"Downsizing" mit Matt Damon Das Menschlein ist des Menschleins Wölfchen

Wäre die Welt besser dran, wenn wir uns alle auf Hosentaschenformat schrumpfen ließen? In "Downsizing" versucht sich Alexander Payne an einer großen Idee, offenbart aber vor allem seine Kleingeistigkeit.

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"Downsizing" ist der Erwachsenenfilm, der die alte Kinoidee vom Helden im Liliputformat aufgreift und auf überraschende Weise mit aktuellen politischen Debatten verknüpft, mit Klimawandel, sozialer Spaltung, Migration und Überbevölkerung. Oder so war zumindest der Plan von Regisseur Alexander Payne und Co-Autor Jim Taylor.

15 Jahre sind vergangen, seitdem der norwegische Wissenschaftler Jørgen Asbjørnsen (Rolf Lassgård, "Wallander") zum ersten Mal die Prozedur des "Downsizing" der staunenden Weltöffentlichkeit präsentierte - vorgeführt an sich selbst. Ohne Nebenwirkungen auf knapp 13 Zentimeter geschrumpft, propagierte Asbjørnsen die Prozedur damals als pragmatische Lösung für die drängendsten Probleme der Erde. Was eine normal große Familie in einer Woche an Müll produzierte, häufte Asbjørnsens Kommune innerhalb eines Jahres an.

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"Downsizing": Kleiner Mann, was nun?

Als Paul und Audrey Safranek (Matt Damon und Kristen Wiig) in einer wenig entfernten Zukunft anfangen, sich für die Prozedur zu interessieren, sind die Aspekte des Umweltschutzes längst in den Hintergrund getreten. Für Menschen wie sie, die trotz zwei Vollzeitsjobs nur mäßig über die Runden kommen, ist am Downsizing mittlerweile am interessantesten, dass ihr Vermögen und ihre Besitztümer nach dem Schrumpfen exponentiell mehr wert sind und sie sich Luxusgüter leisten können. In Leisureland, der amerikanischen Vorzeige-Community für Geschrumpfte, braucht es für einen Diamantring statt eines Edelsteins nur noch ein Edelkörnchen. In Hoffnung auf ein Leben in Saus und Braus beginnen die Safraneks das Downsizing.

Die Denkfehler, die sowohl ihren Vorstellungen als auch denen des Films zugrunde liegen, sind offensichtlich: Reichtum ist nichts Absolutes, sondern relativ. Wer vor dem Schrumpfen mehr Geld als andere hatte, hat es auch danach - es kommt also zu keiner sozialen Nivellierung oder gar einem Aufstieg ehemals Unterprivilegierter.

Rohstoffe und Edelmetalle müssten dagegen massiv an Wert verlieren, da es sie, nur noch im Promillebereich gebraucht, fortan im Überfluss gäbe. Gleiches würde mit Nahrung passieren - Obst und Gemüse wachsen ja weiterhin in Normalgröße -, weshalb Hunger in Leisureland und anderen Schrumpfstädten nicht mehr existieren sollte.

Ist der Akzent rassistisch?

Das Verhältnis von Kapital sowie Gebrauchs- und Tauschwert von Waren müsste sich also in Leisureland grundlegend neu ordnen. Aber so weit haben Payne und Taylor nicht gedacht. Einmal geschrumpft und in Leisureland angekommen, müssen Paul und das Kinopublikum enttäuscht feststellen: Die Heimat der Minimenschen entscheidet sich so gut wie gar nicht von den normalgroßen US of A. Ungerechtigkeit, Entbehrung und Ausgrenzung sind hier genauso verbreitet. Das Menschlein ist des Menschleins Wölfchen. Tja.

Die Geschichte von Pauls verfehlten Träumen (seine Frau hat vor der Schrumpfung kalte Füße bekommen und ihre Originalgröße beibehalten) ist damit nach einem Drittel Laufzeit auserzählt. Also setzt der Film neu an, lässt seine Tonalität von der sanften Satire ins Groteske kippen und erweitert sein Personal. Hinzu kommen die dubiosen osteuropäischen Geschäfte- und Partymacher Dusan und Konrad, gespielt von Christoph Waltz und Udo Kier, sowie die vietnamesische Dissidentin Ngoc Lan Tran (Hong Chau), die zur Schrumpfung gezwungen wurde und nur in der Verpackung eines Fernsehers versteckt vor weiteren Repressalien fliehen konnte.



