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Doku-Highlights: Liebesgrüße aus Abchasien

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Doku-Highlights 2014: Ein Mal Welt, bitte! Fotos
Piotr Rosolowski/ zero one film

Was empfindet ein Beamter, wenn er Flüchtlinge deportiert? Wie ging es wirklich auf dem Maidan zu? Was bewegt Edward Snowden? Wer die Welt verstehen will, muss Dokumentarfilme sehen, das beweist das Programm von DOK Leipzig 2014.

Leben wir in Zeiten der Dauerkrise? Wenn ja, dann gibt es einen Krisengewinnler, dem alle Erfolge zu gönnen sind: der Dokumentarfilm. Seit dem Arabischen Frühling hat er sich zu einer der wichtigsten Instanzen für Reflexion aufgeschwungen, er bietet Übersicht und Innehalten im Chaos der weltpolitischen Verwerfungen.

In Deutschland ist das Filmfestival DOK Leipzig unter Leitung von Claas Danielsen zur zentralen Plattform für den internationalen Dokumentarfilm geworden. Wenn Danielsen mit der am Montagabend beginnenden 57. Ausgabe des Festivals ausscheidet und an Leena Pasanen übergibt, kann er auf ein Programm schauen, das in seiner politischen und stilistischen Vielfalt beeindruckt. Eine Auswahl der aktuellen Highlights - von Insidereinblicken in die russische Dissidentenszene bis zu iranischen Musikerinnen, die für die Gleichberechtigung von Frauen kämpfen.

"Citizenfour"

Laura Poitras und Michael Moore könnten nicht unterschiedlichere Filmemacher sein. Doch mit ihrem neuesten Film "Citizenfour", dem Porträt von NSA-Whistleblower Edward Snowden, ergeben sich erstaunliche Parallelen zwischen der zurückhaltenden Poitras und dem agitatorischen Moore: Als eine der wichtigsten Mitstreiterinnen von Snowden ist Poitras erstmalig selbst zentraler Bestandteil der Erzählung - und der Film rührt ein so entscheidendes innen- wie außenpolitisches Thema an, dass eine Oscar-Nominierung als sicher gilt. Nach Marc Bauders furioser Kapitalismusstudie "Master of the Universe" eröffnet DOK Leipzig mit "Citizenfour" wieder mit einem Film, der bald darauf in die Kinos kommt (Deutschlandstart ist der 6.11.). Doch stärker als mit diesem Film kann man auf die Relevanz von Dokumentarfilmen kaum pochen.

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"Escort"

Wie hält man den Kopf eines Asylsuchenden, der unter Gewaltanwendung deportiert wird, so, dass er sich nicht verletzt? In einem dreiwöchigen Vorbereitungskurs sollen die Rekruten der niederländischen Gendarmerie Royal Netherlands Marechaussee genau das lernen. Doch in den Gesichtern zweier Kursteilnehmer spiegeln sich Zweifel: Kann es wirklich Menschlichkeit in diesem unmenschlichen Verfahren geben? Der niederländische Autor Guido Hendrikx ergänzt mit "Escort" die Debatte über Europas Flüchtlingspolitik um eine überraschende Perspektive, in dem er Menschen zeigt, die einerseits nur geltendes Recht durchsetzen, andererseits aber anderen Menschen Gewalt an Leib und Seele antun. Nach anfänglicher Kooperation hat die Royal Netherlands Marechaussee Hendrikx übrigens die Erlaubnis entzogen, den Film in den Niederlanden zu zeigen. Nach seiner Deutschland-Premiere beim DokumentART-Festival bietet sich jetzt bei DOK Leipzig eine der wenigen Möglichkeiten, diesen wichtigen Film im Kino zu sehen.

