Eichingers "Baader-Meinhof-Komplex" Die Terror-Illustrierte

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2. Teil: Abklappern historischer Haltestellen


Uli Edel, der einst mit Eichinger "Christiane F." drehte, wollte, das sagte er der Nachrichtenagentur Reuters, einen Geschichtsfilm für seine beiden Söhne machen, beide Anfang 20, beide in den USA aufgewachsen, beide unbedarft gegenüber dem Thema RAF: "Normalerweise dreht man nicht für ein bestimmtes Publikum, aber diesmal war es anders. Ich wollte ihnen alles sagen und zeigen, was ich weiß und herausgefunden habe, so dass sie sich ein Urteil bilden können über das, was in dieser Zeit passiert ist und was ich als Zeitzeuge miterlebt habe."

Zu Beginn des Films löst Edel diese Aufgabe mit Bravour. Erst als Ulrike Meinhof sich in Stammheim umbringt, isoliert von Öffentlichkeit und Kampfgenossen, und damit auch der Film seine einzige Protagonistin verliert, beschränkt sich die Erzählung des "Baader-Meinhof-Komplexes" nur noch darauf, historische Haltestellen hastig abzuklappern, mit teils drastischen Szenen zu bebildern, aber ohne großen Effekt hinter sich zu lassen.

Gerade der junge Zuschauer, der Austs Buch nicht kennt und zu jung war, um die Zeit zu erleben, wird hier viele Dinge, die nur angedeutet werden, nicht mehr nachvollziehen können. Mal ganz abgesehen von dem in schneller Folge auf- und abtauchenden Personal, das Edel durch seinen Film hetzt. Ohne Geschichtsbuch auf dem Schoß verliert man da schon mal den Überblick.

Umso mehr muss der Film sich kraft seiner eigenen Erzählung tragen. Doch mit der Entscheidung, nur zu zeigen, aber nicht zu deuten, haben sich Eichinger und Edel viel verbaut. Als beispielsweise im letzten Drittel die zweite und dritte Generation der RAF das Ruder übernimmt, ist Brigitte Mohnhaupt (angemessen kühl: Nadja Uhl) die Anführerin. Eine Beziehung zu ihr baut man jedoch nicht auf, zu wenig Einführung und Charakterisierung wird ihrer Figur zugestanden. Teils wohl, weil man schlicht nicht mehr weiß, teils aber auch, weil die Interpretation, die Psychologisierung der Terroristen bewusst vermieden wird.

Frank Schirrmacher lobte den "Baader-Meinhof-Komplex" in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" dafür, dass er endlich mit dem "pathetischen Muff von dreißig Jahren", mit dem "Gefühlsterrorismus" linksromantischer Filmemacher und Ex-Sympathisanten aufräume, die seiner Meinung nach bis heute der Faszination RAF erliegen.

Das richtet sich gegen Regisseure wie Volker Schlöndorff ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum"), diskursive, kollektive Filmcollagen wie "Deutschland im Herbst", die um 1977 herum entstanden. Aber auch gegen jüngere Filmemacher wie Christian Petzold, der sich 2001 in "Die innere Sicherheit" mit dem Seelenleben von Ex-Terroristen auseinandersetzte.

Tatsächlich gibt es im Genre des deutschen RAF-Dramas mehr Schatten, mehr Befindlichkeiten und Duseleien als Licht. Doch allein die Bereitschaft, sich hineinzudenken in diese zwielichtigen Charaktere, die Deutschland mit wirrer Ideologie und brutalen Taten terrorisierten, allein der Versuch, einen Sinn zu erkennen, eine Geschichte anzubieten, verdient Respekt.

Von Auseinandersetzung ist bei Edel und Eichinger nicht viel zu sehen. Im Gegenteil: Gerade in der Inszenierung Andreas Baaders lassen sie sich selbst hinreißen vom coolen Schillern des Terroristenmachos, der pistolenknallend mit dem Porsche durch die bundesrepublikanische Nacht rauschte. Als er dem jungen Peter-Jürgen Boock in einer Szene lässig seine Rocker-Lederjacke als Geschenk zuwirft, während der mit der nackten Gudrun Ensslin (katzenhaft: Johanna Wokalek) in der Wanne liegt, bedient der Film die Popstar-Klischees der RAF fast ebenso dumpf wie einst Christopher Roth in seinem missglückten Zeitgeistporträt "Baader". Und dabei ist Moritz Bleibtreu noch nicht einmal so schlecht besetzt, wie man befürchten musste.

