Klassiker-Verfilmung "Wuthering Heights": Alte Liebe neu entflammt

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Liebesdrama "Wuthering Heights": Mit der Kraft eines Sturms Fotos
Prokino

Für laue Gefühle ist hier kein Platz: Mit ihrer Neuinterpretation von Emily Brontës Klassiker "Sturmhöhe" beweist Andrea Arnold, dass auch in den bekanntesten Liebesgeschichten viel Leben stecken kann - wenn man aufregende Bilder findet und ein bisschen Mut hat.

Dies ist zuallererst ein Kinotipp und dann ein DVD-Tipp. Wenn Sie in Berlin leben, dann nutzen Sie die Möglichkeit und sehen Sie sich "Wuthering Heights" schnell im Kino an. Begleitend zum DVD-Start an diesem Donnerstag läuft der Film dort auf ausgewählten Leinwänden. Wer dazu keine Möglichkeit hat, dem sei die DVD ans Herz gelegt. Aber Achtung! Sie werden sich nach dem Ende maßlos ärgern, dass es kein Verleih in Deutschland zustande gebracht hat, diesen wunderschönen Film bundesweit in die Kinos zu bringen.

Andrea Arnolds Adaption von Emily Brontës Klassiker "Sturmhöhe" legt ihr ganzes Gewicht auf die Bilder. So nimmt sie von der durch zahllose Film- und Fernsehfassungen doch arg geschleiften Liebesgeschichte die Last, auch diesen Film tragen zu müssen und kann sich zunächst ganz der Erkundung der Landschaft hingeben. Die Fülle von Stofflichkeiten, die Kameramann Robbie Ryan in den Hügeln von Yorkshire entdeckt, ist schier verblüffend. Jede Pflanze und jedes Tier, jeder Stein und jeder Regentropfen ist hier anders beschaffen und will von der Kamera genauestens untersucht sein. In Venedig wurde Ryan vor zwei Jahren zu Recht für seine herausragende Bildgestaltung ausgezeichnet.

Der Sinnesrausch der Bilder ist aber nicht losgelöst von der Geschichte. Vielmehr erklärt die Intensität der Eindrücke - verstärkt durch ein exzellentes Sounddesign -, wie die Liebe zwischen der kleinbürgerlichen Catherine (als Jugendliche: Shannon Beer, als Frau: Kaya Scodelario) und dem Findelkind Heathcliff (als Jugendlicher Solomon Glave, als Mann: James Howson) so fatale Ausmaße annehmen kann. Für laue Brisen und laue Gefühle ist hier kein Platz. Umgeben von dramatischer Landschaft und tosendem Wind scheinen die beiden keine andere Wahl zu haben, als sich gegenseitig zu verfallen.

Er ist und bleibt ein Außenseiter

Mindestens so effektiv wie die Bildgestaltung ist aber auch Arnolds Idee, Heathcliff zum aller ersten Mal in der Geschichte der zahllosen Verfilmungen mit einem schwarzen Schauspieler zu besetzen. In Brontës Roman ist Heathcliffs Ethnizität im Vagen gelassen. Als "dunkelhäutiger Zigeuner" wird er dort mitunter beschrieben. Da ihn Catherines Vater im Hafen von Liverpool, dem wichtigsten Umschlagplatz für Sklaven im damaligen britischen Empire aufgesammelt hat, könnte er aber auch indisch- oder afrikanischstämmig sein. Ob es wirklich textgetreu ist, Heathcliff von einem Schwarzen spielen zu lassen, lässt sich da kaum klären. Dramaturgisch ist es aber äußerst schlüssig.

Im Buch muss letztlich pure Boshaftigkeit als Grund dafür herhalten, dass Heathcliff nie vollständig akzeptiert wird und ihm besonders sein Ziehbruder Hindley brutal nachstellt. Durch die dunkle Hautfarbe kriegt sein Ausschluss nun eine gesellschaftspolitische Dimension. Jetzt erschließt sich viel unmittelbarer, warum Heathcliff in der archaischen Gemeinschaft von "Wuthering Heights", die aus kaum mehr als einem Dutzend Menschen besteht, Außenseiter ist und bleibt: Bis hierhin hatte es einfach noch kein Schwarzer geschafft - außer als Sklave. Dass es da für Catherine einen ungeahnten Tabubruch bedeuten würde, wenn sie ihn und nicht den bleichen Nachbarsohn Edgar (James Northcote) heiraten würde, lässt sich deshalb auch eher nachvollziehen.

Erschien die Adaption eines so beliebten Klassikers wie "Sturmhöhe" für Andrea Arnold erst als ein Abschied von den sozialkritischen Dramen ("Red Road", "Fish Tank"), die sie berühmt gemacht haben, beweist sie mit diesem Film eindrucksvoll, wie man den kompletten Genrewechsel vollziehen und doch seinen Themen und Interessen treu bleiben kann. Auch wenn der Film zum Schluss doch wieder Kurs auf den Roman nimmt und aus gebrochenem Herzen gestorben wird, gelingt Arnold eine beispielhafte Neuinterpretation, die wieder Lust auf Klassiker macht - und aufs Kino, das noch solche Bilder und solche Überraschungen parat hält.


Wuthering Heights. DVD erscheint am 14.2. bei ProKino. Regie: Andrea Arnold. Mit James Howson, Kaya Scodelario, Solomon Glave, Shannon Beer.

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