Rekruten der Royal Netherlands Marechausse bei der Schulung für Deportationen Zur Großansicht
DOK Leipzig

Rekruten der Royal Netherlands Marechausse bei der Schulung für Deportationen


"Maidan"

Wann die Geschichte des Ukraine-Konflikts, die im November 2013 ihren Anfang auf dem Maidan nahm, enden wird, ist nicht abzusehen. Dass Sergej Losnitzas Film über die ersten Wochen auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz zu den wichtigsten Dokumenten dieser Zeit gehört, ist aber jetzt schon klar. Seit seiner Premiere in Cannes im Mai 2014 ist "Maidan" das erste Mal in Deutschland im Kino zu sehen - eine Gelegenheit, die man unbedingt nutzen sollte. In einer bezwingenden Abfolge von Totalen fängt Losnitza das Geschehen auf und um den Maidan ein, und obwohl seine Bilder brillant komponiert sind, nehmen sie einem als Zuschauer nicht das Sehen und Deuten ab. Wer die Herausforderung dieses Films annimmt, wird mit einzigartigen Einblicken in politische Prozesse und die Mechanismen von Öffentlichkeit belohnt.

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"No Land's Song"

"In diesem Land gibt es keine eindeutigen Antworten." Eigentlich will die iranische Beamtin der Komponistin Sara Najafi nur klarmachen, dass sie keine Begründung dafür bekommen wird, warum sie kein Konzert mit Solo-Sängerinnen in Teheran organisieren darf. Doch keine eindeutigen Antworten - das heißt auch Spielraum, und "No Land's Song" begleitet Najafi dabei, wie sie eben diesen Spielraum austestet. Wie sie Sängerinnen aus Frankreich, Tunesien und Iran für ihr Projekt begeistert und es ihr schließlich gelingt, ein einzigartiges Konzert in einem Land durchzuführen, in dem die weibliche Stimme als sündig gilt. Saras Bruder Ayat Najafi, preisgekrönter Dokumentarfilmer von "Football Undercover", hat sie dabei gefilmt und aus ihrer Geschichte eine wunderbare Hommage an eine Gruppe beherzter Männer und Frauen gemacht, die mithilfe von Musik für den politischen Wandel kämpfen.

Sara Najafi (zweite von rechts) mit ihren Sängerinnen und Musikerinnen Zur Großansicht
DOK Leipzig

Sara Najafi (zweite von rechts) mit ihren Sängerinnen und Musikerinnen


"The Term"

Intellektuelle Stringenz sucht man bei "The Term" vergebens. In dem Mix aus Momentaufnahmen der Proteste gegen Putin im Russland der Jahre 2011/2012 geht es bildlich wie inhaltlich drunter und drüber. Doch die Einblicke, die Pavel Kostomarov, Aleksandr Rastorguev und Aleksej Pivovarov bieten, sind einmalig. Die Autoren sind unmittelbar dabei, als Putins Patentochter Xenija Sobtschak für einige Monate das Postergirl der Proteste ist, als der Nationalist Alexej Nawalnij darum kämpft, nächster Bürgermeister von Moskau zu werden, und als am 6. Mai 2012 schließlich die Bewegung auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau von der Polizei niedergerungen wird. Erstaunlicherweise sind die Aufnahmen bei aller Parteilichkeit der Filmemacher selten vorteilhaft. Oft wirken die Porträtierten eitel und unfokussiert. Was für Schlüsse aus diesem Film zu ziehen sind, bleibt deshalb jedem selbst überlassen: dass es den Keim einer Opposition gegen Putin gibt, der nur wieder genährt werden muss - oder dass der Regimewechsel mit dieser Art von Opposition völlig aussichtslos ist.

Kundgebung in Moskau: Nawalny macht ein Foto von seinem Publikum Zur Großansicht
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Kundgebung in Moskau: Nawalny macht ein Foto von seinem Publikum


"Striplife"

Wer den 2013 entstandenen Dokumentarfilm über den Alltag im Gaza-Streifen vor dem diesjährigen Krieg gesehen hat, wird bedrückt gewesen sein von den Entbehrungen, die das Leben dort bestimmen. Wer ihn nach dem Krieg sieht, wird bestürzt darüber sein, dass dieses Leben nun wie ein entferntes Idyll wirkt, das Jahre, wenn nicht Jahrzehnte des Wiederaufbaus kaum werden wiederherstellen können. Dem Team von fünf italienischen Filmemachern hinter "Striplife" gelingt ein unaufgeregtes, aber gerade deshalb so nachhaltig beeindruckendes Panorama der Hoffnungslosigkeit.

