Liebesdrama "Ein Leben" All die verlorenen Ideale

Die Guy-de-Maupassant-Verfilmung "Ein Leben" befreit sich vom Muff des Kostümfilms und erzählt mitreißend modern vom Scheitern von Lebensentwürfen. Und natürlich von der Liebe.

Film Kino Text

Von Esther Buss


Gerade noch war alles hell, luftig und warm. Jeanne (Judith Chemla) pflanzte mit ihrem Vater im Garten Setzlinge. Sie saß mit den Eltern (Jean-Pierre Darroussin und Yolande Moreau) beim Brettspiel zusammen und teilte mit dem Dienstmädchen ihre Erlebnisse aus der erst kürzlich beendeten Klosterzeit. Der hübsche Vicomte Julien de Lamare (Swann Arlaud) machte seinen Antrittsbesuch, und als sie im Salon über Nichtigkeiten plauderten, tauschten sie weiche Blicke.

Jetzt aber hat sich alles verdunkelt. Eine andere Jeanne, zu einer anderen Lebens- und Jahreszeit: Umgeben von karger Winterlandschaft sieht man sie dumpf ins Leere starren und dabei apathisch mit dem Oberkörper schaukeln, bevor sie im schweren Wollcape durch den Matsch schlurft.

Beides, das Helle, Schwebende und das Drückende, Schwere, ist Teil des Lebens von Jeanne Le Perthuis des Vauds, einer normannischen Landadeligen im frühen 19. Jahrhundert. Und das vielleicht Erstaunlichste an Stéphane Brizés intelligent verschachtelter Verfilmung von Guy de Maupassants 1883 geschriebenem Roman "Une vie" ist, wie sich in der Anordnung von Vorausblenden, filmischer Gegenwart, Rückblenden sowie Rückblenden innerhalb von Rückblenden die Zeit weniger entfaltet, denn als unausweichliche Präsenz behauptet.

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Liebesdrama "Ein Leben": Getäuscht von der Liebe, getäuscht vom Leben

"Ein Leben" ist ein Film der harten Schnitte und der schroffen Ellipsen. Eben, auf der Hochzeitsreise in Korsika, sah man Jeanne und Julien scheinbar im Liebesglück miteinander vereint. Es gab Blicke in die Weite der Landschaft, alles atmete. Unmittelbar danach - plötzlich kalter Winter - führen sie in ihrem spärlich beleuchteten Zuhause eine gereizte Diskussion über zu hohe Heizkosten, bei der der zuvor so wolkig verklärte Ehemann eine erbärmliche Figur abgibt. Die Montage bedeutet hier buchstäblich "Schnitte": Man kann sie spüren. Besonders schneidend aber sind die Rückblenden in eine vermeintliche Idylle.

Natürliches Ende, katastrophisches Ende

Die richtig dramatischen Wendepunkte lässt "Ein Leben" ebenso aus wie den erzählerischen Kitt. Brizé interessiert sich mehr für das ungleich schmerzhaftere Nachwirken: wie sich in Gesicht und Körper der anfangs etwa zwanzigjährigen Frau die Enttäuschungen über Lüge und Betrug immer deutlicher einschreiben, bis fast der letzte Funken Lebenshoffnung daraus entwichen ist.

Doch mehr noch wird das Verstreichen von Zeit - die Geschichte umfasst rund 27 Jahre - im Wechsel der Jahreszeiten erfahrbar. Während der Sommer in schöner Verlässlicheit wiederkehrt, folgen die menschlichen Beziehungen keiner zyklischen Ordnung. Sie kommen an ein natürliches Ende (durch den Tod) oder an ein katastrophisches (durch den Betrug).


"Ein Leben"
Originaltitel:
"Une vie"
F, B 2016
Regie: Stéphane Brizé
Drehbuch: Stéphane Brizé, Florence Vignon nach dem Roman von Guy de Maupassant
Darsteller: Judith Chemla, Swann Arlaud, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau
Produktion: TS Productions, France 3 Cinema, Versus Production, F Comme Film, CN5 Productions
Verleih: Film Kino Text
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 24. Mai 2018


Brizé erzählte in "Der Wert des Menschen" (2015) von einem arbeitslosen Fabrikarbeiter, der sich fortwährenden Demütigungen ausgesetzt sieht, bevor er in seinem neuen Job als Sicherheitsmann in moralische Konflikte gerät. Verhandelt wurde die Frage der Würde und was ein Mensch auszuhalten bereit ist. Fragen, die sich auch Jeanne trotz ihres privilegierten Klassenstatus stellen muss.

Interessanterweise ist die Prämisse des Films jedoch nicht der gesellschaftliche Zwang, dem eine Frau im 19. Jahrhundert unterworfen war, sondern Jeannes hohes Lebensideal. Ziemlich am Anfang gibt es eine Szene, die fest in das Inventar eines Frauenschicksals der Zeit zu gehören scheint: das Arrangement der Ehe. Brizé aber macht daraus inhaltlich wie formal etwas völlig Unerwartetes.

Eine Wolke über ihr

Zwischen Eltern und Tochter wird tatsächlich mehr über Mögen und Gefallen gesprochen als über Geld - "es geht um Gefühle". Der Tonfall ist unliterarisch, privat, spontan - wer sagt eigentlich, dass man in einem Kostümfilm gedrechselt sprechen muss? Das dazugehörige Bild zeigt Jeanne am Fenster sitzend, minimal wechselnde Regungen wandern über ihr Gesicht - als hinge direkt über ihr eine Wolke, durch die mal mehr, mal weniger Licht dringt.

Überhaupt hat "Ein Leben" zum klassischen Kostümfilm ein eher widerspenstiges Verhältnis. Brizé verleiht seinem Stoff etwas Zeitloses, ohne der Epoche dabei untreu zu werden. Die Enge der Lebensverhältnisse wird sehr wohl sichtbar - und zwar im Bild selbst. Gedreht wurde der Film in der annähernd quadratisch wirkenden Academy-Ratio - ein Bildformat, das seit einiger Zeit an den Rändern des Arthouse-Kinos wieder vermehrt zum Einsatz kommt.

Brizé verbindet es mit großen Brennweiten und einer fast dokumentarischen Handkamera, was nun doch ziemlich einzigartig ist. Denn wenn die Kamera von Antoine Héberlé sich erst mal in Bewegung setzt, zeigt sich ihr eingeschränkter Spielraum in der 4:3-Box umso unbarmherziger.

Gleichzeitig versorgen die stets richtungsoffenen Bewegungen das Bild mit einer stillen, pulsierenden Kraft. Der historischen Einrahmung zum Trotz schlägt das Herz dieses Films ganz im Takt der Gegenwart.

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