Wüstenexpedition von Tom Tykwer Not eines Handlungsreisenden

Die Romanverfilmung "Ein Hologramm für den König" treibt hübsch Schabernack mit der Abstiegsangst der Mittelschicht. Hinzu kommen tolle Bilder aus der Wüste - und eine Glanzrolle für Tom Hanks.


Ausgerechnet in das sonst stets heitere Knautschgesicht von Tom Hanks haben sich tiefe Panikfurchen eingegraben. Hanks spielt einen Geschäftsmann, der in die Jahre gekommen ist. Er heißt Alan Clay und hat sich Zeit seines Lebens an die amerikanische Devise gehalten, dass sich mit einem breiten Lächeln und ein paar gutgelaunten Sprüchen praktisch alles verkaufen lässt.

Die Geschichte geht damit los, dass Alan Clay wie ein Fremdenführer durch die blitzsaubere, sonnenbeschienene Vorstadtwelt von Boston läuft, es erklingt der Talking-Heads-Song "Once In A Lifetime", eine klassische Spießerverhöhnung - und dann explodieren nacheinander das Eigenheim, das Auto und die Ehefrau des Helden in drei lila Rauchwolken.

So bombig lustig und comichaft beginnt die Verfilmung eines Romans, der eigentlich ein Lehrstück ist. "Ein Hologramm für den König" heißt das Buch, das der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers vor ein paar Jahren veröffentlicht hat, und so heißt auch der Film, den der deutsche Regisseur Tom Tykwer mit Tom Hanks in der Hauptrolle gedreht hat.

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"Ein Hologramm für den König": Scheichs und der schöne Schein

Roman und Film erzählen die Story eines nicht mehr jungen Mannes, der nach Saudi-Arabien reist, weil er zu Hause in Amerika in den Abgrund eines gründlich gescheiterten Lebens blickt. Alan Clay ist derart ruiniert, dass er nicht mal die Studiengebühren seiner Tochter bezahlen kann. Aber es gibt Hoffnung: In Saudi-Arabien, wo mitten in der Wüste ganze Städte aus kühnen Bürotürmen gebaut werden, will er den Coup seines Lebens landen.

Er soll einen Hightech-Großauftrag an Land ziehen für seinen Chef aus der IT-Branche mit einer einzigartigen Präsentation, für die ein paar junge amerikanische Nerds unter Clays Leitung ein Hologramm, also ein computergeneriertes Luftbild, in ein Wüstenzelt zaubern sollen. Kaum ist der Held in Saudi-Arabien angekommen, geht schief, was schiefgehen kann. Er trinkt sehr viel eigentlich verbotenen Alkohol, gerät in erotische Abenteuer, wird krank und von saudischen Geschäftspartnern und chinesischen Konkurrenten zum Narren gehalten.

Der Schriftsteller Eggers schildert Clays Leidensgeschichte als Globalisierungssatire, in der Clay als Symbolfigur für eine amerikanische Wirtschaft steht, die sich von ihren internationalen Konkurrenten abhängen lässt. Eggers versteht das als Akt der Aufklärung und jongliert mit den Ängsten vieler amerikanischer Bürger. Man kann aber fragen, ob sein Roman nicht möglicherweise die wahren ökonomischen Verhältnisse eher verschleiert als aufdeckt: Gerade im Geschäft mit allen Formen moderner Informationstechnologie erweisen sich amerikanische Großkonzerne bis heute ganz trick- und erfolgreich darin, ihre Macht auf dem Weltmarkt gegen Konkurrenten aus fast allen anderen Ländern zu behaupten.

Ein Misserfolgsmärchen

Der Regisseur Tom Tykwer schert sich gar nicht erst um politisch-ökonomische Grundsatzfragen. Das ist ein Glück. Tykwer begreift den Ausflug in die Wüste als Forschungsexpedition. Er lässt seinen Stamm-Kameramann Frank Griebe in wunderschönen Bildern schwelgen, die glitzernde Hochhausfassaden und stahlblauen Himmel, roten Sand und elegante Autobahnen, den Stolz der arabischen Bosse und die Beflissenheit ihrer westlichen Lakaien als grandiose Gegensätze inszenieren. Parallel zu dieser äußeren Pracht - der Film wurde übrigens größtenteils in Marokko gedreht - betreibt Tykwer die Seelenerforschung seines Helden.

Er sieht Tom Hanks, mit dem er 2012 in "Der Wolkenatlas" ein ziemlich artifizielles Verwandlungskunststück voller Action-Irrsinn veranstaltet hat, bei einer fast privaten Charakterkomödie zu. Der Alan Clay, den Hanks spielt, ist keineswegs der amerikanische Jedermann und notorisch begriffsstutzige Geistesbruder von Forrest Gump, für den man ihn anfangs hält. Clay ist ein völlig gedankenklarer Leidensmann, eine verschrobene, manchmal anrührende, oft verblüffend komische Unglücksgestalt.

Ständig scheint er über seine eigene Verwandlung zu staunen. Er kommt zu wichtigen Treffen zu spät, was nur deshalb kaum wer merkt, weil seine Geschäftspartner gar nicht erst erscheinen; er liefert sich absurde, vergnügliche Wortgefechte mit seinem einheimischen Fahrer Yousef (Alexander Black); er freundet sich mit einer dänischen Hightech-Wanderarbeiterin namens Hanne (Sidse Babett Knudsen) an; und er betrachtet immer wieder besorgt die schwer symbolische Geschwulst auf seinem Rücken, die ihm irgendwann mithilfe der saudischen Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) weggeschnippelt wird.

