Der FKK-Strand von Sylt, zwei nackte Kinder im Wasser, die Mutter, ebenfalls nackt, sitzt mit einer Zeitung im Strandkorb und ermahnt die Töchter, dass nun aber genug geplantscht sei. So harmlos beginnt "Der Baader-Meinhof-Komplex", der wichtigste deutsche Film des Jahres - zumindest wenn man dem sorgsam orchestrierten Medienbuhei glaubt, das Produzent und Constantin-Chef Bernd Eichinger um die neueste filmische Aufarbeitung eines deutschen Traumas herum inszeniert hat.
Nach Hitlers "Untergang" wird nun also der deutsche Terrorismus "vereichingert". Das bedeutet: Man nehme alle irgendwie angesagten Gesichter der deutschen Kinolandschaft und stecke sie in einen millionenschweren Film voll beeindruckender Schauwerte, der dem Publikum mit krassen Bildern und schönen Farben vorgaukelt: Ja, so könnte es gewesen sein, damals.
Und wenn die Presse mitspielt und ordentlich Beifall klatscht für diese Art Doku-Fiktion im Spielfilmformat, dann klappt's auch an der Kinokasse. Das ging beim Führerbunkerdrama gut, und auch beim "Baader-Meinhof-Komplex", der von Regisseur Uli Edel durchgeführten Verfilmung des gleichnamigen Standardwerks von Stefan Aust, scheint die Rechnung schon jetzt, knapp eine Woche vor dem offiziellen Filmstart, aufzugehen.
Schon wird geraunt, der Film habe "womöglich die Kraft, die gesamte RAF-Rezeption auf eine neue Grundlage zu stellen". Das ist natürlich eine gewagte These, denn wie soll ein Film das leisten, der sich in großen Teilen darauf beschränkt, Austs 1985 erstmals erschienenes Buch, eine bis heute beeindruckende und immer wieder ergänzte Faktensammlung, nahezu eins zu eins nachzuerzählen?
Denn genau bei diesem Stichwort, dem "Erzählen", beginnt das Scheitern dieser Mega-Eventproduktion: An eine Erzählung, ein Narrativ, das den Zuschauer an die Hand nimmt und ihn mitsamt einer Identifikationsfigur durch Erkenntnisse und Entwicklungen führt, trauen sich Eichinger und Edel nicht heran. Mit atemberaubender Genauigkeit und akribisch recherchierten Details rekonstruieren sie die Geschehnisse des dramatischsten deutschen Nachkriegsjahrzehnts von 1967 bis 1977 - und schaffen so eine visuell bestechende Illustration der Geschichte. Mehr nicht.
Oder, wie ein geschätzter Kollege nach der Pressevorführung am Mittwoch in Hamburg nur halb im Scherz sagte: "Du, ich bin eine halbe Stunde vor Schluss gegangen, man wusste ja, wie's enden würde." Ein bitteres Urteil, aber wiewohl man sich in knapp zweieinhalb Stunden "Baader-Meinhof-Komplex" wirklich nicht langweilt, bleibt am Ende tatsächlich ein leichtes Achselzucken zurück: Baader, Ensslin, Raspe tot, Schleyer und viele andere Opfer tot - so weit, so schlimm, so weit die Fakten. Aber was ist mit der Erkenntnis, der Lehre aus den Ereignissen 30 Jahre später?
Die Frau im Strandkorb, die zu dieser Zeit noch ein geordnetes Leben als Journalistin in der bürgerlichen Intellektuellenszene Hamburgs führt, ist natürlich Ulrike Meinhof. Sie wird sich 1970 selbst zu weit vorwagen, als sie nach der Befreiung Andreas Baaders aus dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin mit einem beherzten Satz aus dem Fenster in den terroristischen Untergrund springt.
An Meinhof, sensibel gespielt von Martina Gedeck, kristallisiert sich in der ersten Hälfte des Films so etwas wie eine dünne Erzählfährte. An ihrem Weg in die Radikalität wird dem Zuschauer verdeutlicht, wo die Verlockungen lagen, wo die Zwänge, wo die Hemmnisse. Kraftvoll und mit gebotener visueller Härte werden die Ereignisse des Schah-Besuchs in Berlin dokumentiert, der Mord an Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras. Das Gezeigte entfaltet in diesen ersten 20 Minuten des Films eine Wucht, dass man meint, selbst zwischen Pflastersteinen und Schlagstöcken im Getümmel der Demonstrationen zu stehen. Einmal wird sogar ein Wasserwerfer auf die Kamera gehalten - Actionkino zum Anfassen.
Aber hier dient die Aktion der Plausibilisierung: Was treibt gebildete Pfarrerstöchter wie Gudrun Ensslin und bürgerliche Intellektuelle wie Ulrike Meinhof in die Verblendung des bewaffneten Kampfes? Die Angst vor dem Polizeistaat, das Misstrauen gegen korrupte Institutionen, eine Schutzmacht USA, die eben noch Care-Pakete über Berlin abwarf und nun in Vietnam zum Massenmord ansetzte.
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