Highschool-Film "Dope" Like it's 1994

Sie mögen Nintendo-Spiele, Skateboards und Neunziger-Rap: Der Film "Dope" zeigt eine Subkultur, die bislang zu selten im Kino und TV gezeigt wurde - schwarze Nerds.

Von Fabian Wolff


Jeder popkulturell interessierte Teenager stellt irgendwann fest, dass er oder sie einfach im falschen Jahrzehnt geboren ist. Während die Umgebung Chartmusik hört und Kinoblockbuster schaut, hört man Bob Dylan oder Public Enemy und schaut Filme der Nouvelle Vague.

Das ist ganz normal. Nur wenige treiben es dabei so weit wie der Highschool-Schüler Malcolm, Hauptfigur des Films "Dope".

In seinem akribisch eingerichteten Kinderzimmer ist es immer noch (oder wieder) 1994. An den Wänden hängen Poster von Eazy-E und De La Soul, auf dem Boden stapeln sich Videokassetten mit alten Folgen von "Yo! MTV Raps" und Super-Nintendo-Spiele. Ohne billige Aufdringlichkeit erfreut sich "Dope" an diesen Insignien einer scheinbar vergangenen, scheinbar besseren Welt: Wisst ihr noch, damals?

Erst ein Gespräch am Frühstückstisch über Bitcoins zeigt, dass Malcom nicht gänzlich aus der Zeit gefallen ist. Er ist jemand, den man in Filmen und Serien selten zu sehen bekommt: ein schwarzer Nerd.

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Film "Dope": Zurück in den Neunzigern
Für das Image weißer Nerds wurde in den vergangenen Jahren viel getan. Comicbücher und Videospiele sind keine Kellerkulturen mehr, und schüchterner Loser-Charme soll als Sexappeal verkauft werden.

Schwarze Nerds hingegen haben, jenseits von Steve Urkel, kaum kulturelle Repräsentation. Sie entsprechen nicht dem, wie sich die weiße Umwelt schwarze Jugend vorstellt, passen oft auch nicht in traditionelle Männlichkeitsbilder vieler schwarzer Communities. In einer Gegend wie den "Bottoms" in Inglewood, Los Angeles, kann dieser Widerspruch zum Verhängnis werden.

Denn Malcolm und seine Freunde Digs und Jib lieben nicht nur die Neunziger, sondern auch jede Menge "white people shit", den der Film zeigt: Anime, Skateboards, für die Schule lernen, sich fürs College bewerben. Die "Jocks", die ihnen das Schulleben zum Spießrutenlauf machen, gehören Gangs an und haben manchmal auch Waffen.

Malcolm in der Schule: Ein Spießrutenlauf
Sony Pictures

Malcolm in der Schule: Ein Spießrutenlauf

Eher zufällig geraten die drei in eine Drogengeschichte, als bei einer Party mit anschließender Razzia mehrere Kilo Ecstasy im Rucksack von Malcolm landen. Plötzlich müssen die drei Nerds das machen, was die Welt sowieso von ihnen erwartet: Sie verkaufen Drogen. Abgepackt im Labor ihrer Highschool, verschickt über das Internet. "Dope" ist "Breaking Bad" in Inglewood oder die Hood-Version von Rian Johnsons Highschool-Noir "Brick".

Finsterer Humor über unerträgliche Lebensumstände, über Metalldetektoren in Schulen und erschossene Freunde, mischen sich mit dem bittersüßen Ton, den man aus so vielen Jugendfilmen kennt: Wir sind jung. Wir sind Freunde. Uns gehört die Welt. Nur setzt "Dope" hinter den letzten Satz ein Fragezeichen. Zwar fahren die drei durch sonnige Palmenalleen und hören "The World is Yours", aber ohne zu vergessen, dass Nas auch "Life's a Bitch" gesagt hat.

Nicht nur die Figuren lieben die Neunziger, auch der Film selbst. Wie eine der vielen Tarantino-Imitationen der Indie-Welle schert sich das Drehbuch um keine Skriptregeln und hat vielleicht ein paar Wendungen zu viel. Regisseur Rick Famuyiwa benutzt Splitscreens, Rückspuleffekte und andere Tricks. Diese Energie reißt mit, überlädt den Film aber gelegentlich. Die Bilder selbst bleiben seltsam flach.

