Film über französische Klub-Szene Als Daft Punk noch bei den Eltern auflegten

In den Neunzigern begeisterte House Music mit dem French Touch die Raver der Welt. Mia Hansen-Løve erzählt in ihrem Spielfilm "Eden" den Aufstieg der Szene - und wie den DJs klar wurde: Stars sind nur die beiden mit der Maske.

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Der Moment, an dem ein DJ-Duo die Sphäre zu verlassen beginnt, in der es zu Hause ist, ereignet sich ausgerechnet im Elternhaus von einem der beiden, im Wohnzimmer in einer der besseren Gegenden von Paris. Thomas und Guy-Manuel hatten geladen, die Stimmung ist enthusiastisch - und wird euphorisch, als die Gastgeber einen eigenen Track auflegen: "Da Funk", dieses stumpfe und doch leichtfüßige Stück Musik, dem sich kaum ein Tänzer verweigern kann.

Fortan sind Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo auf dem Weg, als Daft Punk internationale Superstars zu werden. Für Paul und Stan, ihre Zeitgenossen aus der Pariser Szene, denen sie auf den ersten Raves in der Banlieue begegneten, geht es nicht so hoch hinaus, aber als das Auflege-Team Cheers machen sie sich einen Namen als Garage-House-DJs, immerhin.

Die Szene bei Daft Punks zu Hause habe sich genauso abgespielt, wie sie in "Eden" zu sehen ist, beteuert Sven Løve, dessen Geschichte seine jüngere Schwester Mia Hansen-Løve in ihrem vierten Spielfilm erzählt. (Auto-)Biografische Filme sind so etwas wie die Spezialität der 34-jährigen Regisseurin, ihr vorheriger Film "Eine Jugendliebe" (2012) erzählte die Geschichte ihrer eigenen ersten großen Liebe.

Ein Llewyn Davis des French Touch

Sven Løves Alter Ego in dem Film ist Paul, die eine Hälfte des DJ-Duos Cheers. Sein Weg führt ihn in der ersten Hälfte des Films von Auflegeabenden mit dem Charme des Selbstgemachten - vor dem Set werden erstmal die Deko-Luftballons aufgepustet - bis nach New York, wo er bei einer Party des Museum PS1 auflegt, und Chicago, wo er einen seiner House-Heroen im Studio besucht.

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Dance-Music-Historie: Monsieur le DJ
Zwischendurch lebt Paul (gespielt vom Debütanten Félix de Givry) das Leben eines jungen Mannes, dem der Spaß zum Lebensinhalt wird: Das geisteswissenschaftliche Studium bleibt liegen, die Liebe zu einer Amerikanerin (Greta Gerwig) zerbricht fast beiläufig, die zu der skeptischen Louise (Pauline Etienne) um so krachender. Dafür hängt er mit seinen Kumpels ab, die Comics zeichnen, Artikel schreiben, Platten machen, alles im Zeichen der elektronischen Musik.

Bis dahin ist "Eden" ein enorm dichtes Porträt einer Szene. Der Name des Films stammt von einem damals einschlägigen Fanzine, Klub-Klassiker der Epoche bilden den brillanten Soundtrack (hier eine Spotify-Playlist mit allen dort verfügbaren Titeln). Die Ausstattungsdetails stimmen, in den allerdings vergleichsweise unhysterisch inszenierten Party-Einstellungen, wie auch in den Wohnungen, in denen, da stellt sich der Film in die gute französische Kino-Tradition, reichlich geredet wird.

In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre machte die Szene unter dem Stichwort "French Touch" weltweit Furore. Dass sie in "Eden" von einer Randfigur aus betrachtet wird, hat der Film strukturell mit der Greenwich-Village-Folk-Tragikomödie "Inside Llewyn Davis" gemeinsam. Wobei "Eden" weniger an einem Plot interessiert ist als an der Atmosphäre, in der Protagonisten gedeihen konnten wie Laurent Garnier, Etienne de Crécy, Cassius oder auch Air.

