Porträt des Kriegsherrn Donald Rumsfeld Ein unfassbarer Unmensch

Von Einsicht keine Spur: Im Dokumentarfilm "The Unknown Known" bekommt der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Gelegenheit, einmal mehr zu behaupten, alles richtig gemacht zu haben.

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Jetzt grinst er wieder. Doch seine hochgezogenen Mundwinkel sind kein Ausdruck der Freundlichkeit, nein, Donald Rumsfeld zeigt sich überlegen. Ungeschlagen. Unangreifbar. Kein Wunder: Er hatte genügend Zeit, sich vorzubereiten.

Im Jahr 2003 veröffentlichte der Filmemacher Errol Morris den Dokumentarfilm "The Fog of War" - ein zweistündiges Interview mit dem ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara, der unter John F. Kennedy, nach dessen Ermordung unter Lyndon B. Johnson diente, und was McNamara über seine Verantwortung für die Toten im Vietnamkrieg erzählte, war erhellend und bewegend. Hier war ein alter Mann zu sehen, der mit seiner Rolle in der Geschichte haderte, der Fehler eingestand, der sich erklären wollte. "The Fog of War" wurde 2004 mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Morris' Film "Standard Operation Procedure" (2008) beschäftigte sich mit dem Skandal um die Folter im US-geführten Gefängnis von Abu Ghuraib - er ist ein Chronist der Militarisierung der USA.

Reue? Einsicht? Nicht zur erwarten.

Sollte Donald Rumsfeld mindestens Morris' Film über McNamara gesehen haben, dann gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, was er sich dabei dachte: Was für ein weinerliches Weichei, der McNamara. Soll er nur kommen, dieser Morris. Reue? Einsicht? Von mir nicht zu erwarten.

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Rumsfeld-Doku "The Unknown Known": Wortspiel als Waffe
Und so ist in "The Unknown Known" ein Donald Rumsfeld zu beobachten, der nicht zu fassen ist. Nicht von kritischen Nachfragen zur bekanntermaßen falschen Behauptung der Bush-Regierung, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen und müsse deshalb per Invasion des Irak ausgeschaltet werden. Nicht von offensichtlichen Widersprüchen wie zum Beispiel seiner im Film getroffenen Aussage, die US-Regierung habe seinerzeit niemals den Eindruck erweckt, Saddam habe etwas mit den Anschlägen vom 11. September 2001 zu tun - was sofort durch einen Mitschnitt einer Pressekonferenz widerlegt wird, auf der Rumsfeld genau das unterstellt. Und schon gar nicht von so etwas wie schlechtem Gewissen oder Selbstkritik.

Donald Rumsfeld lächelt alles weg. Guantanamo? Das war ein gut geführtes Gefängnis, und Waterboarding gab es dort nie, insistiert Rumsfeld. Konfrontiert mit einer langen Liste der anderen dort angewandten, unmenschlichen Verhörmethoden, gibt er sich geradezu verwundert: Oh, das ist aber eine Menge.

Vielsagend, logisch, sinnlos

Der Filmtitel "The Unknown Known" spielt an auf zwei Obsessionen Rumsfelds: die Abfassung kurzer Texte, sogenannter Memos, und seinen Hang zum Spiel mit der Sprache. Seit Beginn seiner Karriere hatte Rumsfeld die Angewohnheit, seine Gedanken und Pläne in ein Diktafon zu sprechen. Später wurden aus diesen Gedankenfetzen Memos, die er an seine Mitarbeiter und Kollegen schickte - in den Archiven lagern viele Tausende davon, sogenannte Snowflakes, Schneeflocken. Rumsfeld selbst kann die Zahl seiner Memos nicht überblicken - zu lange währte die politische Karriere des mittlerweile 81-Jährigen.

Er muss als einer der prägendsten zeitgenössischen Politiker der USA gelten: Im Alter von 30 Jahren wurde der Republikaner ins Repräsentantenhaus gewählt, avancierte sieben Jahre später zum Berater des Präsidenten Richard Nixon. Unter Gerald Ford war er Stabschef und später der jüngste Verteidigungsminister der USA - nach Fords Abwahl und Jahren in der freien Wirtschaft reüssierte er in diesem Amt unter George W. Bush, in dessen an Greifvögeln sowieso nicht armem Kabinett er als ausgewiesener "Falke" galt. Nach seinem Rücktritt im Jahr 2006 beschäftigte sich Rumsfeld vor allem mit seinen Memoiren und der Rechtfertigung der Politik der Bush-Regierung.

