"Drei"-Regisseur Tom Tykwer "Letztlich ist Monogamie widernatürlich"

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2. Teil: "Wären Dreiecksbeziehungen Standard, hätten sie auch Krisen"


KulturSPIEGEL: Sprechen Sie aus Erfahrung?

Tykwer: Klar. Ich bin seit mehr als sieben Jahren mit meiner jetzigen Frau zusammen, und mittlerweile verbringen wir drei Monate pro Jahr in Nairobi. Das ging eindeutig von ihr aus.

KulturSPIEGEL: Ihre Frau Marie Steinmann musste Sie überreden?

Tykwer: Die Arbeit, die Marie mit dem Verein "One Fine Day" in Kenia macht, finde ich spektakulär, weil sie Hunderten Kindern etwas näher bringt, was für uns zur Grundversorgung gehört, nämlich einen kulturellen Input. Aber als sie beschloss, nach Afrika zu gehen, war das für mich erst mal ein bisschen wie "take it or leave it". Doch wir haben versucht, das konstruktiv gemeinsam zu realisieren, und so habe ich beschlossen, einfach mitzumachen, in meiner Funktion als Filmemacher.

KulturSPIEGEL: Filmische Entwicklungshilfe zum Sammeln von Karma-Punkten?

Tykwer: Quatsch. Wir helfen einheimischen Künstlern, Kinofilme auf die Beine zu stellen, sammeln Geld, bieten Workshops an, ich berate die Regisseure. Es geht darum, die Kinokultur des Landes voranzubringen. Hier ist ein riesiges Potential, das nicht genutzt wird, das ist eine Art ungehobener Schatz. Da freue ich mich, dass ich helfen kann, ihn auszugraben. Nach dem Kinderfilm "Soul Boy", der jetzt in Deutschland herauskommt, haben wir gerade den zweiten Film abgedreht, und auch dieser wurde ganz genuin von Kenianern geschrieben, ohne den üblichen Cross-Culture-Einfluss, mit einer komplett kenianischen Crew. Es war nur eine Handvoll europäischer Profis dabei, um bei der Weiterbildung zu helfen. Die Leute hier sind sehr daran interessiert, der Welt ein eigenes Bild ihres Landes zu präsentieren, als Gegenpol zur stereotypen weißen Sicht, die selbst in so genannten kritischen Filmen vorherrscht, wie "Blood Diamond" oder "Der ewige Gärtner". Wenn der Rest der Welt diesen Kontinent überhaupt wahrnimmt, dann nur als Gefahrenzone, in der Wilde mit Macheten rumrennen und überall tote Frauen und Kinder in der Ecke liegen. Ich bin gern behilflich, ein differenzierteres Bild zu zeichnen.

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KulturSPIEGEL: Trotzdem ist Ihr Engagement in Afrika auch eine Beziehungsmaßnahme?

Tykwer: Die aber natürlich nur funktioniert, weil bei mir ein echtes Interesse geweckt war. Und das war das Glück. Ich hätte auch da hinkommen und mich völlig fehl am Platz fühlen können. Aber es hat geklappt, und das löst natürlich sehr viel aus im Verhältnis zwischen meiner Frau und mir. Auch unser Sohn, der jetzt ein Jahr alt ist, hat alles noch mal auf den Kopf gestellt. Das sind alles Unterschiede, die uns auf eine ganz neue Art und Weise zueinander gebracht haben.

KulturSPIEGEL: Ist es nicht paradox, mit "Drei" einen Film zu machen, der das Modell der klassischen Kleinfamilie in Frage stellt, wo Sie selbst gerade eine gegründet haben?

Tykwer: Aber ich stelle das nicht in Frage. Ich persönlich bin gerade sogar sehr glücklich darin. Der Film sagt nicht, dass irgendeine Beziehungsform besser oder schlechter wäre, er betont vielmehr, dass die beiden Liebenden eine ganz starke Konstante sind. Aber jedes Modell, auf das man sich einlässt, hat irgendwann Verschleißerscheinungen. Auch wenn die Dreiecksbeziehung in hundert Jahren plötzlich Standard würde, durchliefe sie irgendwann diese Krisen. Ich glaube, das hat mit der Tatsache zu tun, dass wir unser Leben als kurz empfinden, weil wir nicht sterben wollen, dass es im Grunde aber ziemlich lang ist. Sobald man getroffene Entscheidungen - für den Partner, den Job, den Wohnort - als endgültig empfindet, dann wird es schwierig. Man muss diese Entscheidungen nicht bereuen und kann trotzdem erkennen, dass sie eine Halbwertzeit haben.

KulturSPIEGEL: Nennt man so etwas nicht Midlife-Crisis?

