Ein Vierteljahr im Kino Ab in die Wüste, deutscher Film!

Heuschrecken wollen die Constantin übernehmen, Mecklenburg-Vorpommern will sich zum "Filmland" aufschwingen. Rettung verspricht nur die irrste Paarung des Filmherbstes: Werner Herzog und Veronica Ferres.

Veronica Ferres (l.) in "Salt and Fire"
Camino

Veronica Ferres (l.) in "Salt and Fire"

Eine Kolumne von


Die Angst geht um in der deutschen Filmbranche: Heuschrecken könnten sich die große deutsche Filmfirma Constantin schnappen und statt Daily Soaps, ähm, Daily Soaps produzieren.

In Zeiten der Krise heißt es gern, wir müssten ganz eng zusammenrücken, uns miteinander solidarisieren. Werner Herzog hat darauf in seinem neuesten Film "Salt and Fire" (Start: 8.12.), in dem ausgerechnet Veronica Ferres die Hauptrolle spielt, eine kluge Antwort: Er setzt mit ihr den deutschen Film einfach in der Wüste aus und hofft darauf, dass er schon von allein was dabei lernen wird. Ferres gibt sich sichtlich Mühe, das Beste daraus zu machen. Vielleicht lässt sich so viel auch über die Constantin sagen.

Muss man sie deswegen aber gleich in Schutz nehmen? Davon ausgehen, wir hätten die gleichen Ziele, oder fast? Merkwürdig, wie diese Rhetorik wieder aufkommt, die übertriebene Freundlichkeit, die Rechtfertigung des neu gefundenen Zusammenhalts. In der "Welt" will sich Hanns-Georg Rodek für die Münchner Filmproduzenten "in die Bresche werfen", weil Constantin "marktrelevant" und "ein verantwortlicher Teil dieser Gesellschaft" sei.

Constantin-TV-Produktion "Dahoam is Dahoam"
BR/ Marco Orlando Pichler

Constantin-TV-Produktion "Dahoam is Dahoam"

Rodek tut dafür so, als falle es ihm nicht leicht, sich für diese Firma einzusetzen und ruft den alten Gegensatz von "Mainstream" und "Kunst" in Erinnerung. Als wäre es bei der Kritik an der Constantin nicht immer um weitaus mehr als nur deren Marktposition gegangen. Die tatsächlichen Differenzen, vor allem in der politischen Haltung, spielen für Rodek aber anscheinend keine Rolle mehr: Denn er fürchtet, der Platzhirsch könnte "zum Renditeobjekt degradiert" werden.

Die Sorge ist sicher nicht unbegründet: Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die US-Firma Voltage Pictures, die Filme wie "The Hurt Locker" und "Dallas Buyers Club" produziert hat, in den Besitz eines chinesischen Unternehmens wechselt, das spezialisiert ist auf Kabel- und Drähteherstellung sowie Kupferverarbeitung. Und das ist nur die letzte Übernahme in einer Reihe von Investitionen chinesischer Firmen in Hollywood.

Ob Constantin Film etwas ähnliches droht, wenn es der Dachfirma Constantin Medien gelingt, die Filmsparte abzustoßen, um sich nur noch auf den Sport- und Eventbereich zu konzentrieren? Und was würde das bedeuten für den lukrativen Verleih und die weniger lukrative Produktion? Für eine Firma vor allem, die nicht erst seit gestern doppelt so viel erlöst mit TV-Produktionen wie "Dahoam is Dahoam" als mit dem Kinoverleih ihrer Filme von "Fack ju Göthe" bis "Resident Evil"? Und ja, zugegeben, was heißt das für eine Firma, die sich jüngst auch wieder (etwa mit ihrem Label Alpenrot) ein wenig für den Nachwuchs in Deutschland engagiert?

Zum Autor
  • Frédéric Jaeger ist Vorstands-Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik und Chefredakteur von critic.de. Als freier Autor schreibt er unter anderem für SPIEGEL ONLINE. 2015 hat er die parallel zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik mitgegründet und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Jahr lang zu Filmpolitik gearbeitet. An dieser Stelle hält er vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche.