In seinen Memos räsonierte Rumsfeld häufig über die Bedeutung von Worten und Wörtern, eine Wortspielerei über Bekanntes, Unbekanntes und die Frage einer möglichen Zusammenarbeit Saddam Husseins und Osama Bin Ladens erlangte später in einer mittlerweile berüchtigten Pressekonferenz Berühmtheit. Rumsfeld beantwortet die Frage nicht, sondern ergeht sich in philosophisch anmutenden Grundsatzbetrachtungen. Was Rumsfeld sagt, scheint zunächst verblüffend logisch, klingt jedenfalls vielsagend - bedeutet aber rein gar nichts. Im Film verheddert sich Rumsfeld bei der Interpretation seiner eigenen Worte, die titelgebende Formulierung "unbekannte Bekannte" versucht er mehrfach vergeblich mit Sinn zu füllen - um schließlich auch die Debatte darüber wegzulächeln: "Ich glaube, Sie befinden sich auf der falschen Fährte."

Das Wortspiel als Waffe

Die Lust am Wortspiel brachte Rumsfeld den Ruf ein, ein unterhaltsamer, witziger Zeitgenosse zu sein. Tatsächlich scheint es sich bei seiner Rabulistik eher um eine geradezu zwanghafte, dabei aber sehr bewusste Wortklauberei zu handeln, die sich lustig anhören soll, aber nie lustig gemeint ist: Rumsfeld setzte, so erklärt er es selbst, die Sprache als Waffe ein, er verbannte unschöne Vokabeln aus der Kommunikation über den Krieg, um sie durch andere, genehmere zu ersetzen, er betrieb akribisch die Objektivierung von Sachverhalten durch möglichst präzise Definition von Begriffen. Auf der öffentlichen Ebene erlangte er auf diese Weise die Deutungshoheit über den Irak-Krieg - wären da nicht, wie er kaum verhohlen eitel durchblicken lässt, all die anderen Deppen im Weißen Haus gewesen, die auch mal dummes Zeug von sich gaben.

Auf einer persönlichen Ebene schafft Rumsfeld es auf diese Weise offenbar bis heute, sich durch maximale Abstraktion psychisch möglichst weit von dem zu entfernen, was tatsächlich und konkret im Irak geschah, nämlich dem Leiden und Sterben vieler Tausender Unschuldiger. Rumsfeld mag in seinem Kopf, in seinen Memos einen schlauen Plan für den Irak und die Zementierung der US-amerikanischen Vormacht gehabt haben, nur hat der eben nicht funktioniert - wie sich dieser Tage auf schreckliche Weise zeigt.

Die Demokratie, die im Irak von den USA mit Waffengewalt eingeführt wurde, zerfällt. Nach dem Abzug der US-Armee wurde das Land sich selbst überlassen. Islamistische Kämpfer des "Islamischen Staats" errichten ein Kalifat, der Staat zerbricht. Die Bevölkerung, die doch von der Befreiung von Saddam Hussein profitieren sollte, ist einmal mehr der Willkür Bewaffneter ausgeliefert.

Zwar ist "The Unknown Known" entstanden, bevor der Irak vollends in den Abgrund schlitterte, aber das Scheitern der US-Politik war auch da schon längst klar. Na und? Manches funktioniert, anderes eben nicht. Rumsfeld spricht über seine eigene Verantwortung wie ein leidlich interessierter, kaum beteiligter Zuschauer.

Zuletzt hat Errol Morris noch eine Frage an den ehemaligen US-Verteidigungsminister: "Warum tun Sie das? Warum reden Sie mit mir?" Rumsfeld sagt darauf zwar, er wisse es auch nicht, doch die Antwort liegt auf der Hand: Weil er hier einmal mehr und vielleicht zum letzten Mal die Möglichkeit bekommen hat, sich selbst und seinen Intellekt auszustellen. Weil einer wie er eine Bühne braucht.

Die interessantere Frage wäre dabei dem Regisseur zu stellen: Warum nur hat ihm Morris diese Bühne gebaut?