Malcolm und seine Freunde: Nerd & the Gang
Sony Pictures

Malcolm und seine Freunde: Nerd & the Gang

Getragen wird der Film von den drei Hauptdarstellern, die trotz ihres jungen Alters keine Anfänger sind. Als Malcolm wechselt Shameik Moore überzeugend zwischen Verträumtheit und Wut. Die Rollen seiner besten Freunde sind etwas undankbar, weil wenig ausgearbeitet: Jib (Tony Revolori, der Page aus "The Grand Budapest Hotel") ist kaum mehr als ein überraschtes Gesicht und ein sarkastischer Spruch. Diggy, gespielt von Kiersey Clemons, wird wegen ihres Äußeren von allen für einen Jungen gehalten. Es ist schön, quasi selbstverständlich ein junges schwarzes, queeres Mädchen als Figur zu sehen. Mehr als Alibi bleibt von ihrer Rolle aber leider nicht.

Dazu ist "Dope" zu sehr aus der Sicht eines jungen Mannes erzählt. Malcolm schaut jedem Mädchen hinterher, vor allem aber der natürlich älteren Naika, die natürlich von ihrem Abschluss träumt und natürlich mit dem örtlichen Drogendealer verbandelt ist. In manchen Momenten ist der Film klüger als sein pubertärter Protagonist, manchmal komplett auf seinem Niveau - Zeitlupeneinstellungen wackelnder Hintern inklusive.

"Dope" ist also ein sehr unebener Film, aber das ist ja auch nur ein anderes Wort für lebendig. Er schwankt zwischen Satire und Alltagsbeobachtung, zwischen Teenie-Witzen und Meta-Gags. Am Ende bleibt Traurigkeit. In der stärksten Sequenz träumt Malcolm in einem Bus, von verlorenen Hood-Seelen umgeben, während Gil-Scott Herons "Home Is Where The Hatred Is" läuft. Solche Momente sind nicht nur gefilmt, sondern auch gefühlt.

Es ist daher verlockend, hinter der Kamera ein Regie-Wunderkind zu erwarten, das sein eigenes Leben verfilmt hat. Aber Fuyiwara ist ein Profi, der seit 15 Jahren mit unterschiedlichem Erfolg Filme fernab der Klischees dreht. Mit "Dope" ist ihm eine Hymne auf schwarze Nerds gelungen. Mit etwas Glück hat er damit selbst ein Klischee geschaffen.

Im Video: Der Trailer von "Dope"

Dope

USA 2015

Regie: Rick Famuyiwa

Drehbuch: Rick Famuyiwa

Darsteller: Shameik Moore, Blake Anderson, Forest Whitaker, Kiersey Clemons, Lakeith Lee Stanfield, Tony Revolori, Zoë Kravitz, Allen Maldonado, Amin Joseph, Ashton Moio, Bruce Beatty, Casey Veggies, Chanel Iman, Christopher Glenn, Darell M. Davie, De'aundre Bonds, Jevin Smith, Josh Meyer, Julian Brand, Kimberly Elise, Larnell Stovall

Produktion: Forest Whitaker's Significant Productions, Revolt Films

Verleih: Sony Pictures

Länge: 103 Minuten

FSK: 16 Jahre

Start: 28. Januar 2016

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
dent42 27.01.2016
1.
Extrem unterhaltsamer Film der mit den gängigen Ghetto-Klischees aufräumt ohne schönzufärben.
polemiak 28.01.2016
2. sehenswert
Ich (39) fand den Film erfrischend und habe mich gut unterhalten gefuehlt. Empfehlenswert.
naklar261 28.01.2016
3. Steve Urkel
also ich erinnere mich noch sehr gut an Steve Urkel...wenn oder Urkle? Egal...dennoch erwaehnenswert im Nerdbereich...
theadlaberlin 28.01.2016
4.
habe den film in englisch letztes jahr gesehe. wirklich guter film. erwaehneswert waere es gewesen, das pharell williams und p. diddy den film co-produziert haben.
jenska 28.01.2016
5. Englisch lernen
Es gibt nichts schlimmeres als der zwanghafte Drang eine Überschrift auf Englisch zu schreiben ohne es zu können. Es muss heißen: "As if it were 1994" weil es nun mal nicht 1994 ist. Wenn es 1994 wäre, dann hieße es "Like 1994". Einfach nur peinlich.
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