Von allen Figuren, die sich der Schriftsteller Eggers in "Ein Hologramm für den König" ausgedacht hat, ist diese Ärztin die surrealste. Sie begegnet dem Helden wie ein Engel der Erlösung - und stürzt ihn, weil er sich wiederum als Schlappschwanz erweist, in noch tiefere Verzweiflung. Tykwers Film ist da gnädiger. Nach einer lustigen Begegnung mit grimmigen, schwer bewaffneten Viehhirten, nach dem Auftritt eines sanftmütigen saudischen Milliardärs und nach dem kaum mehr erhofften Erscheinen des Königs auf der Wüstenbaustelle findet der Held dieses Misserfolgsmärchens tatsächlich eine Art von Glück.

Im so lange von Höllenängsten gepeinigten Gesicht von Tom Hanks strahlt da schon fast wieder die gewohnte Zuversicht.

Im Video: Der Trailer zu "Ein Hologramm für den König"

"Ein Hologramm für den König"

    Originaltitel: A Hologram for the King

    D/USA/GB/F 2016

    Regie: Tom Tykwer

    Drehbuch: Tom Tykwer nach dem Roman von Dave Eggers

    Darsteller: Tom Hanks, Tom Skerritt, Ben Whishaw, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen, Alexander Black, Megan Maczko, Khalid Laith

    Produktion: Playtone, X Filme Creative Pool, 22h22 Productions

    Verleih: X Verleih

    Länge: 98 Minuten

    Start: 28. April 2016

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
AliceAyres 27.04.2016
1.
Das klingt nicht besonders verlockend. Ein Drehbuchautor, der in seinen Büchern so ziemlich jedes aktuelle Thema mit Konfliktpotential (Globalisierung, Überwachung, Fracking) derart mainstream-kompatibel und Zustimmungs-heischend verwurstet, dass es beliebig wird. Dazu Tykwer, der so überambitioniert ist, dass er seit Jahren das erste Gebot für Regisseure (Du sollst nicht langweilen) missachtet und nur noch ermüdende Filme dreht. Und Tom Hanks.
kategorien 27.04.2016
2.
Hat der Autor wirklich nichts anderes parat als die 08/15-Kritik jedes 2. Linken? Abstiegsangst der Mittelschicht? Der Spiegel u.ä. sind voll von solchen Kritiken und Kommentaren. Jetzt werde ich mir den Film selbst ansehen müssen. Sie haben es geschafft.
sekundo 28.04.2016
3. Am beeindruckendsten
Zitat von AliceAyresDas klingt nicht besonders verlockend. Ein Drehbuchautor, der in seinen Büchern so ziemlich jedes aktuelle Thema mit Konfliktpotential (Globalisierung, Überwachung, Fracking) derart mainstream-kompatibel und Zustimmungs-heischend verwurstet, dass es beliebig wird. Dazu Tykwer, der so überambitioniert ist, dass er seit Jahren das erste Gebot für Regisseure (Du sollst nicht langweilen) missachtet und nur noch ermüdende Filme dreht. Und Tom Hanks.
an Ihrer hellseherischen Rezension istder Satz "Und Tom Hanks". Hier fassen Sie in epischer Länge ein cineastisches Werk zusammen, das man nur dann objektiv, umfassend, kompetent und in sich schlüssig erklären und empfehlen kann, wenn man es noch nicht gesehen hat. Ein herausragendes Stück Filmkritik!
fiftysomething 28.04.2016
4. @AliceAyres
Ja...es ist bitter, aber es gibt nur eine Handvoll Bücher, in denen universelle Botschaften enthalten sind, die die Welt wirklich beeinflusst haben. Wie die Bibel oder Das Manifest von Marx. Und ich glaube noch nicht mal, dass hinter den Autoren/ dem Autor gewiefte Marketingstrategen steckten. Das ist einfach nur ne Buchverfilmung. Am besten den Film selbst ansehen und die Filmkritik ignorieren. Dann losgehen und die Welt zu einem besseren Ort machen. Mit den Grundaussagen der o.g. Werke haben Sie ja dann auch schon mal die richtigen Argumente zur Hand.
sekundo 28.04.2016
5. Neben der Bibel
Zitat von fiftysomethingJa...es ist bitter, aber es gibt nur eine Handvoll Bücher, in denen universelle Botschaften enthalten sind, die die Welt wirklich beeinflusst haben. Wie die Bibel oder Das Manifest von Marx. Und ich glaube noch nicht mal, dass hinter den Autoren/ dem Autor gewiefte Marketingstrategen steckten. Das ist einfach nur ne Buchverfilmung. Am besten den Film selbst ansehen und die Filmkritik ignorieren. Dann losgehen und die Welt zu einem besseren Ort machen. Mit den Grundaussagen der o.g. Werke haben Sie ja dann auch schon mal die richtigen Argumente zur Hand.
und dem Kommunistischen Manifest soll es noch das eine oder andere elementar wichtige Werk geben!! Die Lücken in Ihrer Bibliothek scheinen beträchtlich zu sein.
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