Aus Cannes berichtet Andreas Borcholte
Ein gewaltiger blauer Planet rast auf die Erde zu, die immer kümmerlicher wirkt, je näher der Riese rückt. Die Kollision ist unvermeidlich, it's the end of the world as we know it. Und einer fühlt sich richtig wohl dabei: Lars von Trier, der die katastrophalen Weltraumbilder zu Beginn von "Melancholia" mit surrealen Impressionen aus einem romantischen Schlossgarten gegenschneidet, in dem die Schatten der Bäume zu beiden Seiten fallen.
Es sind alptraumhafte, in Zeitlupe gefilmte Bilder der Schauspielerin Kirsten Dunst in einem Hochzeitskleid, die von gummiartigem Wurzelwerk am Davonlaufen gehindert wird. Oder auf einem Golfplatz, beim 19. (sic!) Loch, immer tiefer in den Rasen einsinkt. Dann ihr Gesicht in Großaufnahme mit Augen, die so kühl und gleichgültig ins weite Nichts starren, dass es einem nicht nur wegen der fiesen Klimaanlage im Kinosessel fröstelt.
Mit mindestens so viel Spannung wie Terrence Malicks "The Tree Of Life" wurde der neue Film des Misanthropen von Trier beim Festival in Cannes erwartet. Allerdings: Auf den einen freute man sich, vor dem anderen hatte man ein bisschen Angst. Denn zuletzt zeigte der Däne hier vor zwei Jahren sein Psychodrama "Antichrist", das mit seinen schockierenden Sex- und Verstümmelungsszenen viele Zuschauer nachhaltig verstörte.
Seine jahrelange Depression habe er sich mit "Antichrist" austreiben wollen, sagte von Trier damals, und das hat anscheinend ganz gut geklappt - zumindest wenn man nur den neuen Film als Maßstab nimmt. Denn der Auftritt, den von Trier bei der Präsentation von "Melancholia" hinlegte, war eher dazu geeignet, an der geistigen Gesundheit des Regisseurs vollends zu zweifeln. Erst äußerte von Trier Verständnis für Adolf Hitler um dann, nachdem die Journalisten mehrfach nachgefragt hatten, zu sagen: "Okay, ich bin ein Nazi."
Von Trier dürfte sich mit dieser Provo-Performance selbst aus dem Wettbewerb geschossen haben, was besonders traurig ist: Denn schönere, geradezu polierte Bilder und ein romantischeres Schwelgen in seinem Thema hat man bei dem Mann, der einst das streng unprätentiöse Dogma-Kino erfand und Brecht'sche Didaktik auf minimalistischen Filmsets inszenierte, noch nie gesehen. Wundern darüber muss man sich jedoch nicht, denn mit "Melancholia" zelebriert von Trier nichts weniger als sein Lebensmotiv, die Schwermut.
Die beunruhigende, in der Stimmung an "Antichrist" erinnernde Ouvertüre von "Melancholia", hochdramatisch mit Musik aus Wagners "Tristan und Isolde" unterlegt, darf man vielleicht als ironisches Spiel mit der - diesmal unbegründeten - Angst seines Publikums vor neuerlichen Schauerbildern betrachten. Denn nachdem von Trier klargemacht hat, dass unser Planet vernichtet wird, schwenkt er in eine für seine Verhältnisse recht konventionelle Handlung ein, die eher durch zuviel Ästhetik denn durch Exzesse irritiert.
Erzählt wird in zwei Teilen von den letzten Tagen auf Erden. Zunächst geht es um Justine (Kirsten Dunst), eine Melancholikerin, die sich dennoch entschlossen hat, ihrem Leben einen Sinn zu geben und den Konventionen der "Normalen" zu folgen. Mit Prunk und Pomp heiratet sie einen netten und attraktiven, jedoch etwas tumben Kerl (Alexander Skarsgard) auf besagtem Schloss, malerisch in den schwedischen Schären gelegen. Doch schon die Anfahrt zum Anwesen gestaltet sich schwierig, da die weiße Stretch-Limo nicht auf den engen Zufahrtswegen im Wald rangieren kann - das Hochzeitspaar kommt zu spät, ein erster Schatten liegt über dem Fest.
Männer? Alles Schwächlinge!
Und bleibt. So sehr sich Justine auch bemüht, es dem Schlossherren, ihrem pragmatischen Schwager John (Kiefer Sutherland), und ihrer auf Etikette und Protokoll bedachten Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) Recht zu machen und mitzuspielen, desto weniger gelingt es ihr. Um Claire geht es im zweiten Teil des Film. Einige Zeit nach der Hochzeit nimmt sie die immer depressiver werdende Justine bei sich im Schloss auf. Inzwischen hat sich der eingangs erwähnte blaue Planet namens Melancholia, der angeblich hinter der Sonne versteckt war, bedenklich der Erde genähert. Claire bekommt es mit der Angst zu tun, im Gegensatz zu Justine hängt sie am Leben. Ihr Mann John, ständig mit einem grotesk großen Teleskop bewaffnet, beruhigt sie: Die Wissenschaftler meinen, der Planet würde an der Erde vorbeiziehen, es sei ein großes Spektakel, nichts weiter.
Doch, der Zuschauer weiß es bereits, er irrt. Und er ist der erste, der sich verkrümelt, als sein Konstrukt der Rationalität zusammenbricht. John ist, abgesehen von Claires Sohn, der letzte männliche Charakter, der das Feld den Frauen überlässt - sie alle, ob Ehemann, Chef, Diener oder Vater, sind Schwächlinge in diesem Film, der mit dem ewigen Vorwurf, Lars von Trier sei ein Frauenhasser, endgültig aufräumen sollte.
Freilich gehen einem die Damen nicht minder unterhaltsam auf die Nerven. Kirsten Dunst ist großartig enervierend als verpeilte Göre und ultimative Spielverderberin auf ihrer eigenen Hochzeit. Im zweiten Teil ist ihre Gleichmut nicht minder empörend: Es geht ihr stetig besser, je mehr Melancholia am Himmel wächst. Nachts legt sie sich spiltternackt ins Mondlicht des neuen Himmelskörpers, um sich im Schein des Untergangs genießerisch zu sonnen.
Nach dieser gespenstisch erotischen Szene mag man glauben, sie selbst habe den Planeten hinter der Sonne hervorgeholt und ziehe ihn nun mit magisch-melancholischen Kräften immer näher heran. Die Rollen vertauschen sich: War Claire noch zu Beginn die kontrollierende Kraft, ist es nun Justine, die mehr und mehr zur Herrin der Lage wird, während Claire - durchaus nachvollziehbar - in Panik verfällt. Als sie erkannt hat, dass die Katastrophe unvermeidlich ist, schlägt sie vor, zumindest stilvoll abzutreten - mit einem Glas Wein auf der Schlossterrasse. Justine blickt sie nur verächtlich an: "Was für eine Scheißidee", sagt sie, "genauso gut könnten wir uns auch aufs Klo setzen".
Die Grundidee für "Melancholia", sagt Lars von Trier, habe er bekommen, als sein Therapeut ihm gesagt habe, dass Melancholiker im Angesicht der Apokalypse dazu neigen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Warum? "Zum einen, weil sie sich zurücklehnen und sagen können: 'Ich hab's euch doch gesagt'. Aber auch deshalb, weil sie nichts zu verlieren haben."
Dem ist wenig hinzuzufügen, vielleicht nur noch die Frage: Hätte der Therapeut von Trier nicht auch beibringen können, selbst einen kühlen Kopf zu bewahren und auf billige Provokationen zu verzichten?
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