Emanzipation in Iran Auf der Suche nach der Moderne

Eigentlich hat der Iraner Jafar Panahi Berufsverbot. Filme dreht er trotzdem: Die Tragikomödie "Drei Gesichter" erzählt von Frauen in Iran und ihrer Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Ein lustvoller Trip durch ein zutiefst widersprüchliches Land.

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Der alte Herr fackelt nicht lange. Als die begriffsstutzigen Großstädter nicht reagieren, greift er selbst ins Innere des Autos und drückt kräftig auf die Hupe. Dann lauscht er und sagt schließlich: "So, jetzt könnt ihr weiterfahren". Die beiden Auto-Insassen verstehen das komplizierte Hup-Ritual zwar immer noch nicht, aber wenigstens kann es weitergehen auf ihrer Reise durch die iranischen Berge.

Wieder ist er mit dem Auto unterwegs: Jafar Panahi, einer der berühmtesten Regisseure von Iran. Diesmal nicht im Großstadtdschungel wie in seinem letzten Film "Taxi Teheran", sondern im Nordwesten des Landes, wo die Menschen türkisch sprechen und traditionell leben. Erneut wirft er einen liebevoll-amüsierten und zugleich distanziert-kritischen Blick auf seine komplizierte Heimat, in der ein restriktives Regime zwar die Kunstfreiheit massiv unterdrückt und doch große Kunst im kleinen Rahmen entstehen kann.

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"Drei Gesichter": Große Kunst im kleinen Rahmen

Diesmal erzählt er, der seit acht Jahren wegen eines Berufsverbots eigentlich gar nicht drehen dürfte, es aber trotzdem tut, von den Gegensätzen in Iran entlang der Kluft zwischen Stadt und Land, exemplarisch anhand der Stellung der Frau in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Die Vignettenhaftigkeit von "Taxi Teheran" weicht hier einem weiten erzählerischen Bogen, der ebenso poetisch wie symbolisch aufgeladen ist. In Cannes wurde er dafür mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

In Salz eingelegte Vorhaut

Panahi spielt sich wieder selbst, und er wird für eine Rettungsmission eingespannt: Die berühmte Schauspielerin Behnaz Jafari hat ein Video bekommen, in dem ein Mädchen scheinbar Suizid begeht, weil sie gegen ihren Willen verheiratet werden soll und nicht ihrer Berufung als Schauspielerin folgen darf. Jafari, die im Iran tatsächlich sehr populär ist und hier ebenfalls sich selbst spielt, spannt Panahi als Fahrer ein und macht sich mit ihm auf den Weg zu Marziyehs Dorf, um herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Dorthin führt eben jene unwegsame Bergroute, die so schmal ist, dass Autofahrer sich mit einer Art Hup-Morsecode vor jeder Kurve verständigen müssen, wer als Erster fahren darf. Die Bewohner dieser Region sind zwar freundlich, aber auch reserviert gegenüber dem Besuch aus Teheran, und der verfährt sich erst einmal heillos in dem Gewirr der Dörfer. Schnell wird klar, dass Marziyeh lebt und sich irgendwo versteckt. Und dass ihrer Familie Schande droht, weil sie darauf besteht, weiter die Schule besuchen zu dürfen und sich nicht in ihre Rolle als Ehefrau fügen will.


"Drei Gesichter"
Iran 2018
Regie und Drehbuch: Jafar Panahi
Darsteller: Behnaz Jafari, Jafar Panahi, Marziyeh Rezaei, Maedeh Erteghaei
Produktion: Celluloïd Dreams
Verleih: Weltkino Filmverleih
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 26. Dezember 2018


Panahi kontrastiert die Rückständigkeit und die reaktionären Ansichten der Dorfbewohner mit der selbstbewussten Behnaz Jafari, die sich keinerlei Mühe gibt, ihre Gefühle zu unterdrücken und als großer Filmstar auch in der Provinz Respekt genießt. Trotzdem, verständigen können sie sich nicht, weil Jafari kein türkisch spricht und die alten Männer nur schlecht persisch. Einer der Dorfältesten drängt ihr die in Salz eingelegte Vorhaut seines erstgeborenen Sohnes auf, auf dass sie sie in Teheran vergrabe. Das soll Glück bringen. Jafari reagiert eher verständnislos als schockiert, und Panahi macht sich mit sanftem Spott über die Dörfler lustig.

Raus aus dem Bild!

Der Regisseur kennt sich hier aus, er drehte "Drei Gesichter" dort, wo seine Eltern und Großeltern geboren wurden. Überhaupt ist dieser Film Panahis bisher persönlichster geworden. Das gilt schon für den Anlass: Immer wieder wird Panahi über soziale Medien von jungen Leuten kontaktiert, die eine Karriere als Filmemacher anstreben. Ausgerechnet er, der offiziell gar keine Filme machen darf.

"Drei Gesichter" ist nun der vierte, der nach dem Urteil trotzdem entstand. Die eingeschränkten Produktionsmöglichkeiten sind dem Film eingeschrieben, aber so kunstvoll wie hier hat Panahi den Umstand, nur mit einer Kamera drehen zu können, noch nie genutzt. Anstatt wie sonst üblich Szenen durch Schnitte und Gegenschnitte aufzulösen, komponierte er "Drei Gesichter" aus langen Einstellungen, in denen die Protagonisten auch schon mal den Bildraum verlassen. Es ist ein Kino der bedeutsamen Leerstellen in der Tradition des großen iranischen Filmkünstlers Abbas Kiarostami, bei dem Panahi als Assistent seine eigene Karriere begann.

Im Video: Der Trailer zu "Drei Gesichter"

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Umso klarer ergreift Panahi mit diesem Film die Partei der Frauen. Drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen porträtiert Panahi nun, und er gibt einem leisen Optimismus Raum, dass die Sehnsucht nach weiblicher Selbstbestimmung sich gegen alle Widerstände durchsetzen wird. Und dass irgendwann keine Hup-Rituale mehr zur gegenseitigen Verständigung nötig sein werden.



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Rüdiger IHLE, Dresden 27.12.2018
1. ES gab ja immer wieder mal Versuche, westliche Länder Gauben zu machen
.. in Ländern wie Iran sei so etwas wie Emanzipation und Fortschritt möglich , indem man westlich gekleidete Frauen ohne Kopftuch und Burka in Strassencafes in Teheran gesetzt und abgelichtet hat .. Ab sowas gibt die Wirklichkeit im Iran zu ca 0,001 % tatsächlich wieder !
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