Dokumentarfilm "The Corporation": Die Monster AG
Ein Unternehmen ist juristisch gesehen eine Person, aber was für eine? Ein kanadischer Dokumentarfilm kommt zu dem Ergebnis, dass sich Konzerne in der Regel wie klinische Psychopathen verhalten.
Kinoplakat "The Corporation": Düsteres Bild moderner Großunternehmen
New York - Nach den gängigen Kriterien der Psychiatrie ist das gemeine Unternehmen ein Wrack. Es ist selbstsüchtig, kaltblütig und hinterhältig. Es verletzt mit schöner Regelmäßigkeit ethische und rechtliche Normen. Es empfindet weder Schuld noch Reue. Gleichzeitig ist es in der Lage, dem Rest der Welt Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl vorzutäuschen.
Dies düstere Bild moderner Konzerne zeichnen die Kanadier Mark Achbar, Jennifer Abbot (beide Regie) sowie Joel Bakan (Drehbuch) in ihrem Dokumentarfilm "The Corporation". Das Unternehmen, argumentiert Bakan, sei die beherrschende Organisationsform der Neuzeit und habe in den vergangenen hundert Jahren eine Machtposition erreicht, die in früheren Zeiten bestenfalls die Kirche oder die Kommunistische Partei inne hatten. Ähnlich wie ihre Vorgänger sei auch das Unternehmen ein Monster: Es habe eine Rechtspersönlichkeit, aber keinerlei staatsbürgerliche Verpflichtungen. Weil es nur nach Profit strebe und sich nicht um die Folgen seiner Handlungen kümmere, entfalte es eine schreckliche, zerstörerische Kraft.
Keine ganz neuen These. Dennoch ist die Fundamentalkritik an der wichtigsten Organisationseinheit des Kapitalismus in weiten Strecken beachtenswert gut durchargumentiert. Für den Film hat das Team über sechs Jahre lang recherchiert und mehr als 70 Manager und Akademiker interviewt, darunter übliche Verdächtige wie Unternehmenskritikerin Naomi Klein ("No Logo") aber auch Kapitalismusikonen wie den Ökonomen und Nobelpreisträger Milton Friedman.
Intelligenter als Moore
Der Film, der bereits zahlreiche Festivalpreise gewonnen hat, wird bereits als nächster "Bowling For Columbine" ("The Globe and the Mail") bejubelt. Der Vergleich mit dem Michael-Moore-Film ist für die Regisseure auf den ersten Blick zwar schmeichelhaft, wird "The Corporation" allerdings bei genauerer Betrachtung nicht gerecht. Wenn Moore mit Unternehmen zu tun hat, arbeitet er immer nach derselben billigen Masche: Er taucht unangemeldet vor dem Konzernhauptquartier auf und filmt die hilflose Reaktion des Pförtners oder Pressesprechers. Wenn der Vorstandschef nicht stante pede persönlich erscheint, stellt Moore dies als Schuldeingeständnis dar.
Amerikanisches Pendant Moore: Mehr Propagandist als Dokumentar
Das Ergebnis beeindruckt. Da ist zum Beispiel Lucy Hughes vom weltgrößten Werbevermarkter Initiative. Die Managerin hat in einer viel beachteten "Quengel-Studie" dargelegt, wie man kleine Kinder mittels Werbung dazu bringt, ihre Eltern zu nerven - damit diese ein Spielzeug oder eine Süßigkeit kaufen. Ist eine gezielte Manipulation von Kindergehirnen ethisch vertretbar? Die moralische Frage stellt sich für Hughes nicht. Sie sei "stolz auf ihren Job" und bezeichnet ihr Vorgehen als "ein Spiel".
Oder Michael Walker, Direktor des Think Tanks Fraser Institute. Walker zeichnet vor laufender Kamera ein besonders rosiges Bild der Globalisierung. Am Anfang, erläutert er, wedelten hungernde Menschen in Entwicklungsländern "mit Fahnen und rufen: 'Rettet uns'". Dann baue ein netter westlicher Konzern vor Ort Fabriken und schaffe Arbeit und Wohlstand. Wenn die Fabrik dann nach einigen Jahren aus Kostengründen anderswohin verlagert werde, sind in Walkers Bilderbuch-Marktwirtschaft alle Menschen bereits "rund und gesund".
Die Guten im Schlechten
Seine Schwächen offenbart der Film, wenn er ohne Not auf Effekthascherei setzt. Die realitätsfremden Aussagen von Leuten wie Walker könnten für sich stehen. Achbar und Abbott können es sich jedoch nicht verkneifen, Bilder von ausgemergelten Kindern dagegen zu schneiden. Bedauerlich ist auch, dass die Kanadier eine äußerst spannende Frage aufwerfen, diese aber nicht befriedigend beantworten: "Wie und warum verleiten die Zwänge eines gewinnorientierten Unternehmens Top-Manager dazu, Moral und Ethik über Bord zu werfen?"
Ein gutes Beispiel ist der für den Film interviewte ehemalige Chef von Royal Dutch Shell, Sir Mark Moody-Stuart. Der Brite ist ein freundlicher, sensibler Kerl. Als einige Umweltaktivisten etwa ein "Mörder"-Transparent an seinem Haus befestigen, lädt er sie zum Tee im Garten ein und diskutiert mehrere Stunden lang mit ihnen. Seine Frau entschuldigt sich sogar bei den anwesenden Veganern, dass sie keine Sojamilch vorrätig hat. Wie kann es sein, dass derselbe Mensch als Chairman von Shell das Niger-Delta zerstört und totalitäre Regime unterstützt? Eine Antwort hat der Film leider nicht parat.
Fairerweise muss man sagen, dass das Ziel des Filmes wohl ein schlichteres ist. Er habe, so Joel Bakan, dem Zuschauer in geballter Weise das "Gegenmittel der Realität" verabreichen wollen. Den meisten Menschen sei nicht bewusst, dass die unkontrollierte Ausbreitung großer Konzerne Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechte gefährde. Diesem politischen Anliegen folgend, widmet sich "The Corporation" in der zweiten Hälfte auch nicht weiter der psychopathischen Persönlichkeitsstruktur des Patienten, sondern dokumentiert ausgiebig dessen Missetaten.
Keine Therapiemöglichkeiten
Die Macher des Films Mark Achbar, Joel Bakan und Jennifer Abbott: "Letztlich läuft man als Manager vor die Wand"
Hoffnung für den Patienten gibt es nach Ansicht Bakans kaum. Als positives Beispiel wird zwar Ray Anderson angeführt, Chef des weltgrößten Teppichproduzenten Interface. Sein Unternehmen will bis 2020 zu 100 Prozent nachhaltig wirtschaften. Jurist Bakan glaubt allerdings, dass einzelne Personen große Konzerne nicht in verantwortungsbewusste, soziale Organisationen verwandeln können - die rein am Profit orientierte Struktur lasse das nicht zu. "Man hat etwas Spielraum, aber letztlich läuft man als Manager damit vor die Wand", so Bakan.
Alles in allem ist "The Corporation" ein sehenswerter Film. Zwar ist Achbar wie auch Moore häufig mehr Propagandist als Dokumentar, aber er geht mit dem Thema und den handelnden Personen fairer und differenzierter um als sein amerikanisches Pendant. Selbst überzeugten Marktwirtschaftlern muss mulmig werden, wenn der Rohstoffhändler Carlton Brown im Plauderton seinen ersten Gedanken nach den Anschlägen vom 11. September beschreibt: "Um wie viel", sei es ihm durch den Kopf geschossen, "ist der Goldpreis gestiegen?"
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