Dokumentarfilm "Watermark" Der ewige Durst

Die Dokumentation "Watermark" fängt in so berauschenden wie bedrückenden Bildern die Faszination von Wasser ein. Und stellt die Frage: Wie geht der Mensch eigentlich mit seiner kostbarsten Lebensressource um?

Senator

Von Martin Baierlein


Wassermassen füllen die Leinwand. Vor dem chinesischen Staudamm wirkt der Tourist mit seinem Foto-Apparat und dem Regenschirm klein und schutzlos. Ein Ameisenheer von Ingenieuren und Wanderarbeitern wuselt auf der Mega-Baustelle, die wie eine Raumstation über den Fluss ragt.

Dagegen wirken die Flussadern des Colorado-Deltas im nördlichen Mexiko aus der Luft wie zarte, abstrakte Ölgemälde. Doch aus der Nähe sind sie ausgetrocknet. Das Wasser geht in die kreisförmigen Bewässerungsanlagen des Imperial Valley in Kalifornien, um Wüste in Farmland zu verwandeln. Den mexikanischen Indianern am Delta aber raubt das die Lebensgrundlage. Fische gibt es hier schon lange nicht mehr.

Seit Jahren widmet sich der kanadische Fotograf Edward Burtynsky dem vielleicht selbstverständlichsten und gleichzeitig wichtigsten Thema überhaupt: dem Wasser. Seine hochauflösenden Fotografien - zu sehen auch im Bildband "Burtynsky: Water" - werden rund um die Welt ausgestellt. Und nun geraten die Bilder in Bewegung. Wie schon für den Film "Manufactured Landscapes" über von Menschenhand manipulierte Landschaften hat sich Burtynsky für "Watermark" mit der Dokumentarfilmerin Jennifer Baichwal und dem Kameramann Nicholas de Pencier zusammen getan, um sich dem Thema von jedem Winkel aus zu nähern.

"Klagelied auf den Verlust"

In zehn Ländern haben sie - teils mit ferngesteuerten Hubschraubern und Kränen - ihr Material gesammelt. Entstanden ist ein Tableau aus 20 Geschichten über das Wasser, darüber wie wir es formen und davon geformt werden.

Fotostrecke

4  Bilder
Dokumentarfilm "Watermark": Schwindender Überfluss
"Watermark" liefert beeindruckende Kontraste - aus entrückter Vogelperspektive, sowie in genauer Detailbeobachtung: 30 Millionen Pilger, die sich im Ganges von ihren Sünden rein waschen; kalifornische Surfer, die gewaltige Riesenwellen bezwingen; Eiskernforscher, die in Grönland den Klimawandel ergründen. Es sind epische Bilder an der Grenze zur bildenden Kunst, und sie wollen unseren Blick dafür schärfen, wie abhängig wir von dieser kostbarsten aller Ressourcen sind.

Kommentiert wird die Collage von verschiedenen Experten mit ihrer je eigenen Weltsicht, zum Beispiel einem kanadischer Indianer: "Die Wolke ist das Wasser, das die Erde berührt", sagt er, und meint damit, dass wir Teil eines Kreislaufs sind, wenn der Regen über die Nahrung wieder in uns zurückfließt. Burtynsky will darauf hinaus, dass der massive und unstillbare globale Durst diesen Kreislauf empfindlich stört, irgendwann sogar zerstört. "Ein Klagelied auf den Verlust" nennt er seine Arbeit selbst. Dazu braucht er gar keine Polemik. Er lässt einfach die Bilder sprechen.

Etwa die von den Nachbarn einer Gerberei in Bangladesch, die sich in einer Chemiekloake waschen müssen, während die dort produzierten Schuhe in den Westen exportiert werden. Oder von den Fontänen vor den Hotels in Las Vegas, die zur Unterhaltung in die Wüstenluft geschossen werden, während nebenan am ausgetrockneten Owen's Lake der Boden kostspielig befeuchtet werden muss, um die Bewohner vor Staubstürmen zu schützen. Burtynskys Fazit ist so simpel wie bitter: Der Mensch kann Wasser zwar umleiten, aber nie beherrschen. Beherrschen kann nur das Wasser den Menschen.

Was nicht heißt, dass der Mensch es nicht immer weiter versucht. Der Verteilungskampf um die Ressource der Zukunft ist längst in Gang. Ein Film wie "Watermark" kommt damit genau zur richtigen Zeit. So ein poetischer und politischer Blick auf dieses kostbare Gut lässt uns vielleicht ein bisschen Demut fühlen, wenn wir das nächste Mal den Wasserhahn aufdrehen.


"Watermark". Start: 15.5. Regie: Jennifer Baichwal, Edward Burtynsky. Bis zum 25.5. zeigt die Berliner Galerie Springer in der Fasanenstraße noch die Ausstellung "Edward Burtynsky: Water, Part 2, New Releases".



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
hypnos 15.05.2014
1. Wasser nur gegen Geld
Zitat von sysopSenatorDie Dokumentation "Watermark" fängt in so berauschenden wie bedrückenden Bildern die Faszination von Wasser ein. Und stellt die Frage: Wie geht der Mensch eigentlich mit seiner kostbarsten Lebensressource um? http://www.spiegel.de/kultur/kino/dokumentarfilm-watermark-wasser-edward-burtynsky-a-969420.html
Der Nestle-Konzern (Perrier & Co) ist da schon weiter: Wasser soll grundsätzlich als Produkt nur gegen Geld abgegeben werden. In Berlin waren ja die Wasserwerke privatisiert. Jetzt stehen Kosten sozialisiert) Sanierungen an. PPS und Vermarktung sind doch wunderbar.
Oberleerer 15.05.2014
2.
Offenbar kann der Mensch das Wasser doch beherrschen. Die großen Probleme entstehen dabei da, wo die Infrastruktur privatisiert ist.
Topf Gun 15.05.2014
3. Wie
Zitat von sysopSenatorDie Dokumentation "Watermark" fängt in so berauschenden wie bedrückenden Bildern die Faszination von Wasser ein. Und stellt die Frage: Wie geht der Mensch eigentlich mit seiner kostbarsten Lebensressource um? http://www.spiegel.de/kultur/kino/dokumentarfilm-watermark-wasser-edward-burtynsky-a-969420.html
der Mensch damit umgeht ? Ganz einfach. Als gäbe es kein Morgen....
Topf Gun 15.05.2014
4. Ich
Zitat von OberleererOffenbar kann der Mensch das Wasser doch beherrschen. Die großen Probleme entstehen dabei da, wo die Infrastruktur privatisiert ist.
nehme Sie mal mit, wenn unser Verein unseren Bach auf etwa 6km reinigt. Dann dürfen Sie feststellen, dass JEDER und ich sage wirklich JEDER alles achtlos in die Gewässer wirft. Von wegen und "privatisierte Infrastruktur"....
BettyB. 15.05.2014
5. Dumm nur...
Wer weniger Wasser in Köln trinkt, hilft weder sich selbst noch den Menschen in der Sahelzone...
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