Knet-Animation "Early Man" Handgemacht und trotzdem glatt

Im neuen Film der "Wallace & Gromit"-Erfinder verlagern Steinzeitfußballer den Kampf um den Brexit auf den grünen Rasen. Werden jetzt auch noch Knetfilme politisch?

Studiocanal/ The British Film Institute

Da will man mal in Ruhe im Urwald Kaninchen jagen, und dann das: Eine Horde Elefanten in merkwürdig schimmernden Rüstungen trampelt alles platt. Was ist das nur für ein Material, an dem sogar steinerne Speerspitzen abprallen? Und dann steht da noch dieser arrogante Typ, der mit einem komischen Akzent posaunt: "Die Steinseit ist Geschischte! Och lebe die Bronzeseit!"

Wer da in einem England lange vor unserer Zeit aufeinandertrifft, ist ein Stamm wunderlicher Höhlenmenschen - schon damals very british - und eine Armee von Franzosen auf der Suche nach Kupfer zur Bronzeherstellung. Keine Sorge, die Begegnung wird ohne Hauen und Stechen ausgehen, schließlich handelt es sich um den neuen Film von Nick Park, Erfinder von "Wallace & Gromit" und "Shaun das Schaf", den Knete-Helden mit der sanften Seele.

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"Early Man - Steinzeit bereit": Knet-Knuffel auf Fußball-Mission

Allerdings - nur weil Park und seine Mannschaft die Figuren mit dem charakteristischen Überbiss und den eng stehenden Kulleraugen aus weichem Plastilin formen, sind sie noch lange nicht harmlos. Immerhin stehen sie in den Kurz- und Langfilmen von Parks Produktionsfirma Aardman seit Jahrzehnten beinharte Abenteuer durch. Jetzt ist Höhlenmensch Dug an der Reihe, der neue Held aus "Early Man".

In Großbritannien, wo der Film bereits startete, wurde er sogar als Kommentar zum Brexit gelesen. Müssen sich Parks Knete-Knuffel in diesen politisch aufgeladenen Zeiten etwa auch noch politisch äußern?

Die Parallelen sind zumindest offensichtlich. Dugs Stamm ist seit langer Zeit von der Außenwelt abgeschnitten und - vorsichtig formuliert - etwas zurückgeblieben und äußeren Einflüssen gegenüber wenig aufgeschlossen. Die in ihr Gebiet eindringenden Franzosen dagegen verkörpern die geballte Arroganz des europäischen Festlandes, die mit den Gepflogenheiten auf der Insel herzlich wenig anfangen kann.

Steinzeit gegen Bronzezeit

Aber keine Sorge, der politische Subtext bleibt Subtext. Ganz offen im Zentrum von "Early Man" steht: Fußball! Im Jahr der Weltmeisterschaft verlegt das Drehbuch die Auseinandersetzung zwischen Steinzeit und Bronzezeit, Festland und Insel, Britannien und Europa auf den grünen Rasen.

Zunächst verschlägt es Dug in die Hauptstadt der Franzosen, wo unter General Nooth (der mit dem komischen Akzent) die besten und teuersten Fußballer der Bronzezeit trainieren. Dug schlägt Nooth ein Spiel vor: Sein Stamm gegen die eitlen Profis. Gewinnen Dug und seine Mannschaft, dürfen sie in ihrer Heimat bleiben.


"Early Man - Steinzeit bereit"
Großbritannien, USA, Frankreich 2018

Regie: Nick Park
Drehbuch: Mark Burton, James Higginson
Deutsche Synchronstimmen: Friedrich Mücke, Palina Rojinski, Kaya Yanar u.v.m.
Produktion: Aardman Animations, StudioCanal UK
Verleih: StudioCanal Deutschland
Länge: 89 Minuten
Start: 26. April 2018


Dug rechnet sich echte Chancen aus, schließlich erfand sein Stamm das Spiel schon vor Jahrtausenden. Erste Trainingseinheiten belegen allerdings: Das alte Wissen ist verschüttet, erhebliche Mängel zeigen sich besonders im taktischen Bereich. Erst mit Goona, einer brillanten Fußballerin, die von Nooth als Frau aus seinem Team ausgeschlossen wurde, wagen sich die Steinzeit-Kicker aufs Feld.

Aardman-Filme sind immer auch Genreparodien: "Hennen rennen" war ein lupenreiner Gefängnisausbruchsfilm, "Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen" nutzte klassischen Horror als Folie, "Shaun das Schaf - Der Film" nahm sich die Stummfilmkomödien von Chaplin und Keaton zur Brust. "Early Man" kreuzt nun zwei Genres: Urweltfantasien wie "Eine Million Jahre vor unserer Zeit" mit Sportfilmen à la "Rocky".

Der Dawanda-Faktor

Eine charmante Idee mit viel Potential für die wilden Slapstickkaskaden, die die Knetfilme aus Bristol zu Studien purer kinetischer Energie machen. Wunderschön anzuschauen ist der Film auch, was am Dawanda-Faktor liegt: Handgemachtes erfreut in Zeiten der Digitalisierung einfach Augen und Herz. Dass das Feuerwerk der Gags diesmal nicht ganz so funkeln will wie gewohnt, liegt an der Dramaturgie, die die Sportfilmvorlage mehr ausfüllt als persifliert.

Zu ernst nimmt "Early Man" den Kampf David gegen Goliath, zu viel Zeit verwendet das Drehbuch darauf, vor allem die Figur von Dug emotional aufzupumpen. Dass die vermeintlich Rückständigen gegen die fiesen Favoriten am Ende gewinnen müssen, ist ja von vornherein klar. Auf dem Weg dorthin fällt den Drehbuchautoren Mark Burton und James Higginson leider nicht furchtbar viel Originelles ein. Am Ende ereilt "Early Man" das gleiche Schicksal wie viele Vorgänger: Egal, wie beliebt Fußball ist - es gibt einfach keine guten Filme darüber.

Im Video: Der Trailer zu "Early Man"

Studiocanal/ The British Film Institute
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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
dolfi 27.04.2018
1. Aardman war schon immer politisch
Wer sich die Filme von Aardman ansieht, konnte schon immer eine politische Botschaft darin entdecken. Sei es gegen die Massentierhaltung oder gegen die KI, Andeutungen waren immer zu bemerken.
julia.hermsdorf 30.04.2018
2.
Da kommen Erinnerungen an Wallace und Gromit hoch. :-)
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