Tykwer: Ich mag den Begriff nicht, weil der sich so auf diese Altersgruppe der um die 40-Jährigen konzentriert. Ich glaube, das kommt in regelmäßigen Abständen. Ich hatte schon mit 30 eine richtige Krise. Das Problem beschäftigt doch jeden, der als erwachsen gilt. Es gibt Zeiten, da fühlt man sich wohl und gefordert und irgendwie im Wachstum. Und dann die, in denen das Leben gerade wieder ein bisschen langweiliger geworden ist. Und schon denkt man: Mensch, was könnte man denn sonst noch alles machen?

KulturSPIEGEL: Sich einen Dritten in die Beziehung zu holen, erscheint da nicht als die ungefährlichste Idee…

Tykwer: Ich will auch niemandem empfehlen, das zu Hause auszuprobieren. Aber der Film ist allen Konstellationen gegenüber hoffnungsvoll, sowohl auf das Abenteuer als auch auf die Beziehung bezogen. Natürlich dürfte das im echten Leben komplizierter sein, aber wir wollten spielerisch an das Thema gehen, mit Spaß, ohne dass man direkt in die Alptraumhaftesten, dramatischen Szenarien marschieren muss. Natürlich hat sich das Paar im Film einen beschützenswerten Liebesraum geschaffen. Dass dieser Liebesraum durch ihre Affäre bedroht wird, ist klar. Aber der Film nimmt eben die Chancen, die darin stecken, ernster als die Gefahr.



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frubi 22.12.2010
1. .
Zitat von sysopIst bi besser? In seinem neuen Film "Drei" lässt Tom Tykwer ein heterosexuelles Paar eine Dreiecksbeziehung mit einem Mann eingehen.*Im Beziehungsgespräch mit dem KulturSPIEGEL spricht der*Regisseur*über die Sehnsucht nach Erneuerung, Grenzüberschreitungen und den Wunsch nach Verbindlichkeit. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,735277,00.html
Jedem das seine. Wer Rudelbumsen toll findet und andere Menschen kennt, die die selbe Leidenschaft teilen, dann ist das doch in Ordnung. Was ich mitlerweile nicht in Ordnung finde ist die Tatsache, dass Fremdgehen bzw. den Partner sexuell zu betrügen, zu einem Bagatell-Delikt verkommen ist. In den Medien wird das zudem kaum kritisch hinterfragt. Das man vor einem möglichen Betrug mit seinem Partner redet und die Beziehung beendet um danach wieder durch die Gegen zu vögeln ist ja in Ordnung, aber diese Drangmentalität ist keine schöne Sache. Wir Menschen tun doch immer so, als wären wir die Krone der Schöpfung. Aber wir rammeln durch die Gegend wie Hasen auf der Weide und achten dabei immer weniger auf unsere Partner, denen die aktuelle Beziehung ja immerhin etwas Wert sein könnte.
Katzenfreund, 22.12.2010
2. Stimmt
Aber man kann sich daran gewöhnen.
DJ Doena 22.12.2010
3. komische Frage
"Widernatürlich" ist immer so ein schwammiges Wort. Was ist denn "natürlich". Wenn man sich das desamte Tierreich dualsexualer Wesen anguckt, kommen da alle Spielarten drin vor, inwieweit sich wowohl Männchen, als auch Weibchen um den Nachwuchs kümmert und inwieweit dasselbe Männchen und Weibchen zusammenbleiben. Von daher ist also weder zeitlich begrenzte Monogamie noch zeitlich unbegrenzte Monogamie noch Polygamie "widernatürlich". Es kommt lediglich drauf an, was die Gesellschaft gerade als "normal" betrachtet. In 200 Jahren kann das schon wieder ganz anders aussehen. Das würde uns aber noch lange nicht widernatürlich machen.
lb3 22.12.2010
4. Hui
Welch angenehme Überraschung! Als Bin-kein-Tykwer-Fan und jemand, der bei Lola eher wegrennt, bin ich von den kurzen Teasern samt Interview begeistert. Richtige Schauspieler, eine Regie, die den Szenen Zeit gibt und eine schon bei den wenigen Bildern erkennbar gute Kamera. Was will man mehr? Ach ja, auch der Soundtrack ist vielversprechend. Wenn das also die Weiterentwicklung des Tom Tykwer ist, dann haben wir nicht nur jetzt einen feinen Film in Aussicht, sondern auch eine erwartungsfrohe Zukunft.
chocochip, 22.12.2010
5. Große Verwirrung...
Zitat von sysopIst bi besser? In seinem neuen Film "Drei" lässt Tom Tykwer ein heterosexuelles Paar eine Dreiecksbeziehung mit einem Mann eingehen.*Im Beziehungsgespräch mit dem KulturSPIEGEL spricht der*Regisseur*über die Sehnsucht nach Erneuerung, Grenzüberschreitungen und den Wunsch nach Verbindlichkeit. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,735277,00.html
Was hat Monogamie mit Bisexualität zu tun? Irgendwie geht hier alles durcheinander und man hat den Eindruck der Autor weiß selber nicht genau, worüber er/sie schreibt.
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