The Unknown Known

USA 2013

Originaltitel: The Unknown Known

Buch und Regie: Errol Morris

Darsteller: Donald Rumsfeld

Produktion: History Films, Moxie Pictures, Participant Media

Länge: 103 Minuten

Verleih: NFP

FSK: 12

Start: 3. Juli 2014

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
tsitsinotis 03.07.2014
1. Siehe Checkliste von Robert D. Hare:
Faktor 1: Aggressiver Narzissmus. (Einfach Robert D. Hare googlen).
Walther Kempinski 03.07.2014
2. Sinn und Unsinn
Dieser Artikel geht recht oberflächlich mit dem Interview um. Es werden Oberflächlichkeiten poliert und weiter heraus gestellt. Rumsfeld hat gelächelt, er hat zur Schau gestellt usw usw. Also der Artikel hier besagt also, dass Rumsfeld den Irak-Krieg relativ gut begründen und auch vom Interviewpartner nicht ausgehebelt werden konnte. Fazit wäre somit: Der Irak-Krieg mag nicht der gerechteste Krieg der Weltgeschichte sein, aber eine Schande ist es nun auch nicht. Man hat schließlich nicht gegen Schweden Krieg geführt, sondern gegen eine Militärdiktatur im Irak. Gibt schlimmere Menschheitsverbrechen wie ich finde. Die aktuellen Konflikte im Irak zeigen zudem auf, dass die dortigen Probleme von Saddam Hussein mit einem "Todesschleier" verdeckt wurden. Die Spannung zwischen Kurden, Sunniten und Schiiten sind fest in das Land integriert. Da haben noch nicht mal die USA eine Schuld daran. Diese Konflikte hätten auch aufbrechen können, wenn Hussein im Jahr 2000 zufällig an einem Herzinfarkt gestorben wäre. Die Konflikte jedenfalls, sind älter als die USA selbst.
elikey01 03.07.2014
3. "... wie ich finde"
Zitat von Walther KempinskiDieser Artikel geht recht oberflächlich mit dem Interview um. Es werden Oberflächlichkeiten poliert und weiter heraus gestellt. Rumsfeld hat gelächelt, er hat zur Schau gestellt usw usw. Also der Artikel hier besagt also, dass Rumsfeld den Irak-Krieg relativ gut begründen und auch vom Interviewpartner nicht ausgehebelt werden konnte. Fazit wäre somit: Der Irak-Krieg mag nicht der gerechteste Krieg der Weltgeschichte sein, aber eine Schande ist es nun auch nicht. Man hat schließlich nicht gegen Schweden Krieg geführt, sondern gegen eine Militärdiktatur im Irak. Gibt schlimmere Menschheitsverbrechen wie ich finde. Die aktuellen Konflikte im Irak zeigen zudem auf, dass die dortigen Probleme von Saddam Hussein mit einem "Todesschleier" verdeckt wurden. Die Spannung zwischen Kurden, Sunniten und Schiiten sind fest in das Land integriert. Da haben noch nicht mal die USA eine Schuld daran. Diese Konflikte hätten auch aufbrechen können, wenn Hussein im Jahr 2000 zufällig an einem Herzinfarkt gestorben wäre. Die Konflikte jedenfalls, sind älter als die USA selbst.
Als wäre es den USA bzw. Menschen vom Typus Rumsfeld je um die Befreiung der Bevölkerung Iraks vom verbrecherischen Diktator Saddam gegangen. In solchen Charakteren schwingt eben noch sehr stark der "alte Pioniergeist" durch, mit dem einst die Urbevölkerung Amerikas weitgehend ausgerottet wurde, stets mit der Bibel dabei. Oder frei nach Freud: Zwecks "Sauberwerdens" zu früh auf's Töpfchen gesetzt, eine wichtige Entwicklungsphase übersprungen; kann auf die charakterliche/psychische Entwicklung eines Menschen enormen Einfluss nehmen, in der Regel keinen guten, sondern eben "rumsfeld'sche" Persönlichkeitsdefizite.
gandhiforever 03.07.2014
4. Kriegsverbrecher
Zitat von sysopNFPVon Einsicht keine Spur: In der Dokumentation "The Unknown Known" bekommt der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Gelegenheit, einmal mehr zu behaupten, alles richtig gemacht zu haben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/donald-rumsfeld-film-the-unknown-known-ueber-us-verteidigungsminister-a-978749.html
sehen ihre Verbrechen meist als patriotische Taten, Rumsfeld ist da keine Ausnahme.
wokstein 03.07.2014
5. er war der Mann zur rechten Zeit
In der Riege der verlogenen Politiker ist Donald Rumsfeld dann doch ein Leuchtfeuer der Ehrlichkeit und ein ganz netter Mensch. Ich fand ihn immer toll ! In den USA würde er gebraucht.
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