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Dokumentation "Sergej in der Urne": Ahnendrama um Aschebuddel

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Ein Mann, ein Jahrhundert. In dem Dokumentarfilm "Sergej in der Urne" begibt sich Boris Hars-Tschachotin auf familiäre Spurensuche. Zwischen Schutt und Asche entdeckt er einen schillernden Urahnen, den Europas Geschichte geprägt hat - eine so spannende wie skurrile Odyssee.

Vater und Söhne: Drama um den Urnengang Fotos
Liquid Blues Production

Passt ein ganzes Jahrhundert in ein Menschenleben? Noch dazu das lange 20. mit seinen Revolutionen, Weltkriegen, wissenschaftlichen Quantensprüngen? Kann eine einzige Biografie die Gipfel und Abgründe dieser monströsen Jahrzehnte widerspiegeln? Unmöglich, denkt man.

Dann sieht man diesen Film.

Der Himmel über Berlin, das ist die Eingangsszene. Ein junger Mann mietet ein Sportflugzeug - aber nicht um die Stadt von oben zu betrachten, sondern um etwas runterzuwerfen: die Asche seines Urgroßvaters. Ein Himmelssturz der makaberen Art, und obwohl die luftige Bestattung am Ende scheitert, zeigt schon diese Sequenz: Hier geht es um außergewöhnliche Lebenswege, um überraschende Perspektiven, um die Freude am Grotesken.

Boris Hars-Tschachotin heißt der junge Mann, den Namen sollte man sich merken. Der 37-Jährige Autor, Regisseur und Produzent des Films "Sergej in der Urne" (Trailer hier), preisgekrönt auf dem Münchner Dokumentarfilmfest, hat jahrelang unter strapaziösen Bedingungen und mit knappem Budget an seinem ersten abendfüllenden Film gearbeitet. Es hat sich gelohnt. Von einem "Meisterwerk" schwärmt der Berliner Kultur-Strippenzieher Christoph Stölzl in seinem Online-Tagebuch, und er hat Recht.

Erfinder, Propagandist, Pazifist

Der Berliner Filmemacher mit deutsch-russischen Wurzeln erzählt die Lebensgeschichte seines Urgroßvaters Sergej Stepanowitsch Tschachotin (1883-1973), den die turbulenten Zeitläufte des 20. Jahrhunderts durch Europa wirbelten. So gespickt mit packenden Ereignissen war dieses Leben, dass der Zuschauer fast an der Plausibilität der Erzählung zweifelt - aber da sind ja die Bilder, historischen Filmausschnitte, Fotos, Dokumente.

Es ist alles wahr, und das Folgende ist nur ein Zeitraffer der Biografie: Als 19-Jähriger entgeht Sergej Tschachotin während der Studentenunruhen 1902 in Moskau nur knapp der Verbannung nach Sibirien. Im Exil auf Sizilien wird er 1908 bei der schwersten Erdbebenkatastrophe Europas im 20. Jahrhundert verschüttet, kann sich selbst und seine Familie erst nach Stunden aus Schutt und Asche retten. Später studiert er Medizin und Biologie und erfindet das Strahlenskalpell, eine Vorläufertechnologie der heutigen Krebsforschung und Gentechnik. Er wird berühmt, Mitarbeiter des Nobelpreisträgers Iwan Pawlow und Freund Albert Einsteins.

Als homo politicus durch und durch initiiert er Anfang der dreißiger Jahre Propagandakampagnen gegen die Nazis und erfindet das wichtigste Symbol der NS-Gegner, den "Dreipfeil gegen Hakenkreuz". Für die linksgerichtete Eiserne Front organisiert er bis zu seiner Flucht aus Deutschland Massenaufmärsche gegen die Braunhemden. 1941 in Frankreich verhaftet, überlebt er das KZ und gelangt nach dem Krieg über Umwegen wieder nach Russland, wo er bis zu seinem Tod unter Stalins Fuchtel weiter forscht, vor allem aber als überzeugter Pazifist gegen die Atombombe kämpft.

Und während all dieser rastlosen Jahre heiratet er (nacheinander) fünf Frauen und zeugt acht Söhne.

Was passiert mit der Asche?

Vier dieser Söhne sind die Hauptdarsteller des Films, der Regisseur lässt sie aus ihren unterschiedlichen, ganz subjektiven Perspektiven vom Leben ihres Vaters berichten. So entsteht nach und nach das Mosaik einer schillernden Persönlichkeit, eines modernen Odysseus.

Ex-Fremdenlegionär Andrej hat eine Schwäche für Cowboyhüte und kasachische Begleiterinnen und bewundert an seinem Vater, dass er 13 Sprachen beherrscht habe. Der Maler und Friedensaktivist Petja im Piemont hat positive Erinnerungen an seine Kindheit - nicht aber an seine Brüder: "Wir sprechen nicht miteinander", sagte er, "wir haben denselben Vater, aber da hört es schon auf." Auch der knorrige, fast 90-jährige Sohn Wenja, der in einem Wohnwagen in Südfrankreich haust, will "unabhängig von den Geschwistern" sein. Schließlich ist da Eugen in Paris, der auf seinem Wohnzimmerschrank die Urne des Vaters hütet, weil er sich nicht dazu durchringen kann, dessen letzten Wunsch zu erfüllen und die Asche ins Meer vor Korsika zu streuen.

Das ist der Spannungsbogen des Films: der Versuch, die sterblichen Überreste des Ahnen endlich zu bestatten - und die dabei aufflammenden Konflikte zwischen den Brüdern. Ihre Rivalitäten, Schrullen, enttäuschte Liebe, aber auch ihre unbändige Vitalität. Alle vier sind auf ihre Art verschroben, selbstgerecht, skurril - und liebenswert. Der Regisseur, der als Ich-Erzähler durch den Film führt, macht nicht den Fehler, ihre komplexen, zum Teil schmerzhaften Erfahrungen mit dem umtriebigen Vater zu bewerten. Er lässt die alten Männer einfach erzählen und erlaubt sich allenfalls hier und da einen versteckten Kommentar in Form einer Nachfrage oder eines ungewöhnlichen Kameraschwenks.

"Alles zusammen ergibt ein Geflecht, eine Familie, ein Jahrhundert"

"Als ich mit meiner Spurensuche begann, hatte ich keine Vorstellung davon, was sie auslösen würde, wie heftig Erinnerungen auch nach Jahrzehnten sein können und welche starken Gefühle dabei freigesetzt werden", resümiert Boris Hars-Tschachotin. "Geborgenheit und Zuneigung stehen direkt neben Enttäuschung und Zorn, Stolz und Liebe neben Verlassensein, Hass und Distanz. Und alles zusammen ergibt ein Geflecht, eine Familie, ein Jahrhundert."

So ist es. "Sergej in der Urne" erzählt mehr und spannender über das 20. Jahrhundert als viele Geschichtswälzer. Bleibt zu hoffen, dass nun rasch ein Verleih die Chance ergreift, diesen eindrucksvollen Film bundesweit ins Kino zu bringen.


"Sergej in der Urne läuft unter anderem auf dem International Festival of Audiovisual Program in Biarritz, 24. bis 30. Januar.

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1. Blöde Überschrift für ein interessantes Projekt
yanasa 26.12.2010
So interessant sich der Film liest - aber mit dieser zwanghaft-peinlichen 'Wortspielerei' Aschebuddel macht der Artikel schon keinen Spaß mehr. Warum ein großartiges Thema so erbärmlich präsentieren? Bitte nochmal mit einer Überschrift, die zum Lesen einlädt statt abschreckt.
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