Von Daniel Sander
Es ist nicht leicht, wenn man seine Leidenschaften verstecken muss. Der junge New Yorker Tyler (Joe Conti) ist eigentlich ein typischer Schwuler aus dem Szene-Stadtteil Chelsea: blond und schlank, keine Haare am Körper, außer auf dem Kopf. Dass er Männer liebt, weiß jeder. Aber wie soll er seinen Martini-schlürfenden, Fitness-besessenen Partyfreunden beibringen, dass er nichts mit den Modeltypen anfangen kann, denen alle hinterher jagen? Dass er seine Männer mollig mag und vielleicht etwas älter. Vor allem bärtig. Überhaupt mit vielen Haaren. Und jawohl: auch auf dem Rücken!
Als Tyler anfängt, sexuelle Phantasien gegenüber dem Weihnachtsmann zu entwickeln, beschließt er, dass er seine Neigungen endlich ausleben muss. Auf in die rätselhafte schwule Welt der Bären also! Wo Rasierer verpönt und Parfüms verboten sind. Wo der Bierbauch mit Stolz aus der Hose quillt. Wo Männer noch richtige Männer sein wollen, die eben andere Männer wollen. Zeit für Tylers zweites Coming-out.
Schwules Wunderland
Zum Glück gilt der schwule, menschliche Bär als weit weniger brutal und gefährlich als sein mutmaßlich meist heterosexuelles Pendant aus der Tierwelt. Die Männer in Douglas Langways romantischer Bärenkomödie "BearCity" mögen manchmal bedrohlich aussehen, aber in Wirklichkeit sind sie alle ganz lieb: Das Pärchen Brent und Fred (Stephen Guarino, Brian Keane), das nach vier Jahren Beziehung das Konzept der Monogamie zu hinterfragen beginnt. Der wuchtige Michael (Gregory Gunter), der zwecks Jobsuche über eine Magenverkleinerung nachdenkt, sehr zum Entsetzen seines Partners Carlos (James Martinez). Und schließlich Roger (Gerald McCullouch), der silberhaarige Sexgott mit dem ausschweifenden Liebesleben, der womöglich doch bereit ist für etwas Stabileres.
Sie alle nehmen den Novizen Tyler herzlich auf in ihre Welt, die Regisseur Langway (selbst bekennender Bär) von ihrer zugänglichsten und freundlichsten Seite präsentiert. Ein schwules Wunderland ohne Zickereien und Was-zieh-ich-bloß-an-Dramen. Ein geheimer Ort, an dem es um die wirklich wichtigen Dinge geht. Um Spaß, um Liebe, um Sex.
In der Realität mag es auch bei den Bären manchmal etwas komplizierter zugehen, aber wer braucht schon das Kino, um sich mit der echten Welt zu beschäftigen? "BearCity" macht unverhohlen Werbung für eine Szene, die sonst im queeren Kino vernachlässigt wird. Dort läuft vielleicht mal der (nur entfernt mit den Bären artverwandte) Ledermann durchs Bild, sonst herrschen in Abercrombie & Fitch gehüllte Six-Packs.
Sonniger Humor
Dementsprechend schön ist es, in BearCity mal ein anderes, entspannteres schwules Leben erkunden zu können. Der Film wurde mit wenig Geld und viel Hilfe aus der New Yorker Szene realisiert; die deutsche DVD-Version zeigt das Original mit Untertiteln, es gibt keine synchronisierte Fassung.
Es passiert nicht viel, außer dass sich alle liebevoll gegenseitig aufziehen, sich auf die große Bärenparty freuen, und dass Tyler nebenbei seinen Traumprinz findet. Ein bisschen wie in einer sehr langen Folge von "Sex & the City", nur deutlich haariger und viel weniger anstrengend. Nicht alle Darsteller sind Vollprofis, nicht alle Witze wirklich witzig, und das Drehbuch holpert manchmal etwas peinlich vor sich hin. Doch das Ganze hat viel Charme. Wozu auch die nicht gerade schüchternen Sexszenen beitragen.
Wer selbst Bär oder Bärenfan ist, wird sich irgendwo wiederfinden können und seinen Spaß haben. Alle anderen haben die Gelegenheit, etwas zu lernen: dass es in der Szene Eisbären gibt (die grauhaarigen) und Muskelbären (selbsterklärend), Chaser (Bärenjäger) und Koalas (blonde Bären). Nur die typische beste Freundin taucht in "BearCity" gar nicht auf - die Bärbel.
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