Ehe-Drama "Gegenüber" Wenn Frauen Männer schlagen

In seinem Kino-Film "Gegenüber" entwirft Jan Bonny ein Szenario der häuslichen Gewalt, das nicht den üblichen Rollenmustern folgt. Die Schauspieler Matthias Brandt und Victoria von Trauttmannsdorff verwandeln den brisanten Stoff in ein anrührendes Drama über Zorn und Zärtlichkeit.

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Die Schläge sind hart, die Resonanz ist schwach. Ein stilles Röcheln, ein stumpfes Rumpeln, mehr ist da nicht zu hören. Dabei gibt sich Anne (Victoria von Trauttmannsdorff) alle Mühe, ihrem Mann Georg (Matthias Brandt) Schmerzen zuzufügen. Die geballte Faust, die große hölzerne Pfeffermühle oder andere in Griffweite befindliche Haushaltsgeräte – alles ist ihr in bestimmten Momenten recht, um ihn nieder zu prügeln.

Selten hat man in einem Film solche geballte Gewalt gesehen, die so wenig audiovisuelle Wirkung zeitigt. Explodiert die Ehefrau, liegt der Ehemann nur stoisch stöhnend auf dem Wohnzimmerteppich, als würde er eine unangenehme gymnastische Übung über sich ergehen lassen. Der Zuschauer hat das Gefühl, die weichen Teppiche absorbierten jedes Geräusch und das trübe Zwielicht der Wohnzimmerstehlampen schluckte jede Energie, die beim Kampf freigesetzt wird.

Nur die Blutergüsse und Wunden, die Georg ordentlich unter seinem Hemd versteckt, legen deutlich Zeugnis ab: Hier wird ein Mann misshandelt.

Das Thema von "Gegenüber" lädt zu Voyeurismus und Relativismus ein: Seht her, auch Frauen schlagen ihre Männer! Müsste da nicht die Geschichte der häuslichen Gewalt und des Geschlechterkampfes neu geschrieben werden? Doch für solches Debattenfutter taugt der sehr feinfühlige Debütfilm des sehr jungen Regisseur Jan Bonny keineswegs. Die häusliche Gewalt ist hier lediglich die Facette einer gefährlichen Beziehungsdynamik, die von Selbstverleugnung und Pflichterfüllung befeuert wird.

Meister des Erduldens

Es scheint eigentlich ein ganz normales kleinbürgerliches Leben zu sein, das die beiden traurigen Helden führen. Mit fast erwachsenen Kindern, die zum Studieren ausgezogen sind. Mit einem Eigenheim, das noch lange nicht abbezahlt ist. Mit einem Schwiegervater, der dem Schwiegersohn gerne herablassend erklärt, was in seinem Leben alles besser laufen könnte.

Letztlich ist "Gegenüber", dieser kleine stille Gewaltakt von Film, nichts anderes als ein Zwangsszenario aufgeschobener Bedürfnisse und aufgestauter Aggressionen. Die Lehrerin und der Polizist, zwei freundliche Vertreter aus der Mitte der Gesellschaft mit hoher sozialer Kompetenz, leben schlichtweg aneinander vorbei: Er würde sie so gerne mal wieder richtig küssen, sie findet das einfach nur lächerlich. Sie würde viel dafür geben, ihren Mann mal aus der Haut fahren zu sehen, er aber schweigt jeden Fehltritt seiner Frau verständnisvoll nieder.

Es gibt eigentlich nichts, was Georg nicht schluckt. Einmal kommt er nach Hause und muss mit ansehen, wie sich seine Frau auf der Couchgarnitur von seinem Kollegen (Wotan Wilke Möhring) vögeln lässt. Doch auch diese grausamste aller Provokationen verpufft; der Gehörnte dreht sich schweigend um und schließt still die Tür hinter sich. Georg ist ein Meister des Erduldens. Die Möglichkeit des Reagierens scheint für ihn nicht zu existieren. Manchmal geht er in einen hässlichen Spielsalon, setzt sich hinter einen Fahrzeugsimulator und weint.

Mittelklasse im Dämmerzustand

Am besten ist "Gegenüber" immer dann, wenn Regisseur und Autor Bonny nichts zu erklären versucht. Die materiellen Aspekte des Kleinbürgerbiotops zum Beispiel schmückt er leider allzu aufdringlich; dass der fiese Schwiegervater den Clan mit Geldgeschenken an sich bindet, vereinfacht die Problematik im Beziehungspsychogramm unzulässig. Die Gründe für das Schweigen, für die Verachtung, für das Draufhauen und Ducken liegen tiefer.

Seine intensivsten Momente hat der Film, wenn er ganz nah bei seinen Hauptfiguren ist. Der Zuschauer betritt mit ihnen Räume, die er nicht immer ganz überschauen kann. Vertrautheit und Entfremdung gehen in dem kunstvoll unausgeleuchteten kleinbürgerlichen Refugium (Kamera: Bernhard Keller) eine sonderbare Synthese ein, und der Schlagabtausch setzt kein befreiendes Fanal der Eindeutigkeit. Die Mittelklasse im Dämmerzustand.

Dass man hier überhaupt eintauchen mag, ist natürlich die große Leistung von Matthias Brandt und Victoria von Trauttmannsdorff, die jede Schmerzgrenze überschreiten, ohne auch nur einmal billige Gelüste zu befriedigen. Die zwei bewegen sich bei aller Selbstzerfleischung immer wieder traumwandlerisch aufeinander zu. Sie machen das Prügeldrama zur einer eigenwilligen Art von Lovestory: Der geballte Zorn, hier ist er lediglich pervertierte Zärtlichkeit.



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