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06. September 2018, 17:55 Uhr

Filmdrama "Menashe"

Jüdisch-unorthodox

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Ganz auf Jiddisch gedreht, bietet der Debütfilm "Menashe" nicht nur einmalige Einblicke in die chassidische Gemeinde Brooklyns: Er erzählt auch anrührend von der Suche eines Witwers nach dem Glück - unser Film der Woche.

Männer in schwarzen Mänteln, mit Zylindern und Schläfenlocken: ein alltägliches Bild in den Straßen von Borough Park, dem New Yorker Stadtteil im Südwesten von Brooklyn. Hier lebt eine der weltweit größten jüdisch-orthodoxen Gemeinden, und hier beginnt auch der Film "Menashe".

Inmitten der Chassiden bleibt die Kamera hängen an einem Mann in vergleichsweise schlichter Kluft, weißem Hemd, Weste und Kippa, folgt ihm, erzählt für anderthalb Stunden seine Geschichte. In der letzten Einstellung wird sie ihn wieder zurückgeben ans anonyme Getümmel der Großstadt.

Der inszenatorische Rahmen, den Joshua Z. Weinstein um seinen Film herum baut, suggeriert Zufälligkeit. Als habe der Regisseur, der bislang vor allem dokumentarisch arbeitete, mit dem Supermarktverkäufer Menashe recht wahllos einen Jedermann aus der Mitte der Gesellschaft herausgegriffen und zu seinem Protagonisten erkoren.

Tatsächlich erzählt Weinstein, selbst 1983 in New York City geboren, in seinem Spielfilmdebüt vom tapferen Kampf eines gewöhnlichen Mannes. Vordergründig vom Kampf ums Sorgerecht für den Sohn Rieven, doch genauso vom Bemühen um Anerkennung innerhalb der jüdischen Gemeinde.

"Warum trägst du nicht Hut und Mantel wie alle?", fragt ihn Rieven einmal und setzt hinterher: "Das wäre schöner." Der Junge im Grundschulalter spürt, dass Menashe ein Außenseiter ist, skeptisch beäugt vom Rabbi, gegängelt vom Chef wie vom Schwager. Der traut dem Witwer seiner verstorbenen Schwester die Erziehung von Rieven nicht zu - zumal ein alleinerziehender Vater gegen die Traditionen des Chassidismus verstößt.

Gefunden über YouTube

Nur deshalb trifft sich Menashe, aufrichtig und herzensgut, aber zugleich ein dicklicher Tollpatsch, mit potentiellen Ehefrauen aus der orthodoxen Gemeinde. Organisiert werden die Dates vom Heiratsvermittler, sie verlaufen ernüchternd. Nicht zuletzt, weil Menashe eine für sein Viertel ungewöhnlich liberale Auslegung seines Glaubens praktiziert, den Sohn zum kritischen Denken animiert und mit ihm viel lieber alberne oder spannende Stellen aus der Thora liest als jene, die die Lehrer für wichtig halten.


"Menashe"
USA 2017

Regie: Joshua Z. Weinstein
Drehbuch: Joshua Z. Weinstein, Alex Lipschultz, Musa Syeed
Darsteller: Menashe Lustig, Yoel Weisshaus, Yoel Falkowitz, Ruben Niborski, Meyer Schwartz, Ariel Vaysman
Produktion: Shtick Film, Maiden Voyage Pictures et al.
Verleih: Mindjazz Pictures
FSK: ab 6 Jahren
Länge: 82 Minuten
Start: 6. September 2018


Als sich der erste Todestag seiner Frau Leah nähert, die Menashe einst heiratete, ohne sie zu lieben, begreift er die Gedenkfeier als Chance. Dem Schwager wie auch dem Rabbi will er beweisen, ein würdiger Vater und gläubiger Judezu sein. Trotz ewiger Geldnöte und einer zu kleinen Wohnung lädt er die Trauernden zu sich ein, kauft eigens für diesen Anlass ein Heiligenbild und kocht zum ersten Mal einen Kugel, das traditionelle Auflaufgericht der jüdischen Küche.

Joshua Z. Weinstein zeichnet mit "Menashe" das sensible Porträt eines Mannes, den man im realen Alltag womöglich übersehen würde. Der zutiefst anrührt durch jene stille Beharrlichkeit, mit der er für seine Belange und Überzeugungen kämpft. Umso mehr, wenn man um den wahren Kern weiß. Denn Hauptdarsteller Menashe Lustig spielt zu weiten Teilen sich selbst. Auch Lustig ist Chasside, hat einen Sohn und verlor seine Frau, auch er arbeitet als Gemischtwarenhändler in New York. Durch YouTube-Clips, in denen er als Stand-up-Comedian auftritt, wurde Weinstein auf ihn und seine Lebensgeschichte aufmerksam.

Tradition versus Aufklärung

Für den Film ließ sich der Regisseur auf ein mutiges, fast waghalsiges Projekt ein. Gedreht wurde zwei Jahre lang an Originalschauplätzen in Borough Park, mit streng orthodoxen Laiendarstellern, von denen privat niemand einen Fernseher besitzen darf. Gesprochen wird komplett auf Jiddisch, einer Sprache, die Weinstein selbst nicht beherrscht.

Das Ergebnis bietet einen sehenswerten Einblick in eine hierzulande fremde Welt mit ihren ganz eigenen Konflikten. Weil diese aber letztlich universeller Natur sind - Tradition versus Aufklärung, Orthodoxie gegen Häresie - und sich Weinstein auf eine überschaubare Storyline beschränkt, lässt sich das Dilemma des traurigen Helden Menashe problemlos nachempfinden. Zumal Lustig diese Figur denkbar einfühlsam und wahrhaftig verkörpert.

Begleitet wird er dabei von einer ebenso bemerkenswerten Kamera, geführt von Yoni Brook und Weinstein selbst. Unschärfen der Handkamera und scheinbar zufällige Bildausschnitte stärken den Eindruck des Dokumentarischen. Auch dank dieser Mittel ist Joshua Z. Weinstein ein Spielfilm gelungen, der erstaunlich unmittelbar, geradezu ehrlich wirkt.

Im Video: Der Trailer zu "Menashe"

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