Treuhand-Dokumentation "Goldrausch" Für eine Handvoll D-Mark

Ein Land als Resterampe: Die Kinodokumentation "Goldrausch" lässt erstmalig ehemalige Mitarbeiter erzählen, wie die Treuhand bei ihren dunklen Geschäften vorgegangen ist. Aus dem sperrigsten Kapitel der deutschen Einheit wird so ein eindringliches Lehrstück über Geld und Gier.

Von Sonja Hartwig


Die ersten Bilder des Films zeigen deutsche Überschaubarkeit: Ein still ruhender See vor bergiger Postkartenkulisse; ein Einfamilienhaus mit Gartentor und akkurat geschnittener Hecke; ein Mann mit kurzen weißen Haaren und weißem Hemd tritt heraus, geht in die Garage. In Regalen sind Aktenordner aufgereiht, und der Mann sagt in überlegten Sätzen: "Ich greife schon gerne ab und zu mal wieder in die Akten, ja, weil mich das beschäftigt. Es war die wichtigste Zeit meines Lebens, und ich bin mit einem großen Anspruch auch an mich selbst an diese Aufgabe herangegangen. Und ich musste hinterher feststellen, dass ich in vielen Dingen zu naiv an diese Aufgabe herangegangen bin, dass ich nicht gut aufgepasst habe."

Der Mann blättert in Akten, auf denen in Schreibmaschinenschrift steht: Treuhandanstalt Niederlassung Halle. Zwei Jahre lang, von 1990 bis 1992, war er dort Direktor. Spätestens jetzt ist klar: In der überschaubar anmutenden Welt liegt eine unübersichtliche Geschichte. Es ist die Geschichte der Treuhand, einer Institution, die den Menschen der DDR etwas zurückgeben sollte, ihnen aber aus Sicht vieler Menschen alles genommen hat - ihre Jobs, ihre Firmen, ihre Existenzen. Es ist die Geschichte einer Institution, die alle Betriebe des Ostens privatisieren sollte und bei der Geschäftsleute aus dem Westen leicht Beute machen konnten. Die Dokumentation "Goldrausch" erzählt dieses dunkle Kapitel deutsch-deutscher Wirtschaftsgeschichte erstmals aus der Perspektive einiger Verantwortlicher.

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Treuhand-Dokumentation "Goldrausch": Für eine Handvoll D-Mark
Zum Beispiel aus Sicht von Klaus Klamroth, jenem Treuhanddirektor aus Halle. Klamroth, Manager in Heidelberg und in Sachsen-Anhalt aufgewachsen, bewirbt sich im August 1990 auf die Anzeige: "Wir suchen Profis für die DDR". Er geht zurück in seine ostdeutsche Heimat und ist für 669 Firmen zuständig: Davon werden etwa 200 geschlossen; die meisten anderen ostdeutschen Unternehmen gehen an westdeutsche Unternehmer. Erzählt wird auch aus Sicht von Detlef Scheunert, einem der wenigen Ostdeutschen, die bei der Treuhand in Spitzenpositionen kamen; und aus Sicht von Treuhand-Managern, DDR-Bürgerrechtlern, des Volkskammervizepräsidenten und des Abteilungsleiters im Bundesfinanzministerium.

Die meistgehasste Institution der Einheit

Der Film klagt nicht an, verteidigt auch nicht, sondern versucht zu verstehen, was passiert, wenn aus einer Planwirtschaft eine Marktwirtschaft wird. Und er zeigt auf, was alles schiefgehen kann (und schiefgegangen ist), wenn es an allem fehlt - an Zeit, an Erfahrung, an Kontrolle. Die Treuhand, im Frühsommer 1990 gegründet, kümmerte sich um 8400 Betriebe und vier Millionen Arbeitnehmer. Die Ernüchterung zeigte sich nach vier Jahren: knapp 4000 geschlossene Betriebe, 2,5 Millionen verlorene Arbeitsplätze und 256 Milliarden Mark Schulden.

