Dokumentarfilm über die Ostsee Todeszone, Investition, atmender Moorkörper

In seinem Film "Seestück" erkundet Volker Koepp, was die Ostsee für ihre Anwohner bedeutet. Mit Bildern, die man so noch nicht im Kino gesehen hat, zeigt er unser widersprüchliches Verhältnis zur Natur.

Edition Salzgeber

Von Jan Künemund


Die vorpommersche Ostseestadt Vineta soll der Sage nach wegen des Hochmuts ihrer Bewohner im Meer versunken sein. Vineta heißt auch die Produktionsfirma des Dokumentarfilmemachers Volker Koepp, der mit "Seestück" nun seinen stürmischen und ganz eigenwillig fließenden Film über die Ostsee präsentiert.

Wie schon in "Landstück", seinem vorherigen Film, dient als roter Faden der Eingriff des hochmütigen Menschen in die Natur. Was dies für das erst 12.000 Jahre alte "Kleinkind" unter den Weltmeeren heißt, geht Koepp in seinen Gesprächen zwischen Vorpommern, Schweden, Estland, Lettland, Kaliningrader Gebiet, Bornholm und Polen ohne langes Warten ins Netz: Der Tourismus läuft aus dem Ruder, die Häfen werden zu Industriegebieten für Flüssiggas und Öl, seit der Krimkrise wird der gesamte Ostseeraum wieder aufgerüstet - und alles, was an Plastik, Düngern und Arzneimitteln im Umlauf ist, fließt irgendwann auch noch ins Meer. Wie wirken eigentlich Antidepressiva auf Fische, fragt ein Biologe. Wo sind die überhaupt, fragt ein 80-jähriger Fischer: "Muss ja irgendwas mit der Umwelt zu tun haben."

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10  Bilder
Dokumentarfilm "Seestück": Das Kleinkind unter den Weltmeeren

Auf den Bildern von Caspar David Friedrich ist der Mensch Teil der Natur, er steht ihr ergriffen gegenüber, nicht als Herrscher. Für Koepps "Seestück" komponiert Kameramann Uwe Mann immer wieder Meeresbilder, die man so, ganz ohne CGI, noch nicht im Kino gesehen hat. Wenn, wie gleich im ersten Bild, die schäumenden Wellen nach rechts rollen und das Bild nach links weggleitet, überfällt einen fast ein Schwindel angesichts der Haltlosigkeit jeglicher Perspektive.

Stillstehende Flügel im tosenden Windpark

Wie kann dieses chaotische, große, natürliche Durcheinander zur Schifffahrtsrinne, zur Kreuzfahrtroute, zum Militärgelände, zum Industriegebiet, zur Offshore-Anlage funktionalisiert werden, fragt der Film, und zeigt in einem besonders absurden Bild für menschliche Beherrschungsversuche die stillstehenden Flügel eines von tosenden Wellen umgebenen Windparks.

Die Reisen, die der Filmemacher kreuz und quer über die Ostsee unternimmt, haben immer die Erinnerung an eine Zeit vor 1989 im Schlepptau, in der sie ihm als DDR-Bürger nicht möglich waren. Die unerreichbaren Küsten, bewundert auf den Seestücken der Maler, beschrieben in den Gedichten von Bobrowski und Tranströmer, lagen hinter dem Eisernen Vorhang oder waren russisches Sperrgebiet wie das lettische Liepja oder die Oblast Kaliningrad. Das Meer mit seinem freien Horizont war in der DDR ein streng bewachtes Grenzgebiet, das über 5000 Bürger auf Surfbrettern, Luftmatratzen und Faltbooten todesmutig zu verlassen suchten.


"Seestück"
Deutschland 2018

Regie: Volker Koepp
Drehbuch: Volker Koepp, Barbara Frankenstein
Verleih: Salzgeber & Company Medien
FSK: ohne Altersbeschränkung
Länge: 135 Minuten
Start: 13. September 2018


Seit den Neunzigerjahren gleicht Koepp seine unerreichbaren Sehnsuchtsbilder an den Lebenswirklichkeiten der Menschen vor Ort ab. Zur Kurischen Nehrung und den schwedischen Schären sind die Wege nun offen. Nach Vineta oder Sarmatien, dem Traumland des Dichters Bobrowski, reist er immer noch mit der eigenen Vorstellungskraft.

Die Menschen, die Koepp trifft, sprechen in verschiedenen Sprachen über die Ostsee. Oft klingt es wie eine Beschwörung. "Todeszone" sagt der Biologe. "Investition" die Stadtverordnete. Vom "atmenden Moorkörper" spricht der Ökologe, vom Kreuzfahrtschiff als "Hühnerfarm" der Schlepperkapitän. Ein segelnder Romanistikprofessor zitiert Baudelaire, und der Fischer sagt "Heringe", "Zander" und "Aal", als ob er eine Zauberformel spricht.

"Aber die Ostsee ist ja ganz schön, nicht?"

