DVD-Tipp "Arbitrage": Der Teufel hat Charme

Von Daniel Sander

Spielfilmdebüt "Arbitrage": Was sind schon 412 Millionen? Fotos
Universum Film

Finanzhaie mag wirklich niemand: In Nicholas Jareckis Spielfilmdebüt "Arbitrage" spinnt ein New Yorker Betrüger immer größere Intrigen, um einer Strafe zu entkommen. Aber Richard Gere spielt ihn so gut, dass man ihm kaum böse sein kann.

Die klassischen Hollywood-Bösewichte waren früher meist Russen, Deutsche oder Chinesen. Seit die Studio-Bosse aber erkannt haben, wie gern Russen, Deutsche und Chinesen ins Kino gehen, und weil man sein potentielles Publikum lieber nicht vergraulen sollte, bleiben heute eigentlich nur noch zwei sinistre Standard-Modelle übrig: Nordkoreaner und Hedgefonds-Manager. Im Zweifelsfall immer letztere. Die mag wirklich niemand.

Der Regisseur und Drehbuchautor Nicholas Jarecki hat sich für sein Spielfilm-Debüt "Arbitrage", das in Deutschland ohne vorherigen Kinostart am Freitag auf DVD erscheint, ein besonders verkommenes Exemplar ausgedacht: Robert Miller (Richard Gere) ist ein Finanzhai, dessen Leben auf nichts anderes als die Anhäufung von Dollar ausgerichtet ist. Wie gut das geklappt hat, zeigt schon der gigantische Kronleuchter, der sich in seinem New Yorker Town-House über mehrere Stockwerke wie ein diamantener Wasserfall in Richtung Boden ergießt. Zu seinem 60. Geburtstag ehrt ihn das "Forbes"-Magazin mit einer Titel-Geschichte, er steht kurz davor, sein Unternehmen für ein Vermögen zu verkaufen, seine wohltätige Ehefrau (Susan Sarandon) steht hinter ihm, seine Tochter (Brit Marling) hat womöglich das Zeug zu seiner Nachfolgerin, seine französische Geliebte (Laetitia Casta) sorgt für die nötige Entspannung. Für einen wie Miller geht es im Leben nur nach oben.

Wenn da nur nicht diese Kleinigkeit von 412 Millionen Dollar wäre, um die er sich bei einem Deal um eine russische Kupfermine verspekuliert hat. Und die er nun in seine Bilanzen zurücktricksen muss, bevor der Käufer etwas merkt. Eiskalter Betrug, das weiß er, aber auch die einzige Lösung. So läuft das Geschäft nun mal, und die Regeln des Geschäfts sind die einzigen, die für ihn zählen.

Meister des Charmes

Etwas unangenehmer ist ihm da schon die Sache mit dem Unfall, den er verursacht und bei dem ein Mensch ums Leben kommt. Für einen kurzen Moment denkt er sogar daran, den Notruf zu wählen. Weil eine Klage wegen fahrlässiger Tötung aber den bevorstehenden Superdeal gefährden würde, besinnt er sich eines Besseren und geht. Es muss einen Weg geben, sich auch aus dieser Sache herauswinden zu können. So einer wie er kann doch nicht ins Gefängnis gehen.

Man müsste Robert Miller hassen, aber so einfach macht es "Arbitrage" seinen Zuschauern nicht (der Filmtitel ist, einfach erklärt, ein Fachausdruck für ein praktisch risikofreies Geschäft, das Profit bringt, ohne dass man dafür irgendwann tatsächlich etwas zahlen musste). Denn Miller ist ein meisterhafter Charmeur, dem es immer gelingt, sein Publikum davon zu überzeugen, was für ein verantwortungsbewusster und ehrenhafter Mann er ist. Der nur das Wohl seiner Investoren und seiner Familie im Sinn hat. Der über den Dingen steht, weil er sie einfach besser versteht als alle anderen.

Schwer vorstellbar, dass ein anderer Schauspieler das besser hätte hinbekommen können als Richard Gere. Mit nonchalantem Lächeln und einem warmen, freundlichen Blick gibt er alles an Charme, um einen moralfreien Verbrecher wie einen liebenswerten Gauner dastehen zu lassen. Er ist kein arrogantes Arschloch, so wie Michael Douglas in "Wall Street" Gordon Gekko gespielt hat, er ist viel gefährlicher: ein sympathischer Typ, dem alle so sehr vertrauen, dass er machen kann, was er will.

Dass sein einziger wirklicher Gegenspieler, ein misstrauischer Polizist, von Tim Roth dagegen als fanatischer Kotzbrocken gespielt wird, wäre nicht nötig gewesen, um einen weiter ins moralische Grau zu leiten. Gere weiß sein Publikum immer um den Finger zu wickeln, und das umso mehr, wenn sich die Schlinge um seinen Hals enger zieht.

Damit trägt er "Arbitrage" souverän über ein paar Logiklöcher und Holperdialoge hinweg. Der Film ist spannend genug, um bis kurz vor Schluss vollkommen offen zu lassen, ob Miller geschnappt wird oder nicht. Und einen ratlos zurück zu lassen in der Frage, welche der beiden Möglichkeiten nun das Happy End wäre.


Arbitrage. Ab 7.6. auf DVD erhältlich. Regie: Nicholas Jarecki. Mit Richard Gere, Susan Sarandon, Tim Roth, Brit Marling.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
berghutzen 06.06.2013
Zitat: "[D]er Filmtitel ist, einfach erklärt, ein Fachausdruck für ein praktisch risikofreies Geschäft, das Profit bringt, ohne dass man dafür irgendwann tatsächlich etwas zahlen musste" Das, einfach erklärt, ist falsch. Arbitrage ist der Gewinn, den man mit einem Geschäft macht, wenn man ein Gut zu unterschiedlichen Preisen auf verschiedenen Märkten kauft bzw. verkauft. In der Theorie wird allerdings zugegebenermaßen von einem quasi risikofreien Geschäft bei theoretischer Gleichzeitigkeit der Geschäfte gesprochen.
2. !!
janne2109 06.06.2013
sein Unternehmen für ein Vermögen zu verkaufen, seine wohltätige Ehefrau (Susan Sarandon) steht hinter ihm, seine Tochter (Brit Marling) hat womöglich das Zeug zu seiner Nachfolgerin, seine französische Geliebte (Laetitia Casta) sorgt für die nötige Entspannung. wunderbar beschrieben, knackig, mit ein paar Worten ein "Sittengemälde" der heutigen Zeit.
3. Remake?
Izmir..Übül 06.06.2013
Hört sich an wie ein Remake von "Fegefeuer der Eitelkeiten".
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