Sie war die meistgehasste Institution der Einheit, ihre Fehler wurden nie wirklich aufgedeckt, viele Täter, die sich horrende Summen einsteckten, nie angeklagt. Die Geschichte der Treuhand ist daher eine, die nicht gern erzählt wird: zu riskant, zu sensibel, zu sperrig. Der Film "Goldrausch" versucht es trotzdem. Er rafft die Chronik der Privatisierung, fasst Skandale des Ausverkaufs zusammen, lässt Zeitzeugen sprechen, begleitet sie in ihren damaligen Alltag und skizziert so die Überforderung der Macher und die Unübersichtlichkeit der Geschäfte. "Man hätte schon etwas mehr auswählen können, wenn man mehr Zeit gehabt hätte", sagt Klaus Klamroth, der Mann mit weißem Haar und weißem Hemd zu der Auswahl derjenigen, die Beute machten.

Die Dokumentation ist keine lückenlose Aufklärung, aber ein gut erzähltes Lehrstück über Geld und Gier im damals noch immer gespaltenen Deutschland: Über das, was passiert, wenn die eine Seite etwas zu verschenken hat und die andere Seite weiß, welche Geschenke sie sich nicht entgehen lassen will.


Goldrausch. Start: 30.8.; Produzent: Thomas Kufus. Mit den Protagonisten Klaus Klamroth, Detlef Scheunert.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
PublicTender 30.08.2012
1.
Zitat von sysopzero one film/ Andreas SchloeselEin Land als Resterampe: Die Kinodokumentation "Goldrausch" lässt erstmalig ehemalige Mitarbeiter erzählen, wie die Treuhand bei ihren dunklen Geschäften vorgegangen ist. Aus dem sperrigsten Kapitel der deutschen Einheit wird so ein eindringliches Lehrstück über Geld und Gier. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,852586,00.html
Als Westdeutscher kann ich nur danken. Den Menschen im Osten, dafür dass sie die Wiedervereinigung ermöglicht haben und, trotz solcher Rabiatkuren und Beutezüge wie durch die Treuhand legitimiert, die Geduld hatten und immer noch haben auf eine gemeinsame und gute Zukunft zu hoffen. Liebe Ossis, an dieser Stelle: Danke!
Onkel Uwe 30.08.2012
2.
Schön das sich mal irgendjemand mit dem Thema beschäftigt. Noch mehr werde ich mich freuen, sollte sich tatsächlich mal die deutsche Justiz um die Leute kümmern. Aber das geschieht wahrscheinlich erst, wenn die Täter zu alt sind um sie vor Gericht zu stellen. Tja... Pech...
kallecontra 30.08.2012
3. übernahme
ja, wichtig, mehr davon... diese herren haben was vorurteile und verbrechertum angeht sicher einige generationen auf dem gewissen
a1001 30.08.2012
4. Titel
Zitat von sysopzero one film/ Andreas SchloeselEin Land als Resterampe: Die Kinodokumentation "Goldrausch" lässt erstmalig ehemalige Mitarbeiter erzählen, wie die Treuhand bei ihren dunklen Geschäften vorgegangen ist. Aus dem sperrigsten Kapitel der deutschen Einheit wird so ein eindringliches Lehrstück über Geld und Gier. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,852586,00.html
Unbedingt auch "Beutezug Ost" anschauen!
Brigante 30.08.2012
5. Die
Zitat von sysopzero one film/ Andreas SchloeselEin Land als Resterampe: Die Kinodokumentation "Goldrausch" lässt erstmalig ehemalige Mitarbeiter erzählen, wie die Treuhand bei ihren dunklen Geschäften vorgegangen ist. Aus dem sperrigsten Kapitel der deutschen Einheit wird so ein eindringliches Lehrstück über Geld und Gier. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,852586,00.html
beste Szene ist die, wo die noch junge Frau Merkel – an Kohls Seite – die Hand vor die Linse hält, um Aufnahmen zu verhindern. Unsere Kanzlerin war schon damals sehr prädestiniert für demokratische und transparente Gepflogenheiten.
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