"Alles, wonach wir uns sehnen, kommt mit dem Schiff", schrieb einst die finnisch-schwedische Schriftstellerin Ulla-Lena Lundberg, und Koepp zeigt dazu US-Panzer auf einer Fähre. Die Menschen in den baltischen Küstenregionen sind wie die Skandinavier besorgt über Russlands Aufrüstung. Ein Paar an der Kurischen Nehrung glaubt sich von Politik weit genug entfernt, aber im Fernsehen laufen Propagandabilder über die ukrainische Armee.

Die berühmten offenen Fragen Koepps verfangen wieder ganz wunderbar. "Wie war denn Ihr Lebensweg?", und: "Lieben Sie die Ostsee?" Die zu lebendigen Standbildern vor die Kamera gesetzten Menschen lachen dann und kommen ins Denken. Wenn die ökologischen Bedrohungsszenarien überhand nehmen, sagt Koepp: "Aber die Ostsee ist ja ganz schön, nicht?"

Und wenn sich doch jemand mit eigener Agenda der sanften Führung durch den Filmemacher entzieht, hilft die Natur aus. So wie bei Michael Succow, Träger des Alternativen Nobelpreises und unermüdlicher Ankläger einer hochmütigen Naturherrschermenschheit. Der spricht gerade vom Raum, den sich die Natur zurücknimmt, als ihn die Böen eines aufziehenden Gewitters aus dem Bild pusten.

Im Video: Der Trailer zu "Seestück"

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
leotron 12.09.2018
1. Ein Leben lang
Seit 1965 habe ich dieses Meer immer wieder in alle Richtungen bereist. Egal ob als Seemann bei der norwegischen Handelsmarine oder später dann als ewiger Urlauber nach Skandinavien und Finland. Es war immer traumhaft und erlebnisreich. Nun, in die Jahre gekommen (73) schmerzt es mich, was die raff- und geldgierigen Mitmenschen aus diesem Meer gemacht haben und immer noch machen. Da weht mich eine Briese Traurigkeit an, trotzdem, danke Ostsee!
karl-felix 12.09.2018
2. Nicht
Zitat von leotronSeit 1965 habe ich dieses Meer immer wieder in alle Richtungen bereist. Egal ob als Seemann bei der norwegischen Handelsmarine oder später dann als ewiger Urlauber nach Skandinavien und Finland. Es war immer traumhaft und erlebnisreich. Nun, in die Jahre gekommen (73) schmerzt es mich, was die raff- und geldgierigen Mitmenschen aus diesem Meer gemacht haben und immer noch machen. Da weht mich eine Briese Traurigkeit an, trotzdem, danke Ostsee!
so defätistisch . Es gibt auch Lichtblicke. So ist das Wasser und die Luft der Ostsee deutlich sauberer geworden und profitieren enorm von den neuen Grenzwerten . Im küstennahen Bereich ist die Konzentration von S02 beispielsweise um bis zu 80% zurückgegangen . Aber es ist wie überall in der Natur, egal ob beim Waldsterben , der Atmosphäre oder den Böden : Eine Ewigkeitsaufgabe, denjenigen die aus lauterer Geldgier Luft,Wasser und Böden vergiften und als billig Müllkippen mißbrauchen , auf die Finger zu klopfen . Aber das wird schon . Kein Mensch baut mehr in Deutschland ein AKW oder KKW , der nächste Gegner sind die Schwerölverbrenner. Also : Nur Mut ! Viel Feind, viel Ehr ´ Und nie vergessen : immer zuerst vor der eigenen Haustür fegen . Wir machen am Samstag 2 km Flussufer. Das werden garantiert 2 LKW voll Gerümpel und Plastik- muß man das Niedrigwasser nutzen . Was ich mal interessiert : Wie kommen eigentlich die Seevögel mit diesen schwimmenden Hochhäusern klar ? An Land kann man morgens bei uns immer die toten Vögel einsammeln am Hochhaus..
marie-kalb 20.09.2018
3.
Zitat von leotronSeit 1965 habe ich dieses Meer immer wieder in alle Richtungen bereist. Egal ob als Seemann bei der norwegischen Handelsmarine oder später dann als ewiger Urlauber nach Skandinavien und Finland. Es war immer traumhaft und erlebnisreich. Nun, in die Jahre gekommen (73) schmerzt es mich, was die raff- und geldgierigen Mitmenschen aus diesem Meer gemacht haben und immer noch machen. Da weht mich eine Briese Traurigkeit an, trotzdem, danke Ostsee!
So dramatisch würde ich es nun auch nicht sehen! Mein Vorredner hat ja schon einige "Lichtblicke" angesprochen, gerade die Salzige Seeluft und der kühle Wind locken immer noch viele Urlauber an die Ostsee. Wir waren diese Jahr im Seeheilbad Graal-Müritz (http://ostsee-ferienwohnung.com/orte-regionen/graal-mueritz.html) und es war wirklich schön - auch wenn wir da natürlich auch einige der im Film angesprochenen Aspekte gesehen. Und man darf elider auch nicht vergessen das bis Ende des Jahrhunderts sich die Luft in der Ostsee-Region um weitere drei bis sechs Grad erwärmen könnte :(
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