Nicht die Solidarität mit Constantin ist das Problem, sondern deren Natur. Selbstbewusste Solidarität ist die, die die Unterschiede nicht nur hinnimmt, sondern fördert. Sich den bestmöglichen Gegner wünschen, weil die Kontraste das Kino erst interessant machen, darum muss es gehen. Constantin ist ja gerade deshalb ein so besonderer Fall, weil sie - zumindest unter Bernd Eichinger - mit Produktionen wie "Der Untergang" oder "Der Baader-Meinhof-Komplex" einen Ansatz verfolgte, der den gesellschaftlichen Diskurs suchte, um ihn perfide zu lenken und gleichzeitig mit Authentizitätsfetisch und Verklärungsdrang aufzuladen.

Heute lässt sich nicht mehr ganz so produktiv über die Constantin streiten, die übrigens längst einer ausländischen Firma gehört. Aber ein gleichzeitig schön anarchisches und unverhohlen Dummheit zelebrierendes Franchise wie "Fack ju Göthe" muss man auch erst mal auf die Reihe kriegen.

Michael Shannon as CEO und Veronica Ferres als Wissenschaftlerin in "Salt and Fire"
Camino

Michael Shannon as CEO und Veronica Ferres als Wissenschaftlerin in "Salt and Fire"

Man möchte der Constantin einen Freigeist an die Backe wünschen, oder eben einen durchgeknallten Künstler wie Werner Herzog, der nicht von ungefähr lieber in anderen Ländern seine Filme produziert. Sein "Salt and Fire" beginnt mit einer grandiosen Parodie von (günstigen) Thrillern, die sich selbst viel zu ernst nehmen: Veronica Ferres gibt eine Biologin, die ihr Wissen in bunten Powerpointpräsentationen auf dem Tablet abscrollt und von albernen Männern gekidnappt wird. Der Chef unter ihnen, ein böser Konzerngeschäftsführer, hat, das ist der erste von vielen irren Clous, vor allem große Lust mit ihr zu reden. Ja, genau: Ein CEO, der mit seiner Geisel sprechen will, damit sie gemeinsam zu einem fruchtbaren Austausch kommen! My kind of crazy und vielleicht genau die Perspektive, die heute der Constantin fehlt.

Förderer lassen sich feiern

Irgendwie findet schon zusammen, was zusammengehört. In Deutschland heißt der Trend seit Jahren: Zwischen die Förderung und die Geförderten passt kein Blatt. Nicht nur wird immer wieder groß von "Freundschaft" zwischen Filmemachern und Förderreferenten getönt, jetzt wurde auch noch in einer höchst kuriosen Volte die Chefin vom Medienboard Berlin-Brandenburg Kirsten Niehuus durch ein vom Medienboard gefördertes Festival ausgezeichnet. In Cottbus gab es zur Eröffnung eine Ehren-Lubina für sie. Übrigens: In den vergangenen Jahren erhielt die auch schon der Ministerpräsident des Landes. … So sichert man sich Unterstützung, Chapeau!

Kirsten Niehuus mit Ehren-Lubina beim Filmfestival Cottbus
FilmFestival Cottbus/ Thomas Goethe

Kirsten Niehuus mit Ehren-Lubina beim Filmfestival Cottbus

Kurskorrektur in Sachen Filmhochschule

Ob diese Freundschaftswirtschaft in Berlin-Brandenburg so weitergeht, ist indes mit dem designierten Kultursenator Klaus Lederer von der Linken erst einmal offen. Im Berliner Koalitionsvertrag heißt es vielversprechend: "Das bestehende Fördersystem des Medienboards Berlin-Brandenburg soll durch experimentelle Verfahren zur Projektmittelvergabe ergänzt werden." Und unmissverständlich: "Die Unabhängigkeit der Filmhochschule (gemeint ist die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, dffb) wird die Koalition stärken und dafür Sorge leisten, dass diese sich in der Besetzung der Gremien widerspiegelt."

Ein Aufmischen der Gremien mit unabhängigen Personen, das wäre wirklich ein Novum! Hoffentlich dafür schon jetzt ein Omen: Der bisher für Film zuständige Senatskanzleichef Björn Böhning (SPD) steht auf den Fotos zur Verkündung der Koalitionsvereinbarung ganz rechts außen, als wappne man sich schon dafür, ihn bald aus den Bildern wegzuschneiden.

