"Ein Freund von mir": Nackt im Porsche

Von Peter Luley

In diesem Film stimmt alles - "Ein Freund von mir" von Sebastian Schipper ist Jungsfilm, Roadmovie und Liebesgeschichte in einem. Dennoch plagt ihn ein Luxusproblem: Die Hauptdarsteller Daniel Brühl und Jürgen Vogel geben nicht immer Vollgas.

Es gibt im Kino ein paar archetypische Themen und Erzählfiguren, die immer wiederkehren, weil sie einfach so gut zum Medium Film passen. Das (Auto-)Fahren zum Beispiel – nicht umsonst kündet ein ganzes Genre, das Road-Movie, von der sinnfälligen Nähe zwischen Fortbewegung und bewegten Bildern. Ebenfalls ein Evergreen: die Konstellation "Eine Frau zwischen zwei Männern". Oder die Schilderung eines Abschieds, der berühmten letzten Nacht vor dem Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt.

Dass der Drehbuchautor und Regisseur Sebastian Schipper ein Gespür für diese Topoi hat, bewies er 1999 mit seinem Debüt "Absolute Giganten": Da erzählte er von einer solchen endgültigen Nacht, von der finalen Party dreier Underdog-Freunde aus Hamburg, deren Anführer per Schiff in eine ungewisse Zukunft aufbrechen will – und schuf eine zauberhafte Melange aus Jungsfilm, Milieustudie und Hamburg-Hommage. Nebenbei ließ er kräftig den Motor eines frisierten Ford Granada röhren und bereicherte die Kinogeschichte um die unbestreitbar virtuoseste Tischfußball-Sequenz aller Zeiten.

Eine echte kleine Kult-Gefolgschaft hatte sich der Film erobert – die aber musste sich fortan in Geduld üben. Ganze sieben Jahre brauchte der unterdessen als Schauspieler und Werbefilmer tätige Schipper, um nun, im Herbst 2006, seinen Zweitling auf die Leinwand zu bringen: "Ein Freund von mir" heißt das von den X-Filmern Maria Köpf und Tom Tykwer produzierte Werk. Es handelt von zwei Jungs, einer Frau und vielen Autos, und die Hauptrollen spielen mit den erstmals vor der Kamera vereinten Stars Daniel Brühl und Jürgen Vogel zwei der verlässlichsten Größen des deutschen Kinos. Kann da überhaupt was schief gehen? Die erfreuliche Antwort: Nein, nicht wirklich. Auch wenn vermeintlich bewährte Rezepte in dieser Branche keineswegs immer aufgehen – hier passt alles.

Der Film hat höchstens ein Luxusproblem: Er beginnt so furios, erobert die Herzen des Publikums derart stürmisch, dass er in der Folge Mühe hat, das Begeisterungslevel zu halten. Wenn Vogel als beseelter Hallodri dem introvertierten Einzelgänger Brühl den Reiz nächtlichen Nacktporschefahrens nahe bringt und die beiden ihre Ekstase rausschreien, keimt im Zuschauer der Wunsch, es ihnen gleichzutun. Just in dem Moment aber schaltet der Film einen Gang zurück, führt mit einem Liebesdreieck einen melancholischeren Ton und Humor ein – durchaus gekonnt zwar, ein wenig im Stil von "Lost in Translation", aber eben emotional runtergedimmt.

'Ich liebe dich' auf Spanisch

Brühl ist – typgerecht besetzt – der Düsseldorfer Versicherungsangestellte Karl, Mitte 20, Mathematiker, im Beruf erfolgreich und soeben von der Firma mit dem "Bogenschützen" für das erfolgreichste Produkt des Jahres ausgezeichnet, aber teilnahmslos. Als wohlmeinende Provokation erhält er von seinem Chef die Order, sich undercover bei einem Autoverleiher zu verdingen, um in der Praxis die potentiellen Risiken für die Versicherung zu erkunden. Ungerührt führt Karl den Auftrag aus – und trifft auf den Gelegenheits-Jobber Hans (einmal mehr ein Naturereignis: Jürgen Vogel), Zahnlückenträger und stolzer Fahrer eines DAFs des Baujahrs 1972 mit nicht zu schließendem Schiebedach, aber dafür einem Variomatic-Getriebe ("fährt rückwärts genauso schnell wie vorwärts"). Eine liebenswerte Nervensäge, ein Sprücheklopfer von unwiderstehlichem Charme, der sich vom wortkargen Karl nicht abwimmeln lässt. Herzerwärmend holprig verläuft die Annäherung zwischen den beiden gegensätzlichen Temperamenten, in deren Verlauf der Loser dem Yuppie eine Lebensfreude einimpft, wie der sie bisher nicht gekannt hat. Dann aber kommt das Weib ins Spiel.

Um die selbst formulierte Aufgabe zu lösen, Karl in 30 Minuten plausibel zu machen, warum er glücklich sei, stellt Hans dem Kumpel Stelle vor – seine "Königin". Gespielt wird sie von der Schweizerin Sabine Timoteo, fürwahr eine Königin des Independent-Films: Nach Arthouse-Perlen wie "L’amour, l’argent, l’amour", "In den Tag hinein", "Die Freunde der Freunde" und "Gespenster" war sie zuletzt neben Vogel in dem Vergewaltiger-Drama "Der freie Wille" zu sehen. Timoteo füllt ihren im Grunde kleinen Part mit maximaler Effektivität aus: Sie ist einfach da, mit ihrem Lachen, ihrem unbeholfenen Gesang und mit ihrem unverwechselbar-geheimnisvollen Sprachsound, einem Deutsch, das wahlweise einen französischen, spanischen, englischen oder italienischen Akzent aufzuweisen scheint. Dass Karl sich direkt in sie verguckt, bezweifelt man keine Sekunde – und wenn er ihr, von Hans animiert, auf Spanisch seine Liebe gesteht, könnte das unfassbar kitschig sein, gehört aber zu den leise knisternden Höhepunkten des Films.

Nur gilt es nun natürlich eine Auflösung für die Ménage à trois zu finden, und auch die Wahrheit über Karls Mission muss raus. Schipper und seine Protagonisten bewältigen die Situation nicht ohne Tränen, aber mit Anstand. Wie gesagt, ein Luxusproblem: Am Ende geht man mit dem Gefühl aus dem Kino, einen wunderbaren Jungsfilm, eine poetische Liebesgeschichte und eine köstliche Komödie über Auto-Fetischismus gesehen zu haben – beileibe nicht die schlechteste mögliche Bilanz. Irgendwie hätte man nur gern noch mal geschrieen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Männer unter sich: Runter vom Gas, rein ins Leben