Eklat um Auschwitz-Film Boll-Werk gegen Berlinale

Der bekannte Trash-Regisseur Uwe Boll hat einen Auschwitz-Film gedreht, der zeigen soll, "wie es wirklich war". Die Berlinale wollte seinen Film nicht zeigen - darum verklagt Boll das Festival jetzt. Seinem Intimfeind Dieter Kosslick prophezeit Boll den "Untergang". 

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Event Film

Angst? Nein, Angst vor der Kritik hat Uwe Boll keine. "Darüber bin ich lange hinaus." Der Regisseur sitzt vor der Leinwand, gleich wird er seinen Film "Auschwitz" vorführen, aber vorher will er noch einige Worte sagen: über die Berlinale und ihren Chef Dieter Kosslick.

Damit jetzt kein Missverständnis aufkommt: Wir befinden uns hier nicht auf der Berlinale, dem größten und wichtigsten deutschen Filmfestival. Das findet zwar ebenfalls gerade statt hier in Berlin, aber Bolls "Auschwitz" wird da nicht gezeigt, nicht im Wettbewerb, nicht im "Panorama", nicht einmal in der "Perspektive Deutsches Kino". Nein, Uwe Boll zeigt seinen Film selbst, beziehungsweise: Er lässt ihn zeigen im Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Dessen Geschäftsführer hat gerade auch schon gesprochen, darüber, dass das "Babylon" bunt sei, dass man hier nichts zensieren wolle, und dass Bolls "Auschwitz"-Film den Holocaust nicht leugne, sonst hätte man ihn doch nicht gezeigt. Es wirkt so, als wolle der Geschäftsführer des Babylon-Kinos nicht wirklich etwas zu tun haben mit diesem Film. Seltsam.

Niemand will etwas mit dem Film zu tun haben

Seltsam auch der Anruf am Abend vorher bei dem PR-Agenten Hasso Mansfeld, der in einer Presseerklärung Bolls als Ansprechpartner für Rückfragen zu der Sondervorführung genannt ist. Eine Pressekonferenz? Naja, das sei eigentlich nicht wirklich organisiert, sagt Mansfeld. Herr Boll werde da sein und über seine Sicht der Dinge reden. Na dann bis morgen, sagt man dann, aber Mansfeld antwortet, nein, er werde nicht da sein - und fragt nach: Sie gehen da hin? Er fragt, als sei das eine völlig abwegige Vorstellung.

Uwe Boll und seine Sicht der Dinge: Vielen gilt Boll als der schlechteste Regisseur aller Zeiten. Boll hat in letzter Zeit vor allem Computerspiele verfilmt, die Machwerke wurden von der Kritik entweder ignoriert oder verrissen. Sein Film über Max Schmeling mit Henry Maske in der Hauptrolle hat ihm ebenfalls wenig Ruhm eingebracht. Boll selbst meint, er werde seit fünfzehn Jahren fertig gemacht von Leuten, die seine Filme nicht einmal angesehen hätten. Und jetzt hat er einen Film über Auschwitz gedreht. Einen Film "gegen das Vergessen". Einen Film, der zeigt, "wie es wirklich war". Aber zuerst noch mal zu Dieter Kosslick und zur Berlinale.

"Die Berlinale wird untergehen."

Es ist nämlich so: Uwe Boll will Dieter Kosslick und die Berlinale anzeigen. Es geht ihm dabei formal um 125 Euro, die er von der Berlinale zurückhaben will, aber eigentlich geht es ihm um viel mehr. 125 Euro, das ist die Bearbeitungsgebühr, die jeder bezahlen muss, der einen Film zur Berlinale einreicht in der Hoffnung, dass er auf dem Festival gezeigt wird. So steht es in den Berlinale-Richtlinien. Und gezahlt hat Boll. Aber, sagt er, die Berlinale ist an diesen Einreichungen eigentlich gar nicht interessiert. Die Filme, die auf dem Festival laufen, sagt Boll, seien handverlesen. "Ich gehe jede Wette ein, dass kein einziger Wettbewerbsfilm die 125 Euro gezahlt hat", sagt Boll. "Wenn die einfach nur das Geld einsammeln, aber die Einreichenden haben keine Chance, dann…" "Ist das Betrug, Herr Boll?" Boll grinst. "In dem Verfahren wird die Berlinale untergehen", sagt er. "Da wird die Luft dünn. Und ich würde nicht auf Dieter Kosslick wetten."

