"Ein ganz gewöhnlicher Jude" Der ewige Gute

Freunde des Bagels und der Klezmer-Musik, frohlocket! Oliver Hirschbiegels neuer Film präsentiert den Juden, wie der Philosemit ihn liebt: innerlich zerrissen, mit seinem Judesein hadernd, in der Tiefe seines verwundeten Herzens aber gutmütig und kooperativ. Hat hier jemand Kitsch gesagt?

Von Henryk M. Broder


Der kleine Moische ist fünf Jahre alt, ein ganz normaler Junge, wenn man davon absieht, dass er nicht spricht. Seine Eltern schleppen ihn von Arzt zu Arzt, aber Moische bleibt stumm. Eines Tages, beim Frühstück, sagt der Junge plötzlich: "Der Kakao schmeckt beschissen heute!" Den Eltern bleibt zuerst die Luft weg, dann fallen sie schluchzend über ihren Sohn her: "Du kannst ja sprechen! Warum hast du all die Jahre kein Wort gesagt?" - "Nun", sagt Moische ruhig, "bis jetzt war ja alles in Ordnung."

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"Ein ganz gewöhnlicher Jude": Exot zum Anfassen

So ist es auch Emanuel Goldfarb ergangen, einem Juden um die 50, der in Hamburg lebt und auf einer alten IBM-Kugelkopf-Maschine schreibt. Eines Tages bekommt er von einer Schule die Einladung, im Sozialkundeunterricht der achten Klasse "an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen und Fragen der Schüler zu beantworten". Studienrat Gebhardt sucht einen Juden zum Anfassen, da er aber persönlich keinen kennt, richtet er seine Bitte an die Jüdische Gemeinde. Die reicht Gebhardts Anfrage an Emanuel Goldfarb weiter, denn Goldfarb ist Journalist. Da tickt Goldfarb aus, viel heftiger als Moische in dem Logopädenwitz, so als sei ihm zum ersten Mal bewusst geworden, dass er Jude ist, dass er in Deutschland lebt und Angehöriger einer selten gewordenen Spezies ist.

Vollgas im Leerlauf

Statt sich der Einladung zur pädagogischen Freak-Show mit dem Hinweis auf ein paar lesenwerte Bücher, die man in jeder Bibliothek ausleihen kann, zu verweigern, setzt er zu einem 90 Minuten langen Monolog an, in dem er die jüdische Geschichte der letzten 5000 Jahre aufrollt, vom Auszug aus Ägypten bis heute. Das ist eine unter Juden bei Familienfeiern durchaus beliebte Übung, aber nur wenige trauen sich, daraus einen Film zu machen.

Goldfarb dagegen, gespielt von Ben Becker, ergreift die Gelegenheit, um alles zu sagen, was er schon immer sagen wollte, aber keine Gelegenheit dazu hatte, obwohl er Journalist ist und gerne Geschichten erzählt. So wird der Studienrat, der in aller Unschuld "einen jüdischen Mitbürger" zu einer Unterrichtsstunde in Sozialkunde einladen wollte, zum Objekt seiner angestauten Wut: "Ich eigne mich nicht als Forschungsobjekt. Noch bin ich nicht reif fürs Museum. Noch will ich nicht ausgestopft werden. Aufgespießt. Präpariert wie eine interessante Missgeburt."

Das klingt nach radikaler Verweigerung, ist aber der erste Schritt zur lustvollen Unterwerfung. Goldfarb zieht ein Diktiergerät aus der Schublade, das den physisch abwesenden Studienrat Gebhardt ersetzen soll. Was in der Buchvorlage von Charles Lewinsky noch akzeptabel ist, weil es die Phantasie des Lesers fordert, wird im Film von Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") zu einer Strapaze, bei der ständig Vollgas im Leerlauf gegeben wird.

Ben Becker, alias Goldfarb, rennt immerzu durch seine Wohnung, ein Gehetzter, ein Getriebener, auf der Flucht vor sich selbst. Aber Hektik ersetzt keine Handlung, und würde Ben Becker nicht immerzu seine Brille auf- und wieder absetzen, müsste der Film ganz ohne Dramatik auskommen. Goldfarb möchte "ein ganz gewöhnlicher Mensch sein, ein ganz gewöhnlicher Jude" und kein "Fall für die Tierschützer" wie die Nashörner in Afrika.

Warum soll man aber einen Film über einen Menschen machen, dessen größter Wunsch es ist, unaufällig zu leben? Weil Hirschbiegel einen Gegenfilm zum "Totmacher" mit Götz George machen wollte? Weil Becker, der schon bei den "Comedian Harmonists" eine gelungene Fehlbesetzung war, diesmal ganz allein einen Juden in Panik darstellen wollte? Würde man Tatjana Gsell den Wunsch erfüllen, eine Chirurgin zu spielen, die sich auf Busenvergrößerungen spezialisiert hat, wäre das Ergebnis genauso überzeugend. Und wenn Ben Becker vollkommen unmotiviert Gebetsschal und Gebetsriemen anlegt, dann wirkt das ein wenig so, als würde man einem Mönch bei der Morgentoilette zugucken. Der Jude, das unbekannte Wesen.

Parforceritt der Plattitüden

Die Schwächen des Textes von Lewinsky, der letztes Jahr bei Rotbuch erschienen ist, werden im Film noch potenziert. Er reiht Plattitüde an Plattitüde, angefangen von dem Juden, der aus dem englischen Exil nach Deutschland zurückkehrt, "weil es im Englischen kein Wort für Gemütlichkeit gibt", bis zu dem Uralt-Witz von den jüdischen Familien, die gezwungen wurden, sich Namen zu kaufen, seitdem "Treppengeländer" und "Schweißloch" heißen und darauf noch stolz sind.

Es ist in der Tat ein Film, den man bedenkenlos im Sozialkundeunterricht einsetzen könnte, sobald die Schüler den Unterschied zwischen "Jude" und "Jute" begriffen haben. Goldfarb machts möglich. Er ist "das deutsche Betroffenheitsgesicht" leid, das "Lea-Rosh-Gesicht", aber er liefert einen Beitrag zur deutschen Betroffenheitskultur, in dem jedes Klischee einen Ehrenplatz zugewiesen bekommt.

Und wenn es mal bedeutend werden soll, dann wird Heine zitiert: "Das Judentum ist keine Religion, es ist ein Unglück." Das hat zu Heines Zeiten sicher gestimmt, heute wirkt ein solcher Satz wie eine frivole Aufforderung zum Unglücklichsein. Das Unglück als Quelle der Identität. Denn Goldfarb ist unglücklich, aber das hat nur bedingt etwas mit seinem Judesein zu tun. Er hat eine Ehe hinter sich, die nicht geklappt hat. So etwas soll auch bei ganz normalen Menschen vorkommen. Nur, dass sie sich hinterher nicht auf den Judenfaktor berufen können. "Du bist so unerträglich jüdisch geworden", war der Satz, den er von seiner Frau zu hören bekam und der schließlich zur Scheidung führte.

Aber vielleicht hatte seine Frau ja Recht. Wenn Goldfarb in den Keller seines Hauses geht, fühlt er sich nicht nur wie in "einem Zellentrakt"; er denkt auch: "Keller kommen mir so jüdisch vor, weil sich dort alles ansammelt, was man schon fast vergessen hat und doch immer weiter aufbewahrt. Das Gedächtnis des Hauses." Wenn es aber jüdische Keller gibt, dann muss es auch arische Dachböden geben. Wie mag es dort aussehen?

Der "ganz gewöhnliche Jude" ist eben doch ein Exot, wie ihn die Freunde des Bagels und der Klezmer-Musik gern haben: Innerlich zerrissen, mit seinem virtuellen Judesein hadernd, in der Tiefe seines verwundeten Herzens aber gutmütig und kooperativ. Nachdem er 90 Minuten lang erklärt hat, warum er die Einladung nicht annehmen kann, sitzt er am Ende doch im Klassenzimmer - der Musterjude zum Anfassen, die didaktische Alternative zu den durchgeknallten Juden von Dani Levys exzellenter Komödie "Alles auf Zucker".

Nun muss mit dem Schlimmsten gerechnet werden - dass der Film tatsächlich in den Schulen gezeigt wird, als Ersatz für den Sozialkundeunterricht. Denn es gibt nur eines, das schlimmer ist als engagierte Filmemacher: engagierte Lehrer.



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