DVD-Verwertung Kinoketten drohen mit Filmboykott

Die Zeitspanne zwischen Kinostart und DVD-Verkauf wird immer kürzer und verhagelt Kinobetreibern das Geschäft. Zwei große Kinoketten greifen nun zu einer drastischen Maßnahme: Sie nehmen den Blockbuster "Nachts im Museum" aus dem Programm.


Berlin - Noch immer wollen tausende Zuschauer den amerikanischen Blockbuster "Nachts im Museum" mit Ben Stiller sehen - doch wenn die Kinobetreiber Ernst machen, wird es damit ab kommenden Donnerstag vorbei sein. Ursache ist ein Boykott von Filmen des Verleihs Twentieth Century Fox durch die Kinoketten Cinestar und Cinemaxx ab dieser Woche.

Sprecher der nach eigenen Angaben größten Kinounternehmen Deutschlands begründeten den Schritt mit dem frühen DVD-Start des Fox-Fantasyabenteuers "Eragon - Das Vermächtnis der Drachenreiter". Der Filmtheaterverband HDF Kino warf Fox vor, "ohne jede Rücksicht" die Kinoauswertung in Deutschland zu schwächen. Eine Sprecherin des Verleihs bestätigte, dass Gespräche mit den Kinobetreibern geführt werden. Weitere Kommentare lehnte sie ab.

Cinestar-Sprecher Thomas Schulz sagte, die "Eragon"-DVD solle am 19. März und damit vor Ablauf des zwischen Verleihern und Kinounternehmern verabredeten Zeitfensters von frühestens vier Monaten nach dem Kinostart in den Handel kommen. Die Bestsellerverfilmung war am 14. Dezember angelaufen. "Dies ist eine Frist, die wir nicht mehr bereit sind hinzunehmen", fügte Schulz hinzu und verwies auf wirtschaftliche Einbußen für die Kinobetreiber.

Von dem Boykott wären Kassenerfolge wie "Rache ist sexy" betroffen. Die Komödie war am Wochenende auf Platz vier der Kinocharts eingestiegen. "Nachts im Museum" lag auf dem zweiten Rang. Ob das Boxdrama "Rocky Balboa" von Sylvester Stallone wie geplant am 8. Februar in den betroffenen Kinos anlaufe, hänge von den Verhandlungen ab, sagte Cinemaxx-Sprecher Arne Schmidt. Derzeit bestehe Fox jedoch darauf, die Starttermine der DVDs selbst zu bestimmen.

Böses Blut bei Vorziehen der DVD-Starttermine

Die Kinosprecher warnten vor einem Präzedenzfall. Es sei notwendig, dass das Kino eine gewisse Exklusivität behalte, betonte Schmidt, dessen Unternehmen nach seinen Angaben in der vergangenen Woche von dem frühen DVD-Start erfahren hatte. In den vergangenen Jahren hätten die Verleihe immer häufiger die abgesprochenen Fristen unterlaufen.

Cinestar-Sprecher Schulz verwies auf ähnliche Querelen um den DVD-Verkaufsstart von Sönke Wortmanns WM-Dokumentation "Deutschland. Ein Sommermärchen". Angesichts eventueller Umsatzeinbußen durch den Boykott sagte er: "Eine solche Entscheidung ist immer schwer. Noch schwerwiegender wäre es aber, wenn wir den eigenen Standpunkt aufgeben."

Der Branchenverband HDF Kino hatte seine Mitglieder am Montag über den Starttermin der "Eragon"-DVD informiert. Der HDF-Vorstandsvorsitzende Thomas Negele ging davon aus, dass eine "Vielzahl" von Betreibern sich dem Boykott anschließen wird. Vermutlich werde auch die Stiller-Komödie "Nachts im Museum" schon etwa drei Monate nach dem Kinostart als DVD in die Läden kommen. Er kritisierte, Fox habe die Kinobetreiber im Vorfeld nicht informiert. Das Filmgeschäft sei eine Symbiose. "Kannibalismus tut niemandem gut", betonte der Verbandschef.

Er äußerte Verständnis für das Vorgehen von Cinestar und Cinemaxx. "Wenn ein Partner Geschäftsbedingungen mehr oder weniger aufkündigt", sei es das gute Recht der Kinobetreiber, die betreffenden Filme bis zur Klärung aus dem Programm zu nehmen.

Der Streit um DVD-Starttermine war in der Vergangenheit wiederholt aufgeflammt. Neben "Deutschland. Ein Sommermärchen" hatten in den vergangenen Jahren auch "Sin City" und "Herbie Fully Loaded" für böses Blut gesorgt. Nach Angaben der Kinobetreiber haben sich beide Seiten in einem "Gentlemen's Agreement" darauf geeinigt, Kinofilme frühestens nach einem halben Jahr auf DVD zu veröffentlichen. Für weniger erfolgreiche Filme sei eine Verkürzung auf vier Monate möglich.

Nina Jerzy, ddp



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