Drehbuchautorin Céline Sciamma Die Frau hinter den großen Gefühlen

Drehbuchstars gibt es wenige, doch sie ist einer: die Französin Céline Sciamma. Ob "Mein Leben als Zucchini" oder "Mit siebzehn", so einfühlsam wie sie schreibt zurzeit niemand übers Heranwachsen.

Céline Sciamma
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Céline Sciamma

Ein Interview von


Zur Person
  • Céline Sciamma, Jahrgang 1980, wuchs in einem Vorort von Paris auf. Sie studierte zunächst Literatur, dann Drehbuch an der legendären Filmhochschule La fémis und brachte 2007 mit "Water Lilies" schließlich ihren ersten Film als Regisseurin in die Kinos. Die Geschichte über drei pubertierende Mädchen brachte ihr eine Nominierung für den César ein, anschließend erzählte sie in "Tomboy" (2011) von einer Zehnjährigen, die ein Junge sein will, und in "Girlhood"(2014) über eine Clique schwarzer Mädchen in den Banlieues. Aktuell macht Sciamma aber vor allem als gefragte Drehbuchautorin von sich reden. Sowohl mit dem Oscar-nominierten Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini" als auch mit "Mit siebzehn", André Téchinés Geschichte einer Lieber zwischen zwei ungleichen Mitschülern, die soeben in die Kinos gekommen ist, bleibt sie ihrer Vorliebe für junge Protagonisten treu.

SPIEGEL ONLINE: Frau Sciamma, als Regisseurin haben Sie bereits drei Filme inszeniert, doch aktuell sind Sie vor allem als Drehbuchautorin für Ihre Kollegen erfolgreich. Fühlt sich das nicht fast wie ein Rückschritt an?

Sciamma: Oh nein, kein bisschen. Das Schreiben von Drehbüchern ist seit jeher mein Beruf, und den habe ich auch an der Filmhochschule studiert. Dass ich auch als Regisseurin hinter der Kamera stehe, kam dann mit meinem Debütfilm "Water Lilies" erst später dazu. Für andere Filmemacher zu schreiben ist also nicht ungewohnt für mich. Und eben auch nicht unbefriedigend, denn ich übernehme ja nicht wahllos irgendwelche Auftragsarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt, Sie picken sich Rosinen heraus, so wie den Animationsfilm "Mein Leben als Zucchini" oder nun "Mit siebzehn"...

Sciamma: Meistens arbeite ich mit Regiedebütanten zusammen, mit Kollegen meiner Generation. So wie mit Claude Barras bei "Mein Leben als Zucchini", der mich bei seinem Film schon vor Jahren mit ins Boot holte. Da hatte ich noch nicht einmal mit der Arbeit an meinem eigenen Film "Girlhood" begonnen. Dass eine erfahrene Regielegende wie André Téchiné an meine Tür klopfte, war dagegen bei "Mit siebzehn" eine ganz neue, sehr spannende Erfahrung.

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"Mein Leben als Zucchini": Bonbonfarben und tieftraurig

SPIEGEL ONLINE: Téchiné ist 74 Jahre alt und engagierte Sie für seine Geschichte über zwei Siebzehnjährige auch, weil kaum jemand so gut über junge Menschen und Ihre Gefühle schreibt wie Sie. Woher kommt dieses Talent eigentlich?

Sciamma: Wenn ich das so ohne weiteres beantworten könnte. In meinen Augen ist es wichtig, die Jugend ernst zu nehmen und nicht als Phase abzutun, die es hinter sich zu lassen gilt. Was mich gar nicht interessiert sind Fragen wie "wie tickt die Jugend von heute?" Denn die übersehen, dass es wenig Universelleres gibt als die Erfahrungen, die man als Teenager macht. Was sonst macht schon wirklich jeder einzelne Mensch auf dieser Welt durch? Und egal ob im 19. Jahrhundert oder heute mit einem Smartphone in der Hand - die emotionale Seite des Erwachsenwerdens ist immer die gleiche.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt, aber darauf können auch andere kommen. Es muss doch auch einen ganz persönlichen Grund dafür geben, dass Sie ein so besonderes Händchen für solche Geschichten haben.

Sciamma: Ich habe einfach einen starken Bezug zu meiner eigenen Kindheit und Jugend. Dabei geht es nicht so sehr um Erinnerungen, sondern um Empfindungen und Wahrnehmungen. Diese viel beschworene "Teenage Angst", dieses unbestimmte Ziehen in der Magengrube - das sind alles Dinge, die mir noch enorm vertraut sind. Als sei es gestern gewesen. Wie überhaupt die Zeit des Heranwachsens für mich nichts Diffus-Nostalgisches, sondern glasklar vor meinen Augen ist.

SPIEGEL ONLINE: Als schwuler Mann hätte ich dazu eine Theorie: womöglich ist als lesbische Frau Ihre Wahrnehmung der Jugend einfach eine andere...

Sciamma: Da ist sicherlich etwas dran. Womöglich haben wir diese Lebensphase nicht nur anders, sondern auch ein wenig intensiver wahrgenommen, weil wir uns viel mehr Gedanken über unsere Gefühle und unsere Identität machen mussten. Und weil dazu noch die Komponente der Geheimhaltung kam. Wenn man eine Seite von sich verstecken muss oder will, macht einen das zu einem guten Beobachter. Das Lügen fördert die Fähigkeit zur Analyse, außerdem macht sie einsam. Dadurch ist man womöglich mehr als andere Jugendliche ein Beobachter und nimmt viele Erfahrungen in dieser Zeit noch bewusster wahr.

SPIEGEL ONLINE: Auch viele Ihrer Protagonisten sind nicht-heterosexuell, aber in "Mit Siebzehn" haben Sie zum ersten Mal über männliche Jugendliche geschrieben. War das für Sie etwas anderes?

