"Drei"-Regisseur Tom Tykwer "Letztlich ist Monogamie widernatürlich"

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3. Teil: "Die Geschichten unserer Beziehungen sind fast alle irre"


KulturSPIEGEL: Sie sehen Fremdgehen als Chance?

Tykwer: In seinen Erfahrungen ist mir das Paar sehr vertraut. Für die beiden ist Fremdgehen ganz klar eine Grenzüberschreitung, es ist den beiden sehr bewusst, dass man das nicht einfach macht. Das sind keine behaupteten spätmodernen Wesen, die das sowieso alles schon internalisiert haben, was wir an Hyperaufklärungen so draufhaben. Die hängen noch an Mustern, an denen ich auch nicht nur zweifle. Nämlich zum Beispiel, dass ein relevanter Anker einer Beziehung eben doch die Verbindlichkeit und wahrscheinlich auch die Monogamie-Verabredung ist.

KulturSPIEGEL: Im Presseheft zum Film sagen Sie, Monogamie sei emotionaler Faschismus.

Tykwer: Oh Gott. Nun, was Monogamie als Dogma betrifft, stimmt das. Letztlich ist Monogamie widernatürlich, sie kann nur eine Entscheidung sein gegen unsere Bedürfnisse. In unseren triebhaften Bedürfnissen sind wir nicht monogam, das kann heute niemand mehr ernsthaft behaupten. Aber natürlich ist es eine Verabredung, auf die man sich einlassen kann: bestimmte Triebe für den Vorteil zu opfern, dass ich in einer beschützenden, verbindlichen Beziehung leben kann. Ich glaube an diese Vereinbarung für eine Beziehung, auch in meinem eigenen Leben. Das liegt aber auch an der Art und Weise, wie wir sind, wie wir sozialisiert sind. Die Verlustangst, die von der Idee des fremdgehenden Partners ausgelöst wird, die ist wahrscheinlich zu zerstörerisch.

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KulturSPIEGEL: Die zwei im Film haben das Glück, an eine Person zu geraten, in die beide gleichermaßen verliebt sind, und gleichzeitig ist diese Person zu gleichen Teilen in die beiden verliebt. Das sieht verlockend aus, aber dieses Gleichgewicht ist doch in der Realität extrem unrealistisch, oder?

Tykwer: Sicher. Das Ende bleibt ja auch ein bisschen offen. Ich möchte immer noch die Option offen halten, dass die drei am nächsten Morgen mit einem Kater aufwachen und sagen, was ist denn das für ein Quatsch. Das weiß ich alles nicht. Diese Konstellation ist natürlich ein irrer Zufall. Aber letztlich eben doch denkbar.

KulturSPIEGEL: Der Zufall spielt in dem Film wie so oft bei Ihnen eine große Rolle. Geht das nicht auf Kosten der Glaubwürdigkeit?

Tykwer: Finde ich nicht. Wenn man mal genau fragt, wie Paare sich getroffen haben und wie das alles zustande kam, dann ist bestimmt jede dritte Geschichte ganz schön unglaublich. Ich bin vor siebeneinhalb Jahren mal zufällig mit Sebastian Schipper und dem Kameramann Frank Griebe in Friedrichshain einen Kaffee trinken gegangen. Mit der Frau, die damals gekellnert hat, bin ich heute verheiratet und habe ein Kind. Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich einer Frau meine Telefonnummer gegeben habe. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass daraus das große Glück wird? Wenn man es ernst nimmt, sind die Geschichten unserer Beziehungen fast alle irre. Oder trivial: Man geht irgendwo hin, und da steht eine, und die isses dann.

KulturSPIEGEL: Hat Ihr alter Freund und Mentor Rosa von Praunheim den Film schon gesehen? Den dürfte ein Film über das Aufbrechen heteronormativer Beziehungsmuster doch bestimmt interessieren.

Tykwer: Ja, er hat mir eine Mail geschrieben und war beglückt, dass ihm der Film gefallen hat. Er meinte, er hätte ein bisschen Angst davor gehabt. Ich nicht - Rosa geht es doch darum, dass die Verklemmung gegenüber sexuellen Dispositionen ein Ende hat. Auch in "Drei" haben die Charaktere ihre Verklemmungen, aber der Film entwickelt die Liebesgeschichte zwischen den beiden Männern auf eine ganz entspannte Weise. Dass er mit einem Mann fremdgeht, ist letztlich auch nichts anderes, als dass sie mit einem Mann fremdgeht.

KulturSPIEGEL: Der Film verhandelt viele Themen im Vorbeigehen - Stammzellforschung, Zahlenmystik, den Tod der Eltern. Ist das nicht etwas viel auf einmal?

Tykwer: Ist doch gut, dann gehen die Zuschauer vielleicht zweimal rein.

KulturSPIEGEL: Sie kalkulieren mit der Überforderung des Publikums?

