Dragqueen-Porträt "One Zero One" Die unheiligen Jungfrauen

Die eine ist 1,48 m groß und hat nur ein Auge, die andere ist übergewichtig und kämpft gegen schwere psychische Probleme. Zusammen sind sie unaufhaltsam. Der Dokumentarfilm "One Zero One" feiert die Drag-Queens Cybersissy und BayBJane als Heldinnen der Selbstdarstellung.

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Eigentlich wollte Mourad Zerhouni Diplomat werden, einer mit einer Null auf dem Nummernschild. Es wäre kein einfacher Weg gewesen, aber es wäre ihm zuzutrauen gewesen. Der Sohn eines deutsch-marokkanischen Paares kam mit schweren Behinderungen zur Welt, seine Beine sind unterschiedlich lang, Finger und Zehen kurz und schief, er hat einen Herzfehler, vor einiger Zeit musste ihm ein Auge entfernt werden, er ist nie größer geworden als 1,48 m. Aber er wollte sich deswegen nicht einschränken lassen. Er sagt, er habe sich nie als ein anderer Mensch gefühlt, alle Möglichkeiten hätten ihm offen gestanden, warum also nicht Diplomatie? Weil dann ein großer dicker Holländer in Mourads Leben trat und ihm seine wahre Bestimmung verriet: Drag Queen.

Der große dicke Holländer heißt Antoine Timmermans, und er war als Cybersissy im schwulen Kölner Nachtleben unterwegs. Eine unwirkliche Gestalt in futuristischen Barockkleidern, riesigen Hut-Perücken-Konstruktionen und sehr viel Make-up; irgendwo zwischen Divine und Leigh Bowery, Kunst und Camp, genial und wahnsinnig. Als Cybersissy eines Nachts in einem Club auf Mourad stieß, fand sie einen Bruder im Geiste und machte ihn zu ihrer Schwester. Der kleine, unbeirrt selbstbewusste Aufmerksamkeitsmagnet fühlte sich wie sie selbst außerhalb aller Schönheitskonventionen wohl, und ihn interessierte die Bühne. So erfand sich Cybersissy ihre Partnerin BayBJane, die außerirdische Wiederauferstehung der verrückten Baby Jane Hudson aus dem Bette-Davis-Klassiker "Was geschah wirklich mit Baby Jane?". Zusammen sollten sie die Welt erobern.

Kunstwerke in Verwandlung

Oder zumindest Köln, London, Ibiza und Berlin. Denn der Fernsehjournalist Tim Lienhard hat Cybersissy und BayBJane auch deshalb als Thema für seinen ersten Kinodokumentarfilm "One Zero One" gewählt, weil er findet, dass die beiden nicht so berühmt sind, wie sie es verdienen. Und so ist der Film neben einer bloßen Dokumentantion vor allem eine rührende, bedingungslose Liebeserklärung an zwei Heldinnen der Selbstdarstellung geworden. Für Lienhard machen die beiden mehr als bloße Travestie - sie sind Experimentalkünstlerin mit subversivem Anspruch, zwei bunt leuchtende Stachel in der glatten Welt normierter Schönheit.

Wie die Ausschnitte aus ihren Club-Auftritten zeigen, kommen die beiden allerdings oft nicht dazu, das auch auszuleben - meist werden sie nur gebucht, um in irgendeinem Clubs die Bühne zu stürmen, mit ein paar Gogo-Tänzern rum zu schäkern und das betrunkene Publikum anzuheizen. Um zu zeigen, was alles in ihnen steckt, hat sich Tim Lienhard für "One Zero One" eine zweite Ebene ausgedacht: In ausschweifenden Fantasy-Sequenzen lässt er Cybersissy und BayBJane immer wieder durch eine surreale Schlosslandschaft schweben, begleitet von Gustav-Mahler-Klängen, als edle Ritter, heilige Jungfrauen, extraterrestrische Königinnen. Hier können sie sich so präsentieren, wie sie sich selbst empfinden - als lebendige Gemälde und Kunstwerke in ständiger Verwandlung, nicht als bloße Party-Animateure.

Sonst funktioniert "One Zero One" nach klassischem Dokumentationsmuster: separate und gemeinsame Interviews mit den zwei Hauptfiguren, Szenen aus ihren Auftritten, Statements von Freunden und Weggefährten. Einige potentiell interessante Themen werden ausgespart, so wie das Verhältnis der beiden zu ihrer eigenen Sexualität oder zu vergangenen Partnerschaften, aber in "One Zero One" ist auch nicht nur alles Sonnenschein und Glück. Cybersissy berichtet ausführlich von ihren schweren psychischen Problemen, vom Suizid der Mutter, von ihrer "Zeit in der Klapse". BayBJane, sonst immer um einen trotzigen Grundoptimismus bemüht, erzählt davon, wie niederschmetternd es war, als ihr krankes Auge entfernt werden musste.

Heute setzt sie sich oft eine rot leuchtende Lampe in die Augenhöhle, als Anlehnung an den Terminator. BayBJane hat sich mittlerweile etwas von Cybersissy emanzipiert, ist allein zum Fixstern der Club-Szene Ibizas geworden und im Varieté-Programm des Berliner Wintergartens "auch schon vor einem ganz nüchternen Publikum" aufgetreten. Sie träumt von einer Karriere in New York, wohin sie immer häufiger eingeladen wird, von einem eigenen Parfum, so wie ihr Vorbild Amanda Lepore es hat. Cybersissy konzentriert sich mehr auf die eigene Gesundheit, Musik und Kunst, und blickt mit einigem Stolz auf den Weg, den ihre einstige Schöpfung gegangen ist und gehen wird. So lange es die beiden gibt, werden sie aber auch zusammen auftreten. Sie haben ein Reich geschaffen, das von zwei Königinnen regiert werden muss.


One Zero One. Start: 2.01. Regie: Tim Lienhard.

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insgesamt 10 Beiträge
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kiefernwald 02.01.2014
1. Verwirrt.
Man stellt sich oft die Frage, was bei einigen schief läuft, dass sie solch eine Karriere einschlagen.
autocrator 02.01.2014
2. quatsch
Zitat von kiefernwaldMan stellt sich oft die Frage, was bei einigen schief läuft, dass sie solch eine Karriere einschlagen.
so ein unqualifizierter unsinn! hallo, das sind KÜNSTLER! umgekehrt: man stellt sich oft die frage, was bei so vielen schief läuft, dass sie die karriere von grauen duckmäusen, die am oder unter dem mindestlohn malochen gehen, einschlagen.
derhummerunddiehummerin 02.01.2014
3. Nun,
diese grauen Duckmäuser zahlen die Party für Leute wie Sie, autocrator.
peter_gurt 02.01.2014
4. Unsere Vorbilder, oder was?
Was will uns dieser Artikel mitteilen? Wer auffällt, egal wie, kommt ins Fernsehen? Früher waren es die bärtige Frau und der Elefantenmensch auf dem Jahrmarkt, heute...
autocrator 02.01.2014
5. ach, echt?
Zitat von derhummerunddiehummerindiese grauen Duckmäuser zahlen die Party für Leute wie Sie, autocrator.
woher wissen Sie, derhummerunddiehummerin, ob, und falls überhaupt, was für eine party ich feiere? Oder "Leute wie ich"? Oder gar die hier vorgestellten Künstler? Offenbar haben Sie keinen blassen schimmer davon, was Künstler überhaupt leisten, wie die das machen und was für eine abartige menge an arbeit das ist. Sie glauben wahrscheinlich, eine Dragqueen-Kunstfigur erfindet sich einfach mal so, die kostüme fallen vom himmel, die akquise für nen auftritt erledigt sich von alleine, die choreographie einer performance ist nur ein spontaner einfall, zur location wird man auch ohne zeit- und kostenaufwand gebeamt, und die rechnungstellung und buchführung erledigt sich auch von alleine. Dafür sind aber die wochenlangen dreharbeiten zu einem film dann wahrscheinlich bloß "party". Schon klar. Und dafür wird diesen Künstlern, die's ja nun beileibe alles andere als einfach gehabt haben in ihrem bisherigen leben, unterstellt, dass bei ihnen was "schiefgelaufen" ist und sie eh "nur party" machen! Und wie, bitte, "zahlen" angeblich die grauen duckmäuse meine "party"? Also mir hat die Aldi-kassiererin noch nie 5 €uro in die hand gedrückt, ist auch noch nie gegen eintrittsgeld auf einer meiner "partys" gewesen, und steuern zahle ich oder "leute wie ich" genauso wie jeder andere bürger auch - der staat vergisst da keinen, keine angst.
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