Eklat um Regisseur von Trier Was bleibt, ist Melancholie

Wie? Was? Warum? Die meisten Besucher des Filmfestivals in Cannes wurden vom Ausschluss des Regisseurs Lars von Trier überrascht. Sie reagierten mit Bedauern und Verwunderung - zumal die Strafe für die dümmlichen Nazi-Frotzeleien des Dänen seltsam inkonsequent wirkt.

Aus Cannes berichtet


Skandale, Verbalausfälle und Eklats gehören zu Cannes wie wässriger Rosé-Wein und stundenlanges Warten vor dem Kinosaal. Insofern war es nicht weiter verwunderlich, dass am Donnerstagnachmittag rund um den Festival-Palais wenig davon zu merken war, dass zum ersten Mal in der 64-jährigen Geschichte des Festivals ein Regisseur zur persona non grata erklärt wurde. Marktbesucher und Journalisten wuselten wie jeden Tag von einer Vorführung zur nächsten. Am frühen Morgen hatte der Spanier Pedro Almodóvar seinen - einhellig bejubelten - neuen Film "La Piel que Habito" vorgestellt. Später wurde mit Spannung die erste Vorführung eines unter schwierigsten Umständen nach Cannes geschmuggelten Films des in Iran inhaftierten Regisseurs Jafar Panahi erwartet; ein wichtiger Programmpunkt nach dem anderen.

Dabei hätte die um 13.15 Uhr von der Pressestelle per Mail verschickte Mitteilung eigentlich genug Schlagkraft gehabt, um den Flow des Festivals zu stoppen. Die Direktion des weltweit wichtigsten Filmfests hatte sich in einer am Vormittag einberufenen Sondersitzung dazu entschlossen, den Filmemacher Lars von Trier, 55, mit sofortiger Wirkung zu verbannen. Am Vortag hatte sich der für seine Provokationen berüchtigte Däne bei der Pressekonferenz für seinen im Wettbewerb gezeigten Film "Melancholia" in wirres Gerede über Adolf Hitler verstrickt, aus dem er sich scherzhaft mit den Worten "Okay, ich bin ein Nazi" befreien wollte. Das ging gründlich schief. Und Cannes hatte kurz vor Ende des Festivals einen echten Aufreger.

Dabei schienen sich noch am Mittwochabend bereits die Wogen geglättet zu haben: Das Festival distanzierte sich von den Äußerungen von Triers, der Regisseur zeigte sich reumütig und entschuldigte sich in einem offiziellen Statement. Am nächsten Morgen klapperten Branchenblätter und Zeitungen zwar noch einmal alles nach, doch allgemein herrschte die Meinung vor, mit der Entschuldigung von Triers habe sich die Angelegenheit erledigt. Völlig eindeutig, so die Ansicht vieler Kollegen in Cannes, dass sich der als Misanthrop bekannte von Trier sich zu einem - freilich missglückten - Scherz hatte hinreißen lