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Sexualität von Behinderten: Doras Erwachen

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Vergewaltigung oder einvernehmlicher Geschlechtsakt? Das Erotikdrama "Dora" über eine geistig Behinderte, die ihre Sexualität entdeckt, hinterfragt klug unsere Vorstellungen von Selbstbestimmung.

Dora weiß nicht, wie ihr geschieht. Gerade ist die geistig Behinderte noch neugierig einem fremden Mann gefolgt. Jetzt öffnet er seine Hose, schon kniet sie auf den Kacheln einer U-Bahn-Toilette, es kommt zum Sex.

Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt, dann erstaunt. Später, bei der Beratungsstelle, sprechen Doras Eltern von einer Vergewaltigung. Dora hat einen blauen Fleck, leuchtende Augen und sagt: "Scheidenpimmelchen ist schön." Der Zuschauer merkt, dass er keinen Begriff hat für das, was in der U-Bahn-Toilette geschehen ist.

Die moralische Sprachlosigkeit in dieser Sequenz steht beispielhaft für alles, was der großartige Film "Dora" ist. Regisseurin Stina Werenfels, die ein Theaterstück von Lukas Bärfuss verfilmt hat, wirft 90 Minuten lang die Fragen auf, wann Selbstbestimmung anfängt, wem sie gestattet wird und was die Folgen sind, wenn jemand sie so konsequent beansprucht wie Dora.

In ein moralisches Vakuum katapultiert

Dora (Victoria Schulz) ist 18 Jahre alt, aber im Kopf noch ein Kind: Auf einer Geburtstagsfeier kippt ihre Stimmung von Freude zu Wutweinen. Werenfels inszeniert Doras Lebensrealität als verwehten Mädchentraum mit blauem Lidschatten, abgesplittertem Nagellack und Kleidern in Pastelltönen, fast wie in einem Sofia-Coppola-Film.

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Film über Sex mit Behinderten: Ist das Vergewaltigung?

Als Doras Mutter Kristin (Jenny Schily) mutig die Medikamente abstellt, erwacht die Sexualität ihrer Tochter - und ihre Lust auf Peter (Lars Eidinger), den sie bei ihrem Job am Obststand trifft. Peter ist ein unangenehmer Typ, der jede Fürsorge und Verantwortung von sich weist. Ihm folgt Dora in die U-Bahn-Toilette, danach treffen sie sich regelmäßig zum Sex.

Nutzt Peter Doras gedankenlose Hemmungslosigkeit nur aus, oder nimmt er sie als Einziger so, wie sie tatsächlich ist? Ihm geht es um den schnellen Sex. Aber ihr, die in billigen Hotelzimmern über ihm kniet und lustvoll stöhnt, nicht auch? Es ist hochinteressant, in was für ein moralisches Vakuum Werenfels den Zuschauer katapultiert.

Immer wieder gibt es in den Medien Berichte über Sexualbegleiter, die sich auf Behinderte spezialisiert haben. Aber es muss sich nur eine Behinderte ohne jede Hilfe des eigenen Körpers bemächtigen - schon fehlen die Maßstäbe.

Das "Wir" bricht zusammen

Die Regisseurin begnügt sich nicht damit, von diesem blinden Fleck zu erzählen, sondern geht einen Schritt weiter. Der Film verharrt nicht bei Doras sexueller Selbstbestimmung, er fächert auch deren Konsequenzen auf: Dora, die trotz aller Bemühungen ihrer Mutter nicht mündig genug ist, zu verhüten, wird schwanger.

Werenfels verlagert das Gewicht vor allem in der zweiten Hälfte des Films auf die Mutter-Tochter-Beziehung. Sie verwebt den Clash zwischen den gesellschaftlichen Rollen ihrer Figuren und mit deren individuellen Bedürfnissen. Denn während sich der Vater weitgehend entzieht, bringt die Sexualität der Tochter Doras Beziehung zur Mutter Kristin aus dem Gleichgewicht.

Als Kristin die Tochter mit der Antibabypille versorgt, ist das gemeinsame "Wir" in ihren Worten noch enthalten. Mit der Schwangerschaft bricht es zusammen. Kristin - sie selbst steht kurz vor der Menopause - wünscht sich noch ein Kind. Trotz Reproduktionsmedizin scheitern aber alle Versuche. Ihre behinderte, aber fruchtbare Tochter überflügelt sie hier.

Während Dora über ihre Lust zu Peter aus dem Kokon der mütterlichen Fürsorge ausbricht, agiert Kristin - durch ihre Normalität gewissermaßen seelisch verstrickter - aggressiver; bis Rivalität und Fürsorge nicht mehr miteinander vereinbar sind. Am Ende will sie, dass Dora auszieht. "Es gibt nichts hässlicheres als eine neidische Mutter", sagt Kristins Mann in einem der bittersten Momente des Films, als seine Frau davon spricht, dass die behinderte Tochter am besten nie geboren worden wäre.

Dass sie von ihrem Umfeld dermaßen kleinherzig wahrgenommen wird, erzählt auch viel darüber, wie wenig großzügig mit einer Mutter umgegangen wird, die aus der Rolle fällt. Dora ist durch ihre Behinderung auf gewisse Weise vor Verantwortung geschützt, Kristin muss die Konsequenzen von Doras Handeln tragen.

Werenfels würdigt dann auch Kristin in der eindrucksvollsten Einstellung dieses vielschichtigen Films: In einer Nacht, nach der für die Familie nichts mehr so sein wird wie zuvor, rückt sie ganz nah an ihr Gesicht. In Kristins bewegtem Blick spiegeln sich keine Antworten darauf, wie es weitergehen wird mit ihr, Dora und dem Kind. Aber alle Möglichkeiten.

Der Trailer zu "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern":

Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Schweiz/Deutschland 2014

Regie: Stina Werenfels

Drehbuch: Stina Werenfels, Boris Treyer

Darsteller: Victoria Schulz, Lars Eidinger, Jenny Schily

Verleih: Alamode

Länge: 90 Minuten

Start: 21. Mai 2015

FSK: ab 16 Jahren

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