Doku-Thriller "Revision": Abgeknallt wie Wildschweine

Von Andreas Banaski

In seiner Doku "Revision" rollt der Regisseur Philip Scheffner einen zwanzig Jahre alten Kriminalfall wieder auf: Zwei Männer wurden nach einem illegalen Grenzübertritt erschossen. Ihr Schicksal recherchiert Scheffner spannend wie einen Thriller.

Ende Juni 1992 fanden Erntearbeiter zwei Männer, der eine tot, der andere vielleicht nur tödlich verwundet, auf einem Getreidefeld in Vorpommern. Wenige Stunden zuvor waren die beiden rumänischen Roma, die offenbar in einer Gruppe gerade illegal die polnisch-deutsche Grenze überquert hatten, im Morgengrauen von zwei deutschen Jagdtouristen angeblich für Wildschweine gehalten und erschossen worden. Vor Gericht wurden die wegen fahrlässiger Tötung angeklagten Schützen später freigesprochen, weil sie keiner Schuld überführt werden konnten.

19 Jahre danach ermittelte der Regisseur Philip Scheffner für seine filmische "Revision" erneut in der Sache, und zwar akribischer als seinerzeit die Behörden, die den Fall verschlampten, verschleppten, Spuren nicht verfolgten und Widersprüche nicht aufklärten. Oder an einer Aufklärung nicht sonderlich interessiert schienen. Denn die Toten waren nur zwei von fast 18 000 Menschen, die nach einer Pressenotiz-Statistik der NGO Fortress Europe zwischen 1988 und 2011 an den Grenzen zur EU starben, bei dem Versuch, sich unerlaubt Zutritt zu verschaffen. Für Scheffner ist deshalb das Schicksal der Roma und ihrer Familien nicht nur ein undurchsichtiger Justizfall, sondern auch Ausdruck von Abschottung und Zeugnis "eines europäischen Sicherheitsdiskurses, der diese Toten billigend in Kauf nimmt".

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Dokumentarfilm "Revision": Labyrinth der Wahrheiten

Um den Tathergang zu entwirren, traf sich Scheffner zum Lokaltermin mit den ortsansässigen Bauern und Feuerwehrleuten, überprüfte die Sichtverhältnisse zur Tatzeit um 3.45 Uhr, bei denen eine Verwechslung von Mensch und Tier eigentlich nicht sehr glaubhaft war, und befragte die Strafverfolger. Dass die Täter für Scheffner nicht zur Verfügung standen, war zu erwarten. Einer schickte immerhin seinen Anwalt vor, einen Paragraphenreiter, der den Eindruck erweckt, die Opferangehörigen wären ja selbst schuld, dass sie bei der Haftpflichtversicherung seines Mandanten keine Entschädigung eingefordert hätten.

Ausgewiesen statt vernommen

Rechtliche Beratung hatten die Familien der beiden Roma allerdings auch nicht. Nicht einmal vom Prozess wurden sie von der deutschen Justiz informiert, denn sie wurden ja nicht gebraucht, weil sie zur Tat keine sachdienlichen Hinweise geben konnten. Aufgeklärt wurden die Angehörigen erst von Scheffner, der die Witwen und ihre inzwischen erwachsenen Kinder zu Hause in Rumänien aufsuchte. Diese Begegnungen sind dann auch die emotionalen Höhepunkte des Films, schon wegen Scheffners spezieller Art der Befragung. Den Interviewten gab er nämlich die Gelegenheit zur Selbstbesinnung: Ihre Aussagen wurden auf Band aufgenommen und ihnen dann noch mal vorgespielt, um sich zu überprüfen, zu bestätigen oder zu ergänzen.

Die eine Familie fiel aus allen Wolken, als sie damals die Leiche des Ehemanns und Vaters Eudache Calderar, der im zerrütteten Rumänien keine Zukunft sah, vom Flughafen Bukarest abholen sollte. Die Familie des anderen Opfers, Grigore Velcu, hielt sich 1992 als Asylbewerber in einem Heim bei Rostock auf, war dort Anfeindungen ausgesetzt und kehrte mit ihrem Toten nach Rumänien zurück.

Ausgewiesen und nicht etwa vor Gericht vernommen wurden auch die Flüchtlinge, die mit den beiden Roma unterwegs und Augenzeugen ihrer Tötung waren. Kurz danach erlebten einige von ihnen den amoklaufenden, rassistischen Mob in Rostock-Lichtenhagen mit.

Scheffner wollte diesen Menschen nun eine Lobby geben, weil sie sonst "verschwinden, sowohl aus der deutschen Geschichtsschreibung als auch ganz real, weil sie abgeschoben werden". Obwohl seine Sympathien klar sind, verkommt ihm der Film nicht zur Betroffenheitsschnulze, die Anteilnahme stellt sich durch die Sachlage sowieso automatisch ein.

Im Labyrinth von Zeugnissen, Behauptungen und Vermutungen findet auch seine filmische "Revision" zu keiner eindeutigen Rekonstruktion der Tat, nachdem schon, so Scheffner, "die kriminalistische Form der Aufarbeitung oder der Beweisführung gescheitert ist". Italienische, französische oder New-Hollywood-Regisseure hätten in den Siebzigern aus so einem Stoff einen politischen Verschwörungs- und Vertuschungsthriller gemacht. So spannend und erhellend wie ein klassischer Privatdetektiv-Krimi ist "Revision" aber auch.


Revision. Start: 13.9. Regie: Philip Scheffner.

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