Wie schon beim "Untergang" scheut sich das Eichinger-Team auch hier, eine Haltung zu vertreten. Beim Bunkerdrama drückte sich Regisseur Oliver Hirschbiegel darum herum, den Freitod des Führers zu zeigen, beim "Baader-Meinhof-Komplex" fehlt am Ende schlicht die moralische Einordnung, ein Urteil über den deutschen Herbst und seine Akteure.

Uli Edel stellt Staatsgewalt und Terroristengewalt gleichwertig nebeneinander und verteilt Sympathiepunkte nach beiden Seiten. Also haben irgendwie alle Recht? Die RAF mit ihrem außer Rand und Band geratenen Protest - und der Staat mit seinen hilflosen Repressalien?

Einem Film, der mit solchem Getöse in die deutschen Kinos stürmt und angeblich die Deutungshoheit über die RAF erobern will, hätte etwas weniger Wille zur Ästhetik, dafür aber mehr künstlerischer Wagemut gutgetan.

So wird das deutsche Terrortrauma letztgültig ahistorisiert: Befreit vom pädagogischen Impetus des Geschichtskinos ist die RAF nun frei für die Eingemeindung in den deutschen Entertainment-Mainstream. Nach dem Film zum Buch und dem Buch zum Film zum Buch warten wir gespannt auf die große Baader-Meinhof-Spielshow auf ProSieben.



insgesamt 927 Beiträge
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Seite 1
kurzundknapp, 06.09.2008
1.
Zitat von sysopEinunddreißig Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977 flammte Diskussion um die RAF wieder auf. Waren die Terroristen reine Kriminelle oder auch fehlgeleitete Idealisten?
Man lese ihre schriftlichen Äußerungen. Und an ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen: Kriminelle. Nein, Barbaren!!
takeo_ischi 06.09.2008
2.
Zitat von sysopEinunddreißig Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977 flammte Diskussion um die RAF wieder auf. Waren die Terroristen reine Kriminelle oder auch fehlgeleitete Idealisten?
Es gibt Dinge, die kann man nicht relativieren und schönreden in der Art von: 'Ich habs ja gut gemeint.' Dazu gehört Mord egal aus welchen Beweggründen. Was ist das für ein 'Idealismus', der Menschen beseitigt für eine 'bessere Welt'. Die RAF ist keinen Deut besser als die 'Nazis', die sie bekämpft hat.
Muffin Man, 06.09.2008
3.
Zitat von sysopEinunddreißig Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977 flammte Diskussion um die RAF wieder auf. Waren die Terroristen reine Kriminelle oder auch fehlgeleitete Idealisten?
Der "Deutsche Herbst" war 1977. Und gehört eine Diskussion über die ehemalige RAF (gemeint ist ja anscheinend nicht die Royal Airforce sondern die "Rote Armee Fraktion", vulgo "Baader-Meinhof-Bande") nicht eher unters Rubrum "Politik"?
marvinw 06.09.2008
4. Weder noch
---Zitat--- Waren die Terroristen reine Kriminelle oder auch fehlgeleitete Idealisten? ---Zitatende--- Zuerst einmal glaube ich nicht dass die RAF gerade heute genau so agiert hätte, denn wir haben heute andere mehr egoistische Gesellschaft als die in 70-er Jahren. Dem Bürger von heute ist alles egal, selbst sein nächster Verwandter, somit hätte RAF auch kein Interesse für jemanden zu kämpfen. Wir leben in den Zeiten wo eine unkonventionelle und nicht durch die Medien gepredigte Meinung angebracht ist. Ich denke sie waren Idealisten, aber weder kriminell noch fehlgeleitet. Die Taten, die sich begangen haben entstanden nicht aus Mordlust, sie entstanden aus der Verzweiflung und Ausweglosigkeit gegenüber dem kapitalistischen System, in dem es keine anderen Chance gibt das korrupte System zu ändern, es nach dem urmenschlichen Bedürfnis nach Freiheit zu gestalten und sich nicht dem Diktatur des Kapitals zu beugen.
MonaM 06.09.2008
5. Ordinäre Verbrecher
Zitat von sysopEinunddreißig Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977 flammte Diskussion um die RAF wieder auf. Waren die Terroristen reine Kriminelle oder auch fehlgeleitete Idealisten?
Diese Diskussion blubbert schon seit mindestens eineinhalb Jahren vor sich hin, seit sich das Terrorjahr 1977 zum 30. Mal jährte nämlich. Was die Frage betrifft: Die Alternative Idealismus oder Verbrechen ist in Wirklichkeit keine. Mörder, die sich Idealisten nennen, sind keinen Deut besser, als solche aus Habgier oder Rachsucht. Die RAF-Terroristen hassten den Staat, besonders seine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, und wollten ihn in seinen Repräsentanten treffen. Das ist alles. Sie waren ordinäre Verbrecher.
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