Sein Spitzname ist Rowenta

Und dann waren da natürlich Daft Punk. Die Welt kennt die beiden Musiker unter ihren Masken, aber weil die Macher des Films sie noch von früher kennen, tauchen sie (gespielt von Vincent Lacoste und Arnaud Azoulay) darin auch stets unmaskiert auf - weswegen Thomas und Guy-Manuel in "Eden" nie von den Türstehern erkannt werden.

Dieser beiläufige Running Gag verklammert die euphorische erste Hälfte des Films mit dem zweiten Teil, in dem der Aufstieg für Cheers zum Stillstand kommt: Garage House, die von Disco inspirierte und durch dramatischen Divengesang geprägte Spielart, die Cheers favorisieren, wird in die Nische gedrängt. Dazu kommt, dass Pauls Kokainkonsum Überhand nimmt (sein Spitzname ist Rowenta) und er seiner Mutter den Stand seiner Schulden offenbaren muss.

Doch wo zum Beispiel der deutsche Techno-Film "Berlin Calling" den Absturz seines Protagonisten Ickarus eher grell und abrupt beschreibt, gibt es in "Eden" eine lange Phase der Stagnation, mit tragischen Momenten wie einer gefloppten Silvesterfeier, aber auch trotzig komischen, wenn Paul bei der Poolparty eines Bonzen auflegt. Diese Stimmung führt zu Längen, macht aber einen realistischeren Film aus "Eden".

Ist der erste Teil von "Eden" also das pophistorisch relevante Porträt einer spezifischen Szene, so entwickelt sich der zweite Teil zu einer allgemeingültigeren, in seinen blassen Farben fast elegischen Erörterung der Frage, ob es möglich ist, in Berufen, die von Jugendlichkeit und Hedonismus geprägt sind, glücklich zu altern. Ein DJ wie Sven Väth mag mit seinen Ayurveda-Kuren eine andere Antwort gefunden haben, aber die von Paul und seinem realen Vorbild lautet: Nein. Sven Løve legt heute nicht mehr inKClubs auf.

Eden - Lost in Music

    Frankreich 2014

    Regie: Mia Hansen-Løve

    Buch: Mia Hansen-Løve , Sven Hansen-Løve

    Darsteller: Félix De Givry, Pauline Etienne, Vincent Macaigne, Greta Gerwig, Golshifteh Farahani

    Produktion: CG Cinéma

    Verleih: Alamode

    Länge: 131 Minuten

    FSK: ab 12

    Start: 30. April 2015

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insgesamt 4 Beiträge
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spon-facebook-10000220808 30.04.2015
1.
"Da Funk" ist immer noch einer der besten DP Titel.
timorieth 30.04.2015
2. Hm
Irgendwie fehlen mir hier die "wahren" Größen der französischen Szene - z. B. Chloé, Laurent Garnier oder Miss Kittin - Daft who ? Wer einen echten Einblick in die Szene möchte, beginnend in Paris über Detroit und Berlin bis nach Brasilien, dem sei das Buch "Elektroschock" von Laurent Garnier wärmstens empfohlen. LG
Sam_Dicamillo 30.04.2015
3. Authenticjazzman
das DJs als "Künstler" heutzutage betrachtet werden, ist eine Beleidigung aller Musiker, die sich jahrelang abrackern um ein echtes Level von Können zu erreichen.
freddykruger, 30.04.2015
4. @Sam_Dicamillo
Hallo Sam, heute ist wohl ein besonderer Tag. So besonders das ich ihn sogar Rot im Kalender angestrichen hab. Seit diesen dunkelen Tag an dem zum erstenmal dein Name im SPON Forum auftauchte, ist dies der erste Beitrag dem ich ohne Widerspruch zustimmen kann. Das erste mal in dem du nicht besserwisserisch über längst verblichene Musiker aus grauer Vorzeit, die nur noch die Ü70 Generation kennt, schwadronierst. Ich hoffe ich muß mir keine Sorgen um dich machen. Deine Hasstiraden würde ich vermissen. Gruß freddykruger,Elmstreet.
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