Sciamma: Das Elementare der Jugend, also etwa die erste Liebe oder die Suche nach der eigenen Identität, sind sicherlich nicht grundlegend anders für Jungs und Mädchen. Aber sie machen diese Erfahrungen sozusagen nicht unter den gleichen Bedingungen, das ist der Unterschied. Die Erwartungen und der Druck sind andere oder werden zumindest in anderer Weise und in anderen Bereichen an die Jugendlichen herangetragen. Auf ein heranwachsendes Mädchen reagiert das Umfeld einfach anders als auf einen heranwachsenden Jungen. Darüber denke ich viel nach, schon seit ich damals "Tomboy" drehte und mich damit auseinandersetzte, was es heißt, ein Junge zu sein.

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"Mit siebzehn": Schläge werden zu Küssen

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten also nicht das Gefühl von etwas zu erzählen, was Ihnen fremd war?

Sciamma: So nach dem Motto: oh, Männer, wie exotisch? Gar nicht. Außerdem ist das doch gerade das Großartige am Kino, und zwar sowohl für mich als Autorin wie auch fürs Publikum: dass man sich in jemanden hineinversetzen kann, der anders ist, egal ob es um Geschlecht, Alter, Nationalität oder etwas anderes geht. Sicherlich hätte ich vor einer etwas größeren Aufgabe gestanden, wenn es Téchiné und mir darum gegangen wäre, einen Film über das Geschlecht Mann oder den typischen männlichen Teenager zu drehen. Doch uns ging es um diese beiden ganz spezifischen Jungs - und ich konnte mich ganz darauf konzentrieren, deren Persönlichkeiten so akkurat wie möglich zu zeichnen. Denn die universelle Wirkung eines Films liegt immer im Einzigartigen und Persönlichen.

SPIEGEL ONLINE: Erfreulicherweise schreckt "Mit siebzehn" auch nicht davor zurück, die körperliche, sexuelle Seite der Liebe seiner Protagonisten zu zeigen. Keine Selbstverständlichkeit bei einem Film über schwule Jugendliche!

Sciamma: Das stimmt, aber das ist nicht wirklich mein Verdienst. Ins Drehbuch hatten Téchiné und ich an der Stelle der Sexszene nämlich lediglich geschrieben: "Sie haben Sex"! Alles andere hat er mit den Jungs während des Drehs gestaltet. Als ich die fertige Szene sah, in ihrer ganzen Explizität und Länge, blieb mir der Mund offenstehen. Dieser 74-jährige Mann hat es echt drauf, er ist wahrlich der Boss! Ich habe sie nicht geschrieben, aber für mich ist das ohne Frage die beeindruckendste Szene des Films.

SPIEGEL ONLINE: Ist das als Drehbuchautorin nicht eine bittere Aussage?

Sciamma: Kein bisschen. Als Autorin will man doch, dass der Regisseur Großartiges abliefert und den bestmöglichen Film dreht. Außerdem darf man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Dass Téchiné diese besagte Szene so überzeugend gelingen konnte, hat natürlich auch damit zu tun, wie wir die Figuren und die Handlung bis zu diesem Zeitpunkt konstruiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man das französische mit dem deutschen Kino vergleicht, fällt schon auf, wie viel häufiger bei Ihnen queere Geschichten erzählt werden. Und zwar durchaus auch im Mainstream und von renommierten Filmemachern. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Sciamma: Ich würde hier gerne davon berichten, dass die französische Branche einfach besonders offen, interessiert und tolerant ist. Aber dem ist natürlich nicht so. Vermutlich liegt der Grund für den Unterschied, den Sie wahrnehmen, vor allem in den Zahlen: Unsere Filmindustrie ist riesig, wir produzieren 250 Filme im Jahr. Und nirgends sind mehr Erstlingsregisseure im Einsatz. Bei dieser Masse ist natürlich auch mehr Platz für Diversität und sogenannte Nischen.

SPIEGEL ONLINE: Schade, ich hatte auf eine sozio-kulturelle Theorie gehofft...

Sciamma: Vielleicht gibt's die auch. Sie haben mich auf dem falschen Fuß erwischt, ich habe über die Fragestellung so noch nie nachgedacht. Ist Homosexualität in Frankreich fester im kulturellen Mainstream verankert, weil Marcel Proust, einer der größten Schriftsteller aller Zeiten, schon vor 100 Jahren darüber schrieb? Möglich wäre es... Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dass das deutsche Kino immerhin Fassbinder hatte. Und das italienische Pasolini. Dass davon vielleicht nicht viel geblieben ist, hat sicher mehr mit dem Business als mit der Kunst zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Und wie steht es um Ihre eigene Position in dieser von Kunst und Business gleichermaßen geprägten Branche? Spüren Sie eine Art Verpflichtung, als weibliche, homosexuelle Filmemacherin dezidiert für mehr Diversität zu sorgen?

Sciamma: Das tue ich, mehr und mehr. Ich merke, dass viele von mir erwarten, dass ich in meiner Arbeit etwas anders mache, etwas verändere und vielleicht sogar bewirke. Aber das empfinde ich nicht als Belastung, sondern als Chance. Außerdem entspricht es ja auch dem, was ich selbst von meinen Filmen erwarte. Als Filmemacherin finde ich nichts aufregender als frische, neue Geschichten und Protagonisten jenseits der sogenannten Norm. Und wenn ich mich so umsehe, bekomme ich zusehends das Gefühl, dass es einem Großteil des Publikums ähnlich geht.

Im Video: Die Rezension zu "Mit siebzehn"

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mmengi 19.03.2017
1. Chapeau!
Ein sehr interesantes Interview, ehrlich und intensiv.
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