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"The Quest of the Schooner Creoula"

Ein junger, leicht nöliger Filmemacher aus Portugal lässt sich darauf ein, die wichtigste geologische Expedition seines Landes zu begleiten und für drei Wochen in Richtung Savage Islands im nordafrikanischen Atlantik in See zu stechen. Schließlich hat sein Onkel vor Jahren eine ganz ähnliche Reise unternommen, und aufregenderes als die Fußball-WM 2010 steht im Leben des Autors auch nicht an. Was wie ein Schelmenstück beginnt, wird in der Regie von André Valentim Almeida bald zu einem so humorvollen wie klugen Essayfilm über die immer noch spürbaren Folgen der westlichen Welteroberungspolitik. Ganz beiläufig, etwa wenn Almeida aufzeigt, wie sich im WM-Duell von Portugal gegen Spanien auch der Streit der beiden ehemaligen Weltreiche um die Savage Islands spiegeln, macht "The Quest of the Schooner Creoula" auf das Echo historischer Entwicklungen aufmerksam. Ein glänzender Gewinner des diesjährigen Doc Alliance Award.


"Victory Day"

Schnell, roh, direkt: Alina Rudnitskaya, die große und vielfach preisgekrönte Stilistin des russischen Dokumentarfilms, kann auch anders - wie sie mit ihrem Kurzfilm "Victory Day" beweist. Während draußen die dröhnenden Militärparaden zum Sieg über Nazi-Deutschland abgehalten werden, interviewt sie schwule und lesbische Paare in ihren Wohnungen über das Leben im zunehmend homophoben Russland. Trotz des Humors und der Gelassenheit ihrer Gesprächspartner vermittelt Rudnitskaya eindringlich, wie es sich anfühlen muss, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft gegen deine Art zu lieben aufbäumt und du den Drohgebärden nichts entgegenzusetzen hast.

  Interviewpartner in "Victory Day": Und draußen dröhnt die Militärparade  Zur Großansicht
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Interviewpartner in "Victory Day": Und draußen dröhnt die Militärparade


"Domino Effekt"

Vertreter der Dominotheorie glaubten einst, dass der kommunistische Umsturz in einem Land den Umsturz in vielen Ländern nach sich ziehen würde. Der Dominostein von Abchasien, um im Bild zu bleiben, ist tatsächlich umgefallen: Die Region am Schwarzen Meer war als zwangsintegrierter Teil von Georgien Mitglied der UdSSR. Nur hat nach dem Ende des Sowjetreiches keiner das abchasische Steinchen wieder aufgerichtet. Der südkaukasische Erdfleck mit seinen rund 250.000 Einwohnern versteht sich als selbstständige Republik, nur sieht das der Rest der Welt anders und verweigert dem Land - in den Augen der Abchasier - die wirtschaftliche und politische Entwicklung. Wie es sich in so einer Situation lebt, zeigen die polnischen Filmemacher Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski verpackt in eine herzergreifende Liebesgeschichte. Der abchasische Sportminister Rafael Amdar muss sich um den Zusammenhalt seiner Familie sorgen, denn seine junge russische Ehefrau Natascha fühlt sich von den Abchasiern abgelehnt. "Domino Effekt" ist das tragikomische Porträt eines Mannes, der privat wie politisch um Anerkennung für sein Land kämpfen muss.

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DOK Leipzig läuft vom 27. Oktober bis 2. November. Das Programm finden Sie hier.

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Neu im Kino: Tops und Flops
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1. Abchasien und Georgien
sponposter 27.10.2014
Nun ja, zu Abchasien ist aber auch zu sagen, dass die Bevölkerungsmehrheit vor dem Krieg Anfang der 1990er aus Georgiern bestand... die dann, auch mit Hilfe russischen Militärs, aus ihrem Land vertrieben worden sind. Rund 250 000 Flüchtlinge waren das, Zivilisten, viele tragen an diesem Krieg keine Schuld. Sie warten jetzt immer noch in Georgien auf ihre Rückkehr in ihr Land. Abchasien als "einst zwangsintegrierten Teil von Georgien" zu sehen wird der Situation nicht gerecht.
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