Tykwer: Die Charaktere sind doch auch überfordert. Ich wollte ein Gefühl dafür erzeugen, welche Vielfalt von Einflüssen diese Menschen bestimmt. Das sind Leute, die mitten im Leben sind und sich auf mehr als eine Sache konzentrieren müssen. Im Laufe der Zeit fächern sich unsere Interessen immer weiter auf - es gibt ein gigantisches Angebot an Möglichkeiten, in der spätbürgerlichen westlichen Gesellschaft sein Leben gemeinsam zu gestalten. Da verliert man leicht den Fokus. Und das wollte ich von der privaten und von der wissenschaftlichen Seite aus betrachten, weil eben auch die Wissenschaft unsere Möglichkeiten erweitert.

KulturSPIEGEL: Aber warum muss man deswegen gleich eine der Hauptfiguren zum Invitro-Spezialisten machen und auch noch den Ethikrat auftreten lassen?

Tykwer: Allein schon um zu zeigen, wie normal das in unserer Welt inzwischen ist. Das Problem der ungewollten Kinderlosigkeit, die im vergangenen Jahrhundert noch unendlich viele Beziehungen ruiniert hat, ist heute meist lösbar. Aber in bestimmten Konstellationen muss erst der Ethikrat In-vitro-Zeugungen genehmigen. Da werden dann sehr private Dinge politisch verhandelt. Das ist unsere Realität, und die wollte ich zeigen.



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frubi 22.12.2010
1. .
Zitat von sysopIst bi besser? In seinem neuen Film "Drei" lässt Tom Tykwer ein heterosexuelles Paar eine Dreiecksbeziehung mit einem Mann eingehen.*Im Beziehungsgespräch mit dem KulturSPIEGEL spricht der*Regisseur*über die Sehnsucht nach Erneuerung, Grenzüberschreitungen und den Wunsch nach Verbindlichkeit. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,735277,00.html
Jedem das seine. Wer Rudelbumsen toll findet und andere Menschen kennt, die die selbe Leidenschaft teilen, dann ist das doch in Ordnung. Was ich mitlerweile nicht in Ordnung finde ist die Tatsache, dass Fremdgehen bzw. den Partner sexuell zu betrügen, zu einem Bagatell-Delikt verkommen ist. In den Medien wird das zudem kaum kritisch hinterfragt. Das man vor einem möglichen Betrug mit seinem Partner redet und die Beziehung beendet um danach wieder durch die Gegen zu vögeln ist ja in Ordnung, aber diese Drangmentalität ist keine schöne Sache. Wir Menschen tun doch immer so, als wären wir die Krone der Schöpfung. Aber wir rammeln durch die Gegend wie Hasen auf der Weide und achten dabei immer weniger auf unsere Partner, denen die aktuelle Beziehung ja immerhin etwas Wert sein könnte.
Katzenfreund, 22.12.2010
2. Stimmt
Aber man kann sich daran gewöhnen.
DJ Doena 22.12.2010
3. komische Frage
"Widernatürlich" ist immer so ein schwammiges Wort. Was ist denn "natürlich". Wenn man sich das desamte Tierreich dualsexualer Wesen anguckt, kommen da alle Spielarten drin vor, inwieweit sich wowohl Männchen, als auch Weibchen um den Nachwuchs kümmert und inwieweit dasselbe Männchen und Weibchen zusammenbleiben. Von daher ist also weder zeitlich begrenzte Monogamie noch zeitlich unbegrenzte Monogamie noch Polygamie "widernatürlich". Es kommt lediglich drauf an, was die Gesellschaft gerade als "normal" betrachtet. In 200 Jahren kann das schon wieder ganz anders aussehen. Das würde uns aber noch lange nicht widernatürlich machen.
lb3 22.12.2010
4. Hui
Welch angenehme Überraschung! Als Bin-kein-Tykwer-Fan und jemand, der bei Lola eher wegrennt, bin ich von den kurzen Teasern samt Interview begeistert. Richtige Schauspieler, eine Regie, die den Szenen Zeit gibt und eine schon bei den wenigen Bildern erkennbar gute Kamera. Was will man mehr? Ach ja, auch der Soundtrack ist vielversprechend. Wenn das also die Weiterentwicklung des Tom Tykwer ist, dann haben wir nicht nur jetzt einen feinen Film in Aussicht, sondern auch eine erwartungsfrohe Zukunft.
chocochip, 22.12.2010
5. Große Verwirrung...
Zitat von sysopIst bi besser? In seinem neuen Film "Drei" lässt Tom Tykwer ein heterosexuelles Paar eine Dreiecksbeziehung mit einem Mann eingehen.*Im Beziehungsgespräch mit dem KulturSPIEGEL spricht der*Regisseur*über die Sehnsucht nach Erneuerung, Grenzüberschreitungen und den Wunsch nach Verbindlichkeit. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,735277,00.html
Was hat Monogamie mit Bisexualität zu tun? Irgendwie geht hier alles durcheinander und man hat den Eindruck der Autor weiß selber nicht genau, worüber er/sie schreibt.
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