Duell der Klassiker-Remakes Krieg der Köpfe

Skurriles Duell an den Kinokassen: In Frankreich kämpfen gleich zwei Remakes des Filmklassikers "Krieg der Knöpfe" um die Gunst des Publikums. Dem Charme der Geschichte über zwei rivalisierende Jugendbanden wird aber nur eine Version gerecht, die andere will etwas über den Krieg an sich erzählen.

ddp images/ Capital Pictures

Von , Paris


Gleich zwei Remakes des Filmklassikers "Der Krieg der Knöpfe" sind in dieser Woche in Frankreich gestartet. Doch der Krieg der Filme tobt nicht erst seit dem direkten Vergleich an der Kinokasse. Lange bevor die beiden Produktionen - "Der Krieg der Knöpfe" und "Der neue Krieg der Knöpfe" - die Pariser Kinos erreichten, lieferten sich die rivalisierenden Produzenten, Drehbuchautoren und Verleiher eine bittere PR-Schlacht darum, wer das wahre Erbe des französischen Filmklassikers antritt - und möglichst auch dessen kommerziellen Erfolg wiederholt.

Das Original von 1962, gedreht von Yves Robert ("Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh"), begründete den internationalen Ruf des Schauspielers als Filmemacher und wurde zum gefeierten Publikumsrenner. "Echte Frische, vollkommene Kindlichkeit und mitreißender Charme" konstatierte der "Filmbeobachter" damals. Robert hatte die Handlung der 1912 erschienenen Romanvorlage von Louis Pergaud zwar in die sechziger Jahre verlegt, doch der Stoff verlor dabei nichts an Authentizität.

Denn Robert schildert mit Witz und Liebe zum Detail die Handgreiflichkeiten zweier Jungenbanden in den Tiefen der französischen Provinz. Der Streit zwischen den verfeindeten Dörfern Longueverne und Velrans verschärft sich, als die kindlichen Rowdys ihren Gefangenen die Knöpfe abschneiden - und damit auch die Ehre. Die so malträtierten Opfer beschließen daraufhin, ihre Gegenattacke ganz und gar unbekleidet zu führen und düpieren damit ihre Gegner. Der Konflikt endet mit einem sehr französischen Happy End: Die Erwachsenen beschließen die Fehde bei ausgiebigem Weingenuss, die beiden jugendlichen Anführer werden ins Internat gesteckt, wo sie sich prompt anfreunden.

Dem rührenden Gleichnis von Zwietracht und Versöhnung zwischen den Dorfkirchtürmen hatte Robert, so schien es, ein filmisches Denkmal für die Ewigkeit gesetzt. Doch kaum war im vergangenen Jahr das Copyright des Romans ausgelaufen, interessierten sich gleich mehrere Produzenten für die neuerliche Auswertung des Bestsellers. Für die hart kalkulierende Branche eine Premiere: Am Ende wurden zwei Projekte parallel angeschoben. Die Bemühungen um Finanzen, Drehplan und Cast gerieten prompt zum Krieg der Köpfe. Produzent Thomas Langmann setzte auf Christophe Barratier, der 2004 mit "Die Kinder des Monsieur Mathieu" reüssiert hatte; Gegenspieler Marc du Pontavice schickte das Nachwuchstalent Yann Samuell ins Rennen, 2010 bekannt geworden durch den Film "Vergissmichnicht" mit Sophie Marceau.

Zivilcourage gegenüber Kollaborateuren

Die Arbeit am Set - für den einen im Limousin, für den anderen im Burgund - erwies sich daher als monatelanger Parforceritt, die Endproduktion geriet schließlich zum Kopf-an-Kopf-Rennen um einen möglichst frühen Kinostart. Herausgekommen sind zwei sehr unterschiedliche Filme: Samuell tritt an mit Eric Elmosnino, der unlängst Serge Gainsbourg spielte; Barratier mobilisierte unter anderem mit Kad Merad ("Willkommen bei den Sch'tis") und Laetitia Casta, jüngst Darstellerin von Brigitte Bardot, eine Starriege.

Grundverschieden sind auch die Konzepte der Filme: Samuell bleibt mit dem "Krieg der Knöpfe" dicht am Roman und auf Augenhöhe der Kinder. Figuren, Handlung und Atmosphäre nähren die Sehnsucht nach dem ländlich-traditionellen Frankreich der sechziger Jahren. Die einzige Abweichung dieses Remakes ist eine inhaltlich überflüssige Verknüpfung zum Algerien-Krieg, die sich nur als Zugeständnis an den politisch korrekten Zeitgeist verstehen lässt.

Barratier hingegen versucht sich erst gar nicht an einer originalgetreuen Verfilmung, er zielt auf eine historisch überhöhte Interpretation, die offenbar auch Erwachsene ins Kino locken soll. Daher wird der Coming-of-Age-Geschichte eine zweite Dimension aufgepfropft, der "Neue Krieg der Knöpfe" spielt nun während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung. "Ich will hinausgehen über den Streit zwischen Kindern, daher die Idee, den Krieg der Knöpfe mit dem großen Krieg der Menschheit zu verbinden", sagt der Regisseur. "Auf diese Weise findet der tragische Konflikt der Erwachsenen seine Resonanz in dem eher drolligen Zank der Kinder."

Ein Kraftakt, der gründlich missraten ist. Gewiss, die Kameraschwenks zeigen abgeschiedene Landschaften, die Schauspieler bieten solide Charakterzeichnungen. Dennoch bleibt der Film eine Mischung aus musikalisch unterlegter Sentimentalität und plumpen Klischees: Der aufmüpfige Bandenanführer verliebt sich jetzt in eine jüdische Schönheit; der prügelnde Papa ist in Wahrheit ein heimlicher Widerstandskämpfer, der Dorflehrer mimt Zivilcourage gegenüber den üblen und - natürlich blonden - Nazi-Kollaborateuren.

Verflogen ist die Leichtigkeit der Geschichte, perdu Humor und Charme der treffsicheren Milieuschilderung. Als Zuschauer sehnt man sich zurück nach dem Schwarzweißfilm von Yves Robert. Zum Glück wird man nicht enttäuscht: Anfang Oktober kommt das Original von 1962 wieder auf die Leinwand - restauriert und in digitaler Qualität. Der wahre "Krieg der Knöpfe".



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
HorstOttokar 28.09.2011
1. Krieg der Knöpfe
Ich kann mich noch erinnern, dass ich das Buch als Kind geschenkt bekam - und überhaupt nicht leiden konnte. Sowohl der gewalttätige Umgang der Kinder miteinander als auch die ständig prügelnden Eltern haben mich als harmoniesüchtiges Schulhof-Kloppe-Opfer ziemlich abgeschreckt. Ich finde auch, dass man dem Werk sein Alter extrem anmerkt - das gehört nicht zu den zeitlosen Kinderklassikern, sondern ist in seiner Handlung für heutige Kinder kaum noch nachzuvollziehen (war es ja schon für mich als Kind nicht, und das ist 25 Jahre her). Wundert mich wirklich, dass das in Frankreich offenbar noch so beliebt ist.
Laza 28.09.2011
2. .
Zitat von sysopSkurriles Duell an den Kinokassen: In Frankreich kämpfen gleich zwei Remakes des Filmklassikers "Krieg der Knöpfe" um die Gunst des Publikums. Dem Charme der Geschichte*über zwei rivalisierende Jugendbanden wird aber nur eine Version gerecht, die andere will*etwas über den Krieg an sich erzählen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,787979,00.html
Im Titel ist das "n" in K"n"öpfe geklaut worden ;)
Laza 28.09.2011
3. .
Zitat von LazaIm Titel ist das "n" in K"n"öpfe geklaut worden ;)
Ah, verdammt. Mein Fehler- alles korrekt natürlich. Ich sollte wohl nicht nur quer lesen ;)
Somian 28.09.2011
4. "digitale qualität"
Was ist an digitaler Qualität besser als beim Analogfilm? Bei der Digitalisierung geht immer etwas verloren ;) natürlich wird die digital restaurierte version besser aussehen. aber von "digitaler qualität" kann man nicht sprechen.
mfeldt, 28.09.2011
5. Da geht nix verloren...
Zitat von SomianWas ist an digitaler Qualität besser als beim Analogfilm? Bei der Digitalisierung geht immer etwas verloren ;) natürlich wird die digital restaurierte version besser aussehen. aber von "digitaler qualität" kann man nicht sprechen.
Unsinn! Was sollte denn da verloren gehen? Man tastet in höherer Auflösung und Graustufentiefe ab als das Original bietet und ist damit komplett verlustfrei. Nachträglich kann man dann das Bild stabilisieren und Kratzer etc. herausrechnen - perfekt!
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