Unter seiner Leitung unterstützte das Land bisher über Jahre hinweg Jan Schütte, einen von Studierenden, Mitarbeitern und Lehrenden lange kritisierten dffb-Direktor. Er ging erst, als er ein Angebot aus den USA erhielt. Wohl nur in der Senatskanzlei werden sie sich gewundert haben, dass Schütte alsbald auch in den USA in die Kritik geriet: Beim American Film Institute in Los Angeles entzog ihm eine Reihe von Dozenten das Vertrauen und forderte in harschen Worten seinen Rückzug. Den hat er nun auch angekündigt, gerade einmal zwei Jahre nach seiner Berufung. Rechtzeitig, könnte man böse fragen, um die 2019 vakant werdende Leitung der Berliner Filmfestspiele zu übernehmen? Das wäre mal ein Grund für Angst in der deutschen Filmbranche.

Was Meck-Pomm von Hessen lernen kann

Stattdessen wird am falschen Zusammenhalt gewerkelt, hier und da. In Mecklenburg-Vorpommern soll die nächste Fusion kommen, die der kulturellen und der wirtschaftlichen Filmförderung. Auf wessen Kosten? Natürlich die der Kultur. Das "Filmland" Meck-Pomm will künftig nämlich "konkurrenzfähig sein" und ist bereit, dafür in einem großen Topf die Mittel aus der kulturellen Filmförderung "aufgehen" zu lassen. Das verheißt nichts Gutes.

Die Regierungskoalition aus SPD und CDU verspricht eine Stärkung der Förderung, unter der Bedingung, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk beteiligt. Wie das läuft, wenn man was vom ÖR will und auf Kompromisse angewiesen ist, kann die Hessische Filmförderung berichten: Im Zuge der Zusammenlegung von Wirtschaft und Kultur Anfang 2016 sah sie sich schließlich gezwungen, einen satten Teil ihrer kulturellen Kinofilmförderung in Fernsehförderung umzuwandeln. Schwuppsdiwupps ist weniger Geld da für die Kinokultur.

Zum Glück war der Widerstand massiv und hat sich nicht kleinkriegen lassen - selten hat man ein so schön solidarisches Zusammenwirken der unterschiedlichen Akteure wie in Frankfurt gesehen. Schließlich lenkte die Landesregierung ein und erhöht nun für 2017 die Gesamtförderung. Nur wohin die glücklicherweise bewilligten Mittel fließen werden, dazu schweigt sich HessenFilm bisher aus. Meck-Pomm, du weißt was vielleicht schon bald auf dich zukommt.

Guter Schub für die kulturelle Filmförderung

Die richtige Solidarität, wenn sie die Unterschiede betont, kann manchmal doch fruchten. Klar, alle stehen zusammen, wenn es wichtig genug ist und das Auskommen im Hier und Jetzt betrifft. Beim Filmerbe, den ollen Schatzkisten im Archiv, das wissen wir schon, wird es schwieriger. Dem zurückhaltenden Druck aus der Branche entsprechend wurde der Beitrag des Bundes zur Sicherung der Filmgeschichte für 2017 auf lediglich zwei Millionen Euro erhöht, immerhin mit der Aussicht, dass es ab 2018 jährlich drei Millionen sind. Der festgestellte Bedarf liegt bei allermindestens 10 Millionen pro Jahr.

Damit es auch künftig noch etwas zu archivieren gibt, ist die aktuelle Lage nicht unerheblich. Und da zeichnet sich immer mehr die bereits angekündigte Kehrtwende ab. Im Schatten der bis heute laut vorgetragenen, branchenübergreifenden Wünsche nach mehr wirtschaftlicher Standortförderung entwickelt sich nämlich die von Monika Grütters ordentlich gestärkte kulturelle Filmförderung des Bundes überaus vielversprechend: Einem bisher am Katzentisch sitzenden Regisseur wie Max Linz ("Ich will mich nicht künstlich aufregen"), der der Kunst- und Förderszene mit groteskem Spaß den Spiegel vorhält, sprach sie jetzt über 400.000 Euro für seinen nächsten Film zu - und damit mehr als einem Veteranen wie Christian Petzold (der aber auch bei fast jeder anderen Förderung Chancen hat).

Außerdem dabei: neue Projekte von Videokünstler Douglas Gordon, dessen letzter Film mit und über Jonas Mekas komplett ohne Förderung entstehen musste, und ein Drehbuch von Komödienspezialist Franz Müller, dem ohnehin jeder Cent zu wünschen ist. Müller bereitet gerade eine Beinahe-Kollision der Erde mit einem Asteroiden vor, damit die Liebe wieder eine Chance kriegt. Da braucht es noch nicht mal Solidarität, das kann man sich nur herbeiwünschen, ganz, ganz schnell.

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