Sowjetfilm-Box "Der Neue Mensch" Offensiv politisiert

Kontrolliert und arbeitsam: In den Zwanzigerjahren sollte das Sowjet-Kino seine Zuschauer zu idealen Proletariern erziehen - in dieser propagandistischen Idee gingen aber nicht alle Filme widerstandslos auf.

Szene aus Friedrich Ermlers "Der Mann, der das Gedächtnis verlor"
Suhrkamp

Szene aus Friedrich Ermlers "Der Mann, der das Gedächtnis verlor"

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Erst gleitet die Kamera gemächlich das Gerüst des Eiffelturms empor, dann richtet sie den Blick über die Dächer von Paris, bevor es durch die Luft ins revolutionäre Russland geht, nach Moskau: Der Regisseur Dziga Vertov demonstrierte in seinem Kurzfilm "Kino-Prawda" 1924, wie das Kino die Welt nicht nur aufzeichnet, sondern per Schnitt zerlegt und neu zusammensetzt. Vertovs Bilder entsprachen dabei dem kulturrevolutionären Programm der Bolschewiki, schon der Schnittrhythmus soll den Takt sozialistisch organisierter Arbeit spürbar machen.

Vertovs Filme gehören heute wie die Sergej Eisensteins zum internationalen Filmkanon. Zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution ist nun eine Sammlung sowjetischer Filme aus den Jahren 1924 bis 1932 erschienen. Die acht Kurz- und Langfilme sind Dokumente eines offensiv politisierten Kinos. Der, so Lenin, "Schmutz der alten Welt" galt als weggekehrt. Geblieben waren die Menschen, die - noch - die alten waren. Auf die Revolution sollte nun die Kulturrevolution folgen. Das Schlagwort war "Der Neue Mensch". Und bei dessen Erschaffung fungierte das Kino als Erziehungsinstrument.

Mehr, als die propagandistische Idee vorsieht

"Der Mensch wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren", dekretierte Leo Trotzki 1923 in seiner im Wortsinne wegweisenden Schrift "Literatur und Revolution". Seinen idealisierten Proletarier beschrieb er so: "Er wird es sich zur Aufgabe machen, der Bewegung seiner eigenen Organe - bei der Arbeit, beim Gehen oder im Spiel - höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen."

Der Großteil der hier versammelten Filme ging in dem Ideal, das sie propagieren sollten, allerdings nicht widerstandslos auf. Die Aufbruchsstimmung nach der Oktoberrevolution ging mit einer Erweiterung der experimentellen Spielräume des Kinos einher - eine Eigendynamik entwickelte sich, die die Instrumentalisierung unterlief.

Der Plot von Friedrich Ermlers "Der Mann, der das Gedächtnis verlor" etwa ist eindeutig erzieherisch gedacht: Iwan hat in dem dreijährigen Bürgerkrieg, der der Gründung der Sowjetunion vorausging, sein Gedächtnis verloren. 1929 kehren die Erinnerungen zurück, und Iwan fährt in seine Heimatstadt Petrograd, die jetzt Leningrad heißt, um mit großen Augen die Errungenschaften der Revolution zu bestaunen. Nach anfänglicher Irritation folgt die psychologisch allzu flotte Neuorientierung: Aus dem geduckten Iwan, der in der Fabrik nach dem Vorgesetzten fragt, wird im Handumdrehen ein selbstbewusster Proletarier. Zielsicher macht Iwan einen betrunkenen Arbeitsverweigerer an der Maschine ausfindig und nimmt ihm die Schnapsflasche weg.

So durchschaubar die Intention, so wenig eindrücklich ist die Fabrikszene. "Der Mann, der das Gedächtnis verlor" aber weiß mehr, als die propagandistische Idee vorsieht. Das Trauma artikuliert sich in einer assoziativen, schnell getakteten Montage erfahrungsgesättigter Bilder: Regisseur Ermler war selbst Soldat im Bürgerkrieg und kreierte drastische Bilder, die der von Trotzki geforderten Zweckmäßigkeit widersprachen und sich umso mehr einbrennen: Ein Verdurstender trinkt in seiner Verzweiflung an den Zitzen einer Hündin, Jesus ist ans Kreuz genagelt, das Gesicht hinter einer Gasmaske verborgen.

Diese Bilder von einem Krieg mit geschätzt bis zu zehn Millionen Toten unterlaufen die Konstruktion eines mit der Welt harmonisierenden Menschen - mit aller Wucht. In den Sequenzen steckt eine für den Zuschauer körperlich spürbare Erfahrung, während die Behauptung von Selbstkontrolle und Arbeitsethos in "Der Mann, der das Gedächtnis verlor" eben das bleibt: eine Behauptung.

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Regisseure aus der Sowjetunion:
Der neue Mensch

DVD-Box

Suhrkamp; 411 Minuten; 21,57 Euro

Andere Filme der Sammlung sind ungebrochener. Dawid Marjans "Das Leben in der Hand" von 1931 ist ein konventionell inszeniertes Rührstück, das das soziale Leben in einem Kommune-Wohnheim feiert. Das Essen kommt per Fließband, die kubistische Architektur beherbergt beseelt lächelnde Sowjetbürger. Auch hier drohen Alkohol und Bummelantentum das Kollektiv zu stören.

Auch wenn das alles nach allzu durchschaubarer Pädagogik klingt - die Idee des Neuen Menschen als pure Propaganda abzutun, greift zu kurz. Denn das Ideal war verbunden mit bahnbrechenden Reformen. "Das Bildungsversprechen für die Arbeiter und Bauern wurde binnen weniger Jahre eingelöst, der Analphabetismus wurde schnell und gründlich beseitigt, die Schul- und Berufsbildung enorm forciert", schreibt Alexander Schwarz im Booklet der DVD-Box.

Die Möglichkeit des Scheiterns nicht verdrängen

Auch die Geschlechterverhältnisse wurden liberalisiert. In "Bett und Sofa" lieben zwei Männer eine Frau, die drei leben in einer gemeinsamen Wohnung. Bürgerliche Restbestände wie Eifersucht sind noch präsent, fügen sich aber der Vernunft. Als die Frau schwanger wird, versuchen die beiden, sie zu einer Abtreibung zu überreden. Abram Rooms 1927 international erfolgreicher Film endet mit einem offenen, emanzipatorischen Schluss: Die Frau verlässt die beiden und zieht aufs Land, um das Kind allein großzuziehen.

Ein Widerhall der Bildungsreformen findet sich in dem sehr berührenden "Der Weg ins Leben", der von einem Heim für Straßenkinder erzählt - begleitet von einem Erzieher, der ihnen bedingungsloses Vertrauen schenkt. "Der Weg ins Leben" ist der einzige Tonfilm und der einzige innerhalb der Auswahl, in dem das "kollektiv experimentelle Leben", das Trotzki forderte, gezeigt wird, ohne die Möglichkeit seines Scheiterns zu verdrängen.

Und dieses Scheitern ließ dann real ja tatsächlich nicht lange auf sich warten. Kurze Zeit nach der Machtübernahme Stalins war die Blütezeit des sowjetischen Kinos vorüber. Seine Gewaltherrschaft deutet sich in einigen Momenten bereits an - immer dann, wenn die Filme ihrem Publikum die Angst vor dem Verschiedensein einimpfen wollen.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
P.Josph 08.08.2017
1. Kann man gucken...
...braucht man aber auch nicht. Es war, es ist und es bleibt rote Propaganda, deren Ergebnis man in jedem politischkorrektem Geschichtsbuch nachlesen kann. Für mich leider genauso widerlich wie die schmutzigen anti-semitischen Filmchen der braunen Mörderbande.
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