"Downsizing"
USA 2017
Regie: Alexander Payne
Buch: Alexander Payne, Jim Taylor
Darsteller: Matt Damon, Hong Chau, Christoph Waltz, Kristen Wiig, Udo Kier
Produktion: Paramount Pictures, Ad Hominem Enterprises, Annapurna Pictures
Verleih: Paramount Pictures
FSK: ohne Beschränkung freigeben
Länge: 135 Minuten
Start: 18. Januar 2018


Ist die Besetzung von Waltz und Kier, den Go-to-Knallchargen des Weltkinos, schon nicht sonderlich originell, zeigt sich an Hong Chaus Figur ein größeres Problem. Hong, geboren in einem vietnamesischen Flüchtlingscamp in Thailand und aufgewachsen in den USA, spricht in ihrer Rolle ein so schneidend akzentuiertes Pidgin-English, dass sich nach der Nordamerika-Premiere von "Downsizing" die Diskussion entfachte, ob es sich um einen rassistischen Stereotyp handele.

Abschließend beantworten lässt sich diese Frage nicht, wie der Film auch sind Hongs Rolle und ihre Performance höchst uneinheitlich. Manche ihrer Szenen gehören zu den komplexesten des Films, andere zu den dümmsten - etwa als die zuvor als überaus fürsorglich charakterisierte Ngoc Lan kein Wort über die Abwesenheit ihrer kranken Mitbewohnerin verliert und erst auf Nachfrage lapidar sagt: "Oh, she die (sic!) last week."

Kein Platz für Normalos mehr

Von solchen Fehltönen erholt sich "Downsizing" in der Folge nicht. Mehr noch: Ein weiterer Tonalitäts- und Genrewechsel im finalen Drittel lässt den Film gänzlich auseinander brechen. Das Oscar-Getuschel, das beim zweimaligen Preisträger Payne (für die Drehbücher zu "The Descendants" und "Sideways") scheinbar automatisch aufkommt, verpuffte nach der Weltpremiere in Venedig entsprechend schnell.

"Downsizing" ist aber nicht der ausnahmsweise schlechte Film eines ansonsten guten Regisseurs. "Downsizing" markiert vielmehr die engen Grenzen von Alexander Paynes Filmschaffen an sich. Nach ersten Arbeiten mit weiblichen Protagonistinnen hat er sich zunehmend darauf versteift, die Welt durch das Prisma des weißen Mittelschichtmannes zu betrachten. Im Zentrum seiner erfolgreichsten Filmen steht immer wieder ein Durchschnittstyp, gespielt allerdings von einem Hollywoodstar, in "About Schmidt" von Jack Nicholson, in "The Descendants" von George Clooney, in "Downsizing" jetzt von Matt Damon.

Paynes everymen sind in ihrer Spießigkeit, in der Banalität ihrer Bedürfnisse und Begrenztheit ihrer Ambitionen satirisch überzeichnet, aber nie so grob wie alle anderen. Der Kontrast mit den everymen sorgt vielmehr dafür, dass ihr Gegenüber noch eine Spur unnormaler erscheint. In "About Schmidt" war es das afrikanische Patenkind, das nie im Bild zu sehen war, aber als Voice-Over-Witz herhalten musste ("Dear Ndugu"). In "Nebraska" waren es die Unterschichtseltern, die als schmuddelig und schwer von Kapee gezeichnet wurden.

In "Downsizing" ist es nun gewissermaßen die ganze Welt, die als reichlich schräg erscheint: Offenbar hat sie für Normalos wie Paul Safranek keinen Platz mehr, überrollt von aktuellen Entwicklungen bleibt er orientierungslos und bemitleidenswert zurück. Statt globale Probleme in den Fokus zu nehmen, landet Payne somit wieder bei seinem Stammthema und betreibt Nabelschau - diesmal eben nur anhand eines sehr kleinen Nabels. Insofern wird der Film seinem Titel bestens gerecht.

Im Video: Der Trailer zu "Downsizing"

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