Fragt man bei der Berlinale nach, heißt es dort, man sehe "der Klage entspannt entgegen". Und kommentiere die Angelegenheit nicht weiter.

Uwe Boll, sagt Uwe Boll, kämpft nicht nur für sich - sondern für all die anderen auch, die nie zu einem Festival eingeladen werden. Die nie über einen roten Teppich laufen dürfen. "Wie sollen sich denn die Leute fühlen, die nie eingeladen werden?", fragt Boll. Einmal habe er einen Film in Cannes eingereicht, die Filmrollen seien genauso verklebt zurückgeschickt worden, wie er sie eingesandt habe. "Das ist unakzeptabel, dass man so behandelt wird", sagt Uwe Boll. Aber jetzt lässt er sich das nicht mehr gefallen: "Ich bin jetzt nicht mehr beim Kindertheater."

Zeigen, wie es wirklich war in Auschwitz

Uwe Boll fühlt sich unverstanden. Von den Filmkritikern. Und besonders von Dieter Kosslick. Den habe er vor zwanzig Jahren mal getroffen und gesagt: "Filmförderheinis sind Bürokraten." Die Folge: "Das war mein Ende." Denn es sei ja so: In Deutschland würden einige wenige Funktionäre entscheiden, wer Karriere macht. Und der beleidigte Dieter Kosslick würde "nachkarten". Ja, und "wenn man Mubarak heißt oder Kosslick, dann kann man alles machen." Aber nicht mehr mit Uwe Boll. Und überhaupt: "Wenn man einen Auschwitz-Film macht, dann muss der doch in Berlin gezeigt werden." Viele Menschen, gerade Schüler, wüssten doch gar nichts mehr über den Holocaust. Deshalb sei es so wichtig, dass man zeige, was tatsächlich geschehen ist in Auschwitz. Und dann zeigt er den Auschwitz-Film.

Es ist nicht ganz klar, ob Boll diesen Film gedreht hat, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen - oder ob ihm das Thema wirklich ein Anliegen ist. Doch gerade, wenn man dem Regisseur gute Absichten unterstellt, ist es besser, nicht ausführlich über Uwe Bolls "Auschwitz" zu sprechen. Vielleicht nur Folgendes: Auf die Frage, ob er sich von Historikern habe beraten lassen, um zeigen zu können, "wie es wirklich war" in Auschwitz, antwortet Boll, er habe eine BBC-Dokumentation über den Holocaust gesehen, sechs Teile, die gebe es auch als Kauf-DVD. Auf die Frage, wie hoch das Budget für seinen Film gewesen sei, sagt Boll freimütig, das könne er nicht genau sagen. Man habe gerade "Bloodrayne: The third Reich" gedreht und daher die Nazi-Requisiten schon da gehabt. Nur die Gaskammer und die Öfen habe man bauen müssen. "Bloodrayne" ist eine Low-Budget-Videospielverfilmung im Vampir-Nazi-Milieu.

SS-Uniformen wie aus dem Kostümverleih

Gezeigt werden soll ein normaler Arbeitstag in Auschwitz, man sieht Menschen, die in einem Zug ankommen, die selektiert und in Gaskammern getrieben werden. Manchmal weinen Kinder, häufig sind unheilschwangere Klaviertöne zu hören. Die Darsteller (Schauspieler mag man sie nicht nennen) tragen SS-Uniformen und KZ-Kluft wie aus dem Kostümverleih. Die Szenen in der Gaskammer wirken wie in einer Sauna. Zwischendurch organisieren zwei KZ-Schergen bei Wacholderschnaps den Urlaub der Mannschaft und reden über technische Probleme: "Neue Brenner sind bestellt, aber noch nicht geliefert."

