Französisches Familienkino Wein schwenken, Leben bewältigen

Ein Film wie ein ätherisches Bonbon: Mit Verve erzählt der französische Regisseur Cédric Klapisch in "Der Wein und der Wind" die Familiengeschichte einer Winzerdynastie.


Cédric Klapisch ist ein ausgewiesener Spezialist für das Auf und Ab der Lebensphasen: Seine Low-Budget-Produktion "L'Auberge Espagnole" avancierte im Jahr 2002 zu einem Überraschungserfolg. Der Film über Lust, Frust und Selbstsuche junger Auslandsstudenten in den Irrungen und Wirrungen einer chaotischen Riesen-WG in Barcelona traf vor 15 Jahren den Nerv der neu entstehenden "Generation Erasmus". Nach einer Fortsetzung von "L'Auberge Espagnole" drehte Klapisch unter anderem "Beziehungsweise New York" (2014), eine wunderschön unspektakuläre, aber geradlinig berührende Liebes- und Familiengeschichte zwischen New York und Paris, besetzt mit Romain Duris und Audrey Tautou.

Klapisch ist ein Liebhaber zwischenmenschlicher Töne: Der Beziehungsstatus sich liebender Menschen ist in seinen Filmen immer kompliziert, konfliktbeladen, doch etwas Weiches, Hoffnungsvolles fließt durch die polierten Bilder. Lösungen für Probleme sind immer zur Hand, sie müssen nur erdacht und ausprobiert werden. Mit viel Missgunst ließe sich das vielleicht als Lebensbewältigungskino labeln, bei Tageslicht betrachtet ist Klapisch aber schlicht ein kunstfertiger (Drehbuch-)Autor, der Umbrüche und existenzielle Spannungen im Leben zuversichtlich und mit Liebe zum zwischenmenschlichen Detail abbildet. Und letztlich seine Figuren zu wahrhaftigem Handeln bewegt. So auch in Klapischs neuem Film "Der Wein und der Wind".

500.000 Euro Erbschaftsteuer

Die erwachsenen Geschwister Jean, Juliette und Jérémie sind die Sprösslinge eines kleinen Familienweingutes im französischen Burgund. Die Mutter ist früh verstorben und das Leben hat die drei in ganz unterschiedliche Richtungen verschlagen: Jean, der Älteste, ist nach Konflikten mit dem Vater ausgewandert, hat die Welt bereist, mit seiner Freundin Alicia in Australien ein Weingut gekauft und einen kleinen Sohn bekommen. Den Kontakt zur Familie hat er aber seit Jahren abgebrochen. Jérémie ist jung verheiratet und lebt mit kleinem Kind bei den Eltern seiner Frau Océane. Juliette hingegen ist Single, widmet ihr Leben dem Wein und ist bei ihrem Vater auf dem Gut geblieben. Als dieser unerwartet im Sterben liegt, kommt die Familie zusammen, auch Jean kehrt nach zehn Jahren Abwesenheit zurück.

Fotostrecke

8  Bilder
"Der Wein und der Wind": Wohlgenährtes Erzählwerk

Nach dem Begräbnis geht es ums Erbe und um die entsprechende Steuer von stolzen 500.000 Euro. Viele Fragen, doch die Geschwister haben - wie sie gegenseitig herausfinden - ihre ganz eigenen Probleme. Jean ist mit seiner australischen Freundin heillos zerstritten, wie ein Besessener tobt er durch die Weinberge und brüllt in sein Telefon. Jérémie fühlt sich von den Schwiegereltern gegängelt, steckt fest im Korsett der bourgeoisen Familienwelt und fragt sich, wie ihm eigentlich geschieht. Nur Juliette hat ernste Ambitionen, das Handwerk ihres Vaters weiterzuführen. Doch sie ist allein, unsicher und leidet sehr unter dem Tod des Vaters. Ob die Geschwister in Zukunft zu dritt Wein keltern und verkaufen werden? Fest steht nur, dass die Weinlese in wenigen Tagen beginnt und schleunigst organisiert werden muss.

Ungekünstelt und emotional gewichtig

Klapisch montiert in "Der Wein und der Wind" so etwas wie eine familiäre Seherfahrung. Man wird beim Zuschauen Teil der Familie, ist bisweilen genervt, gelangweilt, aber spürt doch stets die wärmende Grundierung der gegenseitigen Liebe. Die Zeichnung der Figuren ist eindeutig die große Stärke des Films: Klapisch gelingt es, tief in die Ängste und Wünsche, in die Schönheit und Unzulänglichkeit seiner Protagonisten einzutauchen und diese nachfühlbar zu machen.

Nahezu jedes Gespräch, jeder Blick, jeder Affekt wirkt absolut ungekünstelt und emotional gewichtig. Das liegt auch an der sehenswerten Besetzung, die ganz ohne große Namen auskommt. Da lassen sich kleinere Fauxpas wie die retortenhafte Musik oder die unnötigen Rückblenden in die Kindheit der Geschwister verschmerzen. Auch die Off-Erzählungen von Jean - der Film ist aus seiner Perspektive erzählt - wirken angeklebt, da die Gemeinschaft der Geschwister und die Story im Großen und Ganzen eine größere Prägnanz haben.


"Der Wein und der Wind"
Frankreich 2017

Regie: Cédric Klapisch
Drehbuch: Cédric Klapisch, Santiago Amigorena
Darsteller: Pio Marmaï, Ana Girardot, François Civil
Produktion: Ce Qui Me Meut Motion Pictures, StudioCanal, France 2 Cinéma
Verleih: StudioCanal
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 0
Start: 10. August 2017


Es ist ein wattiertes, wohlgenährt wirkendes Erzählen, das die Geschichte von "Der Wein und der Wind" mal lakonisch, mal dramatisch fortschreibt: Die Figuren flanieren durch die Weinberge, tafeln und trinken, sehen immer gut dabei aus, und überlegen, was sie mit dem sechs Millionen Euro schweren Weingut ihres Vaters bloß anstellen sollen.

Klapischs Kino kennt zwar keine existenziellen Krisen, aber es ist ehrlich zu seinen Figuren und bewahrt sich somit vor dem eigenen Klischee. "Der Wein und der Wind" ist kein Feel-Good-Movie, obwohl man gerne und mit Genuss der Geschichte folgt und Jean, Juliette und Jérémie beim Weinschwenken und leidenschaftlichen Streiten beobachtet. Es ist eine ernsthafte Leichtigkeit, die so etwas wie kathartische Effekte beim Zuschauen auslöst und sich wie ein ätherisches Bonbon wohltuend auf gereizte Partien legt. Keine Erhabenheit, keine große Geste - "Der Wein und der Wind" ist Kino des Alltags, im besten Sinne.

Filmtrailer ansehen: "Der Wein und der Wind"

Studiocanal
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spiegelklammer 10.08.2017
1. Englischsprachige ...
Musik in einem französischen Film über Wein und das Leben, das kann nichts gutes geben.
erlenstein 11.08.2017
2. Promotionskino?
es gab vor kurzem eine spannende schwedische Serie über drei Geschwister, die nach dem Tod der Mutter sich in deren Gästehaus zusammenfanden. Auch hier ging es um die Zukunft des Erbes. Diese Tiefe wird ein französischer Winzerfilm im Spätsommer nicht erreichen. Der letzte in Frankreich spielende Film "Paris kann warten", den ich im Kino sah, hätte auch als Promotionskino durchgehen können, so peinlich waren die Tourismus-Werbeassoziationen. Wein, Käse, Lavendel, Landschaft, ein wenig l'amour, die Ingredienzen werden wohl auch in diesem Film sein...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.