Familiendrama von Xavier Dolan Schreien und Schweigen

Bei seiner Premiere empörte der neue Film von Xavier Dolan die Kritiker. Warum eigentlich? "Einfach das Ende der Welt" ist schlicht großartig.

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Man könnte das ganze erst einmal auf die leichte Schulter nehmen und mit ein paar Witzeleien anfangen. "Home Is Where It Hurts" heißt der Song, mit dem Xavier Dolan sein neues Familiendrama beginnen lässt. Wann, wenn nicht jetzt, nach den Feiertagen, wüsste man besser, wie fürchterlich es zu Hause sein kann? Und dann noch dieser Titel: "Einfach das Ende der Welt". Besser könnte man die globale Stimmungslage Ende 2016 doch kaum auf den Punkt bringen.

Aber leichte Schulter geht dann doch nicht bei Xavier Dolan - und erst recht nicht bei "Einfach das Ende der Welt".

Eigentlich soll es nur ein Mittagessen im Kreise der Familie sein. Mutter, Tochter, großer Bruder mit Ehefrau und kleiner Bruder, der nach langer Zeit wieder zu Besuch kommt. Doch kaum eine Minute vergeht, ohne dass geschrien, gestritten oder geweint wird. Festgehalten jeweils in extremen Nahaufnahmen. Und dann noch dieses übertriebene Star-Ensemble. Marion Cotillard, Léa Sedoux, Vincent Cassel, Nathalie Baye und Gaspard Ulliel in einem Film. Muss das alles sein?

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"Einfach das Ende der Welt": Die Unmöglichkeit einer Familie

Als "Einfach das Ende der Welt" im Mai Premiere in Cannes feierte, lautete das fast einhellige Medienurteil: keinesfalls! Während "Toni Erdmann" in Kritikerspiegeln die besten Wertungen, die jemals in Cannes vergeben wurden, erhielt, wurde Dolan mit den schlechtesten seiner Karriere abgestraft.

In länglichen, echauffierten Kritiken wurde Dolan Unreife vorgeworfen: "Erscheint wie das Werk eines jammernden, gehemmten Teenagers, der sich bei lauter Musik in seinem Zimmer eingeschlossen hat und sich wie das größte missverstandene Genie fühlt, das nie darum gebeten hat, geboren zu werden." Woraufhin sich Dolan in Interviews ausführlich über Kritiker beschwerte und schließlich via Instagram befand: "Die Kultur des Trollens, Bullyings und unberechtigten Hasses sollte nicht untrennbarer Teil des filmischen und analytischen Abenteuers sein."

Dass beide Seiten damit den Erregungsgrad und den Wortreichtum erreicht hatten, mit denen im Film selber gestritten wird, passt da sehr schön. Und dass er in Cannes mit dem zweitwichtigsten Preis ausgezeichnet wurde, während "Toni Erdmann" leer ausging, irgendwie auch: Dieser Film ist einfach pures Drama.


"Einfach das Ende der Welt"

Originaltitel: "Juste la fin du monde"

Kanada/Frankreich 2016

Regie: Xavier Dolan

Drehbuch: Xavier Dolan nach dem Theaterstück von Jean-Luc Lagarc

Darsteller: Gaspard Ulliel, Marion Cotillard, Léa Sedoux, Vincent Cassel, Nathalie Baye

Produktion: Sons of Manual, MK2 Productions, Téléfilm Canada

Verleih: Weltkino

Länge: 97 Minuten

Start: 29. Dezember 2016


"Einfach das Ende der Welt" basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück des Franzosen Jean-Luc Lagarce aus dem Jahr 1990. In dem Stück wird noch explizit gemacht, warum der 34-jährige Louis nach so langer Zeit wieder nach Hause kommt: Er hat Aids und will nun seiner Familie mitteilen, dass er bald daran sterben wird.

In Dolans Version wird die Krankheit nun nicht mehr direkt benannt. Zudem muss "irgendwo, vor einiger Zeit" als Zeit- und Ortsangabe reichen.Wie schon bei seinem großen Erfolg "Mommy" verschiebt Dolan so seine Geschichte in eine thematisch und zeitlich vage Zwischenwelt, in der auch sonstige Logiken und filmische Gepflogenheiten nicht viel gelten - vermeintliche Geschmacklosigkeiten inklusive.

Keine sorgfältigen Tableaus finden sich hier und auch keine präzise ausgestatteten Räumlichkeiten. Dolan lässt sowohl klassische Theater- als auch Filminszenierungstrategien außer Acht und setzt auf ein einziges Stilmittel: Nahaufnahmen. Diese Bilder müssen natürlich genauso wie Panoramen auch gefüllt werden, weshalb die Frauen stark geschminkt sind, allen voran die Mutter, gespielt von Nathalie Baye. "Eine Mutter darf sich für ihren Sohn schön machen", sagt sie, während sie sich die frisch lackierten Nägel föhnt. "Louis achtet auf Mode und Farben, wie alle Schwulen."

Die Gesichter der Männer gestalten Dolan und sein Kameramann André Turpin hingegen stark durch die Blickwinkel der Kamera. Während Vincent Cassel als cholerischer großer Bruder Antoine meist im markanten Profil zu sehen ist, nimmt die Kamera das scharfkantige Gesicht von Louis (Gaspar Ulliel) immer wieder von oben in den Blick und lässt es wie eine Totenmaske aussehen.

Im Video: Der Trailer zu "Einfach das Ende der Welt"

Gemeinsam sind die Schauspieler so gut wie nie im Bild zu sehen, auch in längeren Dialogen wechseln sich meist nur die Nahaufnahmen der gerade Sprechenden ab. Die fehlende bildliche Einheit ist natürlich prägnante Metapher: Während so viel und so emotional geredet wird, kommt keine Verbindung zustande. Zwischen den Figuren klaffen Lücken, tritt das Ungesagte neben das Gesagte, bis es alle Gespräche dominiert.

Die Spannung, die in diesen Bilder herrscht, wie sie das Nicht-Zeigen und Nicht-Sagen kenntlich machen und gerade deshalb so viel zeigen und sagen, ist brillant. Mag auch das Thema der dysfunktionalen Familie kein neues sein: Wie Dolan die Unmöglichkeit einer Familie vorführt, fühlt sich völlig neu an.

Und dann ist da noch der Moment, in dem Louis und Catherine (Marion Cotillard), die Ehefrau von Antoine, zum ersten Mal alleine sind. Catherine sieht Louis direkt und wortlos an, und er erwidert diesen Blick ungeschützt. Sie, die verhuschte, stotternde Hausfrau, versteht, was mit ihm, dem weltläufigen Intellektuellen, los ist. Als Einzige.

Vielleicht gibt es solche Momente des Erkennens und Verstehens über alle sozialen Grenzen hinweg nur in den Zwischenwelten von Xavier Dolans Filmen. Aber gerade das macht sie zu utopischen Räumen, die hoffen lassen.

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