Alzheimer-Doku "Vergiss mein nicht": Abschied vom Ich

Von Daniel Sander

Einfühlsames Porträt oder schwerer Eingriff in die Privatsphäre? In seinem Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" begleitet der Regisseur David Sieveking seine alzheimerkranke Mutter auf ihrer Reise in die Demenz.

David Sieveking hat kein Problem damit, sich selbst zum Thema seiner Filme zu machen. Sein letzter, der ziemlich tolle Dokumentarfilm "David wants to fly" aus dem Jahr 2010, handelte davon, wie er seinem Idol David Lynch in die Erleuchtung durch Transzendentale Meditation folgen wollte und dabei sowohl von Lynch als auch der Transzendentalen Meditation schwer enttäuscht wurde. Und wie nebenbei seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat. Man kann sich fragen, ob man unbedingt so viel über Sievekings Privatleben erfahren wollte, aber gerade weil der Film so ungezwungen persönlich war, war er auch so unterhaltsam.

Für seinen neuen Film "Vergiss mein nicht", der heute in die Kinos kommt, ist Sieveking noch einen Schritt weiter gegangen. Hier geht es nicht um seine Beziehung zu einer fremden und entrückten Figur der Öffentlichkeit wie Lynch, sondern um die zu seiner eigenen Mutter Gretel. Es ist das Porträt einer stolzen Frau, die einst NDR-Moderatorin war, dann vom Staatsschutz überwachte Revolutionärin in der Schweiz, und immer Feministin, für die nur eine offene Ehe in Frage kam. Eine starke und faszinierende Persönlichkeit, der irgendwann eine Krankheit die Persönlichkeit zu nehmen begann. Alzheimer.

David Sieveking erzählt im Film, wie ihm erst nur auffiel, dass immer mehr Merkzettel am Kühlschrank seiner Eltern klebten. Dass Gretel plötzlich nicht mehr seinen geliebten Milchreisauflauf kochte, wenn er sie im hessischen Bad Homburg besuchte. Dass es am Heiligabend nur Suppe gab und keine Geschenke. Kleine Schritte, mit denen sich die Mutter langsam aus der Welt zurückzog. Bis man kaum noch sagen konnte, ob sie überhaupt noch wirklich da war.

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Alzheimer-Doku "Vergiss mein nicht": Reise in die Demenz
Der Großteil von "Vergiss mein nicht" ist entstanden, als Sieveking für ein paar Wochen in seinem Elternhaus einzog, um seinem zunehmend ausgebrannten Vater eine Auszeit von der Vollzeitbetreuung zu gönnen. Es ist ein Schock für ihn, wie weit die Krankheit da schon fortgeschritten ist, wie zerbrechlich seine Mutter geworden ist. Sie erkennt ihn oft nicht, verwechselt ihn mit ihrem Mann, kann kaum klare Sätze formulieren, möchte nicht mehr nach draußen gehen und gleitet immer wieder und immer häufiger ab in einen unbestimmten Dämmerzustand.

Respektvoller Voyeurismus

Die Kamera ist stets dabei, ob beim deprimierenden Arztbesuch oder dem gescheiterten Versuch, gemeinsam ins Schwimmbad zu gehen. Es sieht nicht so aus, als ob es die Mutter stören würde. Aber man fragt sich dabei natürlich, ob das auch der Fall wäre, wenn sie noch Herrin ihrer Sinne wäre.

"Vergiss mein nicht" ist ohne Frage ein sehr einfühlsamer, respektvoller Film. Sieveking will das langsame Sterben seiner Mutter nicht für sensationalistische Zwecke ausbeuten, viel mehr will er ihr ein Denkmal setzen und schreibt ihr dabei einen rührenden, filmgewordenen Liebesbrief. Trotzdem macht er den Zuschauer zwangsläufig zum Voyeur, weil er intimste Details über jemanden preisgibt, der nicht mehr versteht, was das bedeutet, der nicht einmal einschätzen kann, dass er gerade die Hauptfigur in einem Kinofilm wird.

Auch wenn es ein guter geworden ist.


Vergiss mein nicht. Start: 31.1., Regie: David Sieveking.

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insgesamt 28 Beiträge
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1.
spon-facebook-10000283853 31.01.2013
Zitat von sysopEinfühlsames Porträt oder schwerer Eingriff in die Privatsphäre? In seinem Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" begleitet der Regisseur David Sieveking seine alzheimerkranke Mutter auf ihrer Reise in die Demenz. Dokumentarfilm Vergiss mein nicht von David Sieveking - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/dokumentarfilm-vergiss-mein-nicht-von-david-sieveking-a-880585.html)
Zeigt welches Verhältnis er zu seiner pomisken und offenbar etwas gefühlskalten Mutter hatte - er verwurstet ihren tragischen Verfall in einer "Doku" ... Ich denke nicht, dass ein Sohn mit einem wirklich guten Verhältnis zur Mutter tun würde.
2. optional
Sandkorn2010 31.01.2013
voyeurismus hin oder her. das thema muss an die öffentlichkeit. die zeit rennt uns davon!!! siehe demenzblog http://dements.wordpress.com/
3. Demenz
Demenz "Bilder" 31.01.2013
?ch freue mich sehr über einen Kinobeitrag der auf der einen Seite den "Zerfall" des ?ch's darstellt.. Andereseits das grosse Problem der Angehörigen wie mit der Erkrankung umgegangen werden muss. Da ich selbst in der Pflege bin, beschäftige ich mich stark mit dem Thema "Demenz". Man muss den Demenzerkrankten auf emotionaler Ebene positiv berühren ,nicht sagen was richtig o falsch ist. Es gibt in der Welt des Erkrankten kein Falsch o richtig.. Es gibt viele ungeordnete Bilder Zigtausende.. Keine Zuordnung..Welches Bild wohin gehört..Ein Demenzerkrankter wüsste nie das er "Anders" geworden ist. Gehen Sie jeglicher Form von Diskussion aus dem Weg. Gehen Sie in die Welt des Dementen mit einem positiven Lächeln u verlassen Sie diese auch so in Augenhöhe und ohne den Rücken zuzukehren.. Ein kleiner Anreiz.. Vielleicht.. Auf jeden Fall für mich ein Kinofilm den ich gerne sehen möchte..
4. Endlich
rotbarth 31.01.2013
hat ein Angehöriger den MUT, diese grausame Krankheit zu dokumentieren. Die Bemühungen der Angehörigen, die lustigen Seiten der Erkrankung und die Tragödie. Im Normalfall bekommt man im TV in 3 Minuten ein nettes, älteres Ehepaar zu sehen, die Fotoalben durchblätten. Großartig, dass nun e n d l i c h eine Dokumentation entstanden ist. Ich weiß von was ich spreche. Mein Mann hat mit 55 die Diagnose bekommen. Vielen Dank Herr Sieveking.
5.
lkm67 31.01.2013
Zitat von spon-facebook-10000283853Zeigt welches Verhältnis er zu seiner pomisken und offenbar etwas gefühlskalten Mutter hatte - er verwurstet ihren tragischen Verfall in einer "Doku" ... Ich denke nicht, dass ein Sohn mit einem wirklich guten Verhältnis zur Mutter tun würde.
Ich kann ihnen nicht wirklich folgen und habe überhaupt nicht das Gefühl habe das dort irgendetwas "verwurstet" wird. Ausserdem sehe ich das Projekt eher als ein Dokument der Liebe an, als eines des fehlenden Respekts.
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