"Ein gutes Jahr" Die Kitsch-Verkostung

Stadtschwein mit Landwein - so stellt sich Regisseur Ridley Scott einen romantischen Helden vor. Zu besichtigen in "Ein gutes Jahr", der wenig süffigen Komödie mit Russell Crowe.

Von Cristina Moles Kaupp


Was waren das für Filme: "Alien" von 1979, ein klug durchdachtes Monster-Werk; "Blade Runner" (1982), der kultgewordene Mix aus Style, Vision und Philosophie; "Thelma und Louise" (1991), das US-Roadmovie als Emanzipationdrama – und 2000 dann "Gladiator", die gleichzeitige Feier und Demontage kriegerischer Männlichkeit.

Russell Crowe grinst sich eins - klar, er darf ja auch schwelgen und genießen
20th Century Fox

Russell Crowe grinst sich eins - klar, er darf ja auch schwelgen und genießen

Jedes Werk ein Meilenstein, und alle kamen von einem Regisseur: Ridley Scott. Rund 30 Filme hat der gebürtige Brite bislang auf die Leinwand gezaubert, nun beschert er uns "Ein gutes Jahr" - aber keinen guten Film.

Nostalgie zahlt sich aus

Auf 118 Minuten hat der Regie-Maestro eine Geschichte aufgeblasen, in der sich eine jener Geldanhäufungsmaschinen in Menschengestalt plötzlich daran erinnert, dass das Leben noch etwas anderes in petto haben könnte als Rekordumsätze und Aktienhochs. Dafür setzt Scott auf jüngst bewährte Heldenpower und schickt erneut den Australier Russell Crowe in die Kinoarena.

Der Wertpapier-Broker Max Skinner ist skrupellos aufs Geld fixiert und hat einfach alles: ein Loft mit Blick auf die Themse, schnelle Autos, belanglose Affären. Alles, nur keine Zeit, sein Leben zu genießen. Wozu auch? In Skinners Welt zählen schnelles Geld und der unbezähmbare Wille nach weiteren Millionen.

Russell Crowe als cooler Kapitalstratege? So ganz nimmt man ihm den üblen Karrieristen nicht ab. Crowe verleiht dem Skinner-Schnösel etwas Verschmitztes, zeigt ihn als Spieler, unter dessen Zynismus ein Rest Menschlichkeit pulsiert. Und natürlich hat dieser Geldscheffler auch einen wunden Punkt: Onkel Henry, seinen einzigen lebenden Verwandter. Ein Lebemann, der in der Provence ein hübsches Weingut unterhielt, auf dem Skinner seine schönsten Kindheits-Sommer erlebte. "Maxi-Million" hatte ihn Onkel Henry damals schon genannt und nichts gesagt, wenn Mäxchen beim Schachspiel schummelte.

Unbeschwerte Tage waren das, in denen Henry versuchte, seinem ungeduldigen Neffen wenigstens eine Ahnung von Genuss und Lebensweisheit beizubringen. Doch der entschied sich anders, tauchte in London unter und hat Onkel Henry seit zehn Jahren nicht mehr besucht. Nun ist Onkel Henry tot und Skinner sein einziger Erbe.

Eine heruntergekommene Immobilie – mehr sieht Skinner anfangs nicht in Henrys heruntergekommenem Chateau La Siroque. Selbstredend will er das Weingut schnellstmöglich gewinnbringend verkaufen. Doch wie er sich da durch Onkel Henrys Nachlass wühlt, regen sich verwirrende Erinnerungen an ein besseres Leben.

Schluck! Ist das kulinarisch!

Immer wieder fischt Scott sie sepiafarben aus der Vergangenheit: Momente auf dem Tennisplatz und am Swimmingpool, wie Henry seinen geliebten Chansons lauschte, genüsslich an den Zigarren zog und seinen Wein schlürfte. Überhaupt der Wein! Scott zelebriert das Getränk, als hätte Wein-Guru Hugh Johnson am Drehbuch mitgeschrieben.

Französisches Flair passt immer, wenn's darum geht, echte Werte zu bebildern; Scott serviert pittoresken Kitsch dazu: schönste Landschaften, kulinarische Köstlichkeiten, einfaches Landleben und Charaktere mit Herz und Temperament. Zu Skinners Läuterung wird die Landschönheit Fanny (...) in die Handlung geschleust, die der Finanzhai mit dem Auto von der Fahrbahn fegt.

Die nach Rache dürstende Heldin garantiert den nötigen Schuss Romantik. Damit "Ein gutes Jahr" etwas turbulenter wird, spitzt Scott Skinners Jobsituation in London zu, bringt eine junge Amerikanerin ins Spiel, die behauptet Henrys illegitime Tochter zu sein, den Rest besorgt Henrys langjähriger Weinbauer, der um Job und Reben kämpft. Alles in allem ein Potpurri aus Frankreich-Klischees und bemühten Gags - wenn etwa ein Hündchen namens Tati Skinner ans Bein pinkelt.

"Ein gutes Jahr"? Kein guter Jahrgang für Ridley Scotts Filmkollektion.



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