenden und authentischen Doku-Arbeiten bereitete Leacock den Boden für die jungen Wilden des "New Hollywood", die in den späten Sechzigern die alte Traumfabrik aufzumischen begannen. Nach Angaben seiner Tochter Victoria verstarb Richard Leacock am Mittwoch in Paris. Er wurde 89 Jahre alt.

cbu/AP

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