Man kann lange darüber streiten, ob es überhaupt möglich oder sinnvoll ist, fiktional in einem Film darzustellen, wie es "wirklich in Auschwitz war". Eines ist jedoch sicher: So, wie es Boll darstellt, war es in Auschwitz nicht. Unterstellt man Boll schlechte Absichten, könnte man in seinem Film auch eine Verhöhnung der Opfer erkennen.

Boll sagt, Michel Friedman habe seinen Film gesehen und ihn gut gefunden. Fragt man Michel Friedman, mag der sich nicht dazu äußern.

In den Berlinale-Richtlinien steht übrigens auch, dass eingesandtes Filmmaterial nach Sichtung vernichtet werden kann. Leider nur auf ausdrücklichen Wunsch des Einsenders.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
zippzapp 14.02.2011
1. Inhalt?
Wenn ich das richtig gesehen habe, handelt dieser SPON-Artikel davon, dass sich ein Regisseur von allen missverstanden fühlt. Publikum, Kritiker, Festival-Veranstalter, Medien und seinem eigenen Pressesprecher. Mal abgesehen davon, dass kein Regisseur eine Chance hat, den Krtiker und/oder Publikum nicht verstehen, ist dieser Artikel eine selten offensichtliche Verschwendung von Arbeitszeit. Wegen 125 Euro kann man übrigens nur schwer verklagt werden, alles unter 300 Euro Streitwert normalerweise rigoros abgewiesen wird. Ach ja, wenn der Film Opfer des Holocaust verhöhnt, ist das ein Fall für Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaft wegen Verstoß gegen §130 StGB.
pulpicon, 14.02.2011
2. übel
Angesichts des Bildes eines Soldaten, der ein Kind liebevoll zur Erschießung trägt (eine perfid-perverse Szene) sich über die "Kostüme" der Darsteller zu mokieren lässt Übelkeit in mir aufsteigen. Die Wirkung eines KZ-Films geht doch nicht über die Qualität der Requisiten (dicker vs. dünner Zaun). Wie sieht's denn mit Inhalten im Sinne "der Story/Plot des Films" aus?
phffm 14.02.2011
3. Eine kleine Anmerkung
Vielleicht sollte man noch anzumerken, dass die Machwerke dieses Regisseurs mehrere Millionen Euro von Steuergeldern durch das Förderprogramm HessenInvestFilm, also aus Landesmitteln von Hessen, erhalten haben. Eine hessische "Kulturpolitik", die offenbar Hollywood-Großträumen nachhängt, hat u.a. den Max-Schmeling-Film mit 650.000 Euro finanziert, siehe: http://www.hessen-invest-film.de Über diese Form von Geldverschwendung berichtet seltsamerweise niemand.
paretooptimal 14.02.2011
4. Eingeschnappter Uwe Boll
Berlin und Kosslick sind nicht auf den Film von Uwe Boll angewiesen, das hat der gute Mensch wohl vergessen. Das hindert ihn doch nicht daran, seinen Auschwitz-Film trotzdem in die Kinos zu bringen. Soll doch Boll weiterhin die "eingeschnappte Leberwurst" spielen.
Rhywden, 14.02.2011
5. Einfach:
Zitat von pulpiconAngesichts des Bildes eines Soldaten, der ein Kind liebevoll zur Erschießung trägt (eine perfid-perverse Szene) sich über die "Kostüme" der Darsteller zu mokieren lässt Übelkeit in mir aufsteigen. Die Wirkung eines KZ-Films geht doch nicht über die Qualität der Requisiten (dicker vs. dünner Zaun). Wie sieht's denn mit Inhalten im Sinne "der Story/Plot des Films" aus?
Es ist ein Boll-Film. Und damit haben sich sämtliche Fragen gen Plot des Films auch schon wieder erledigt.
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