Duisburger Filmwoche Der lange Sommer des Dokumentarfilms

Er ist die Pop-Ikone unter den Festivalchefs: Nun hat Werner Ruzicka nach 34 Jahren die Leitung der Duisburger Filmwoche abgegeben. Zum Glück hält ein Gesprächsband fest, was ihn und die Filmwoche so einzigartig macht.

Festivalleiter Ruzicka (links) und Regisseurin Schilling bei der Eröffnung der diesjährigen Filmwoche
Simon Bierwald/ Duisburger Filmwoche

Festivalleiter Ruzicka (links) und Regisseurin Schilling bei der Eröffnung der diesjährigen Filmwoche

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Mit einem Centrefold hat sich die Duisburger Filmwoche von ihrem langjährigen Leiter verabschiedet: In der Mitte des Programmheftes findet sich ein zweiseitiges Schwarz-Weiß-Bild von Werner Ruzicka. Mit der linken Schulter an eine Säule gelehnt, eine Sonnenbrille in der Jackettasche, eine Zigarette in der Hand, deren Rauch das Gesicht buchstäblich vernebelt.

James Dean am Times Square, aber natürlich auch, die Haare!, viel Keith Richards: Der Leiter eines Festivals für künstlerischen Dokumentarfilm als Pop-Ikone, das geht nur in Duisburg, nein, das ging nur in Duisburg, denn mit Ende der 42. Ausgabe der Filmwoche, von der er 34 verantwortet hat, hat Ruzicka an diesem Wochenende die Leitung abgegeben.

Der Name einer Nachfolgerin kursiert schon seit Monaten, doch dass er bis zum Schluss der diesjährigen Filmwoche nicht offiziell verkündet wurde, irritiert. Es soll, so ist zu hören, an Formalien liegen, dass der Vertrag noch nicht unterzeichnet worden ist. Da Ruzickas Abschied schon seit rund einem Jahr bekannt ist, wäre genug Zeit gewesen, den Formalien beizukommen. Riskiert die Stadt Duisburg etwa das Aus dieses Ausnahmefestivals?

Es wäre ein niederschmetterndes Signal für den deutschsprachigen Dokumentarfilm, der schon im Fernsehen an die Ränder, wenn nicht wie bei Arte über sie hinweg in den Abgrund, gedrängt wurde. Ein Aus der Filmwoche wäre aber auch das Vertun einer großen Chance, denn eine neue Leitung könnte erkunden, was sich mit dem einzigartigen Konzept des Festivals noch so anstellen lässt: Ein Filmprogramm in einem Kino, über sechs Tage gemeinsam geguckt und im Anschluss mit den jeweiligen Filmemacherinnen und -machern ausführlich diskutiert. Kann das so bleiben, muss das so bleiben?

Duisburger Rhetorik

Künstler wollen nicht gelobt oder getadelt, sie wollen verstanden werden, zitiert Ruzicka Nietzsche im soeben erschienen Gesprächsband "Duisburg Düsterburg". Auf Verständnis im Sinne von d'accord gehen konnten die Filmemacher auf Ruzickas Filmwoche - die man als solche bezeichnen muss, da er bei Bedarf autokratisch herrschte - zwar nicht direkt hoffen. Aber auf ein unbedingtes Ernstnehmen ihrer Perspektiven, Positionen und ihres Handwerks.

Wie in Duisburg über Film gesprochen wurde, ist in seiner Genauigkeit wie auch in deren lustvoller Übersteigerung ins verbale Ornament immer noch einmalig. Überforderung war dabei einkalkuliert, vor allem beim Publikum. "Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber es war toll", beschreibt Ruzicka in "Duisburg Düsterburg" als seine Wunschreaktion eines interessierten Publikums.

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Duisburg Düsterburg

Werner Ruzicka im Gespräch

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Ein Problem mit ihrer Reproduktion hatte die Duisburger Rhetorik nie. Über mehrere Jahrzehnte hinweg hat Ruzicka immer wieder junge Leute gefunden, die sie erst in der Auswahlkommission, dann in der Moderation der Filmgespräche geübt haben. Auch in diesem Jahr war es verblüffend, wie sich bestimmte Sprachfiguren wiederholten: Eine Moderatorin führt ihre Gedanken zu einer bestimmten Einstellung aus. Der Filmemacher weiß nicht, was von ihm als Reaktion gewünscht ist und guckt hilflos, daraufhin sagt die Moderatorin: "Also die Frage nach der ästhetischen Verantwortung."

Fragen nicht als Fragen zu formulieren ist eine Spezialität der Duisburger Rhetorik. Darin dürfte unter anderem aber auch das Problem begründet sein, dass diese Art des Sprechens mit der "Proliferation" (Ruzicka) hat: In einzelne Freundeskreise, Schaffenszusammenhänge und Seminare hat es sich vom Duisburger Dellplatz aus hin verbreitet, die "Branche" an sich hat es über die Jahre hinweg, der rechtspopulistischen Elitenkritik nicht unähnlich, immer bräsiger ignoriert.

Geistesgeschichte wird gemacht

Der wichtigste Garant für das Erbe der Ära Ruzicka dürfte in diesem Jahr deshalb nicht das Programm sein, das sich eher uninspiriert zu großen Teilen aus der Forumssektion der Berlinale speiste, sondern der bereits erwähnte Gesprächsband. Vom Filmwissenschaftler Simon Rothöler und dem Kritiker Matthias Dell, der auch für SPIEGEL ONLINE schreibt, verantwortet, hält das kleine Buch eindrucksvoll die Vorzüge von Ruzickas erkundendem, zielungebundenem Sprechen fest.

40 Jahre Duisburger Filmwoche

Die Struktur der Filmgespräche spiegelnd stellt Rothöler nicht so sehr Fragen, sondern liefert extrem kenntnisreiche Skizzen der westdeutschen Linken als Bausteine, auf die Ruzicka aufsetzt. So entsteht nach und nach ein Mosaik linksintellektueller Biografien, Befindlichkeiten und Konfliktlinien, das so interessant und ergiebig für die bundesrepublikanische Geistesgeschichte ist wie zuletzt "Der lange Sommer der Theorie" von Philipp Felsch über den Merve-Verlag.

Dass sich Ruzicka bei den kürzeren, faktenorientierten Fragen von Dell - zum Beispiel nach der Marginalisierung von Frauen in Duisburg oder der großen Festivalkonkurrenz aus dem Osten, Dok.Leipzig - Einsilbigkeit und Unbekümmertheit leistet, ist dabei natürlich auch bezeichnend. Hier wird klar, was als Wunsch an dieses Sprechen und damit vermittelt auch an das Festival offen bleibt.

Relativiert das die Leistung von Ruzicka? Nicht entscheidend, denn wie ließe sich als Variation auf seine Wunschreaktion des Publikums sagen: Ich war zwar nicht mit allem einverstanden, aber es war toll.



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