Kultur

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Dokumentarfilm über die Ostsee

Todeszone, Investition, atmender Moorkörper

In seinem Film "Seestück" erkundet Volker Koepp, was die Ostsee für ihre Anwohner bedeutet. Mit Bildern, die man so noch nicht im Kino gesehen hat, zeigt er unser widersprüchliches Verhältnis zur Natur.

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Mittwoch, 12.09.2018   14:42 Uhr

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Die vorpommersche Ostseestadt Vineta soll der Sage nach wegen des Hochmuts ihrer Bewohner im Meer versunken sein. Vineta heißt auch die Produktionsfirma des Dokumentarfilmemachers Volker Koepp, der mit "Seestück" nun seinen stürmischen und ganz eigenwillig fließenden Film über die Ostsee präsentiert.

Wie schon in "Landstück", seinem vorherigen Film, dient als roter Faden der Eingriff des hochmütigen Menschen in die Natur. Was dies für das erst 12.000 Jahre alte "Kleinkind" unter den Weltmeeren heißt, geht Koepp in seinen Gesprächen zwischen Vorpommern, Schweden, Estland, Lettland, Kaliningrader Gebiet, Bornholm und Polen ohne langes Warten ins Netz: Der Tourismus läuft aus dem Ruder, die Häfen werden zu Industriegebieten für Flüssiggas und Öl, seit der Krimkrise wird der gesamte Ostseeraum wieder aufgerüstet - und alles, was an Plastik, Düngern und Arzneimitteln im Umlauf ist, fließt irgendwann auch noch ins Meer. Wie wirken eigentlich Antidepressiva auf Fische, fragt ein Biologe. Wo sind die überhaupt, fragt ein 80-jähriger Fischer: "Muss ja irgendwas mit der Umwelt zu tun haben."

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Auf den Bildern von Caspar David Friedrich ist der Mensch Teil der Natur, er steht ihr ergriffen gegenüber, nicht als Herrscher. Für Koepps "Seestück" komponiert Kameramann Uwe Mann immer wieder Meeresbilder, die man so, ganz ohne CGI, noch nicht im Kino gesehen hat. Wenn, wie gleich im ersten Bild, die schäumenden Wellen nach rechts rollen und das Bild nach links weggleitet, überfällt einen fast ein Schwindel angesichts der Haltlosigkeit jeglicher Perspektive.

Stillstehende Flügel im tosenden Windpark

Wie kann dieses chaotische, große, natürliche Durcheinander zur Schifffahrtsrinne, zur Kreuzfahrtroute, zum Militärgelände, zum Industriegebiet, zur Offshore-Anlage funktionalisiert werden, fragt der Film, und zeigt in einem besonders absurden Bild für menschliche Beherrschungsversuche die stillstehenden Flügel eines von tosenden Wellen umgebenen Windparks.

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Die Reisen, die der Filmemacher kreuz und quer über die Ostsee unternimmt, haben immer die Erinnerung an eine Zeit vor 1989 im Schlepptau, in der sie ihm als DDR-Bürger nicht möglich waren. Die unerreichbaren Küsten, bewundert auf den Seestücken der Maler, beschrieben in den Gedichten von Bobrowski und Tranströmer, lagen hinter dem Eisernen Vorhang oder waren russisches Sperrgebiet wie das lettische Liepja oder die Oblast Kaliningrad. Das Meer mit seinem freien Horizont war in der DDR ein streng bewachtes Grenzgebiet, das über 5000 Bürger auf Surfbrettern, Luftmatratzen und Faltbooten todesmutig zu verlassen suchten.


"Seestück"
Deutschland 2018

Regie: Volker Koepp
Drehbuch: Volker Koepp, Barbara Frankenstein
Verleih: Salzgeber & Company Medien
FSK: ohne Altersbeschränkung
Länge: 135 Minuten
Start: 13. September 2018


Seit den Neunzigerjahren gleicht Koepp seine unerreichbaren Sehnsuchtsbilder an den Lebenswirklichkeiten der Menschen vor Ort ab. Zur Kurischen Nehrung und den schwedischen Schären sind die Wege nun offen. Nach Vineta oder Sarmatien, dem Traumland des Dichters Bobrowski, reist er immer noch mit der eigenen Vorstellungskraft.

Die Menschen, die Koepp trifft, sprechen in verschiedenen Sprachen über die Ostsee. Oft klingt es wie eine Beschwörung. "Todeszone" sagt der Biologe. "Investition" die Stadtverordnete. Vom "atmenden Moorkörper" spricht der Ökologe, vom Kreuzfahrtschiff als "Hühnerfarm" der Schlepperkapitän. Ein segelnder Romanistikprofessor zitiert Baudelaire, und der Fischer sagt "Heringe", "Zander" und "Aal", als ob er eine Zauberformel spricht.

"Aber die Ostsee ist ja ganz schön, nicht?"

"Alles, wonach wir uns sehnen, kommt mit dem Schiff", schrieb einst die finnisch-schwedische Schriftstellerin Ulla-Lena Lundberg, und Koepp zeigt dazu US-Panzer auf einer Fähre. Die Menschen in den baltischen Küstenregionen sind wie die Skandinavier besorgt über Russlands Aufrüstung. Ein Paar an der Kurischen Nehrung glaubt sich von Politik weit genug entfernt, aber im Fernsehen laufen Propagandabilder über die ukrainische Armee.

Die berühmten offenen Fragen Koepps verfangen wieder ganz wunderbar. "Wie war denn Ihr Lebensweg?", und: "Lieben Sie die Ostsee?" Die zu lebendigen Standbildern vor die Kamera gesetzten Menschen lachen dann und kommen ins Denken. Wenn die ökologischen Bedrohungsszenarien überhand nehmen, sagt Koepp: "Aber die Ostsee ist ja ganz schön, nicht?"

Und wenn sich doch jemand mit eigener Agenda der sanften Führung durch den Filmemacher entzieht, hilft die Natur aus. So wie bei Michael Succow, Träger des Alternativen Nobelpreises und unermüdlicher Ankläger einer hochmütigen Naturherrschermenschheit. Der spricht gerade vom Raum, den sich die Natur zurücknimmt, als ihn die Böen eines aufziehenden Gewitters aus dem Bild pusten.

Im Video: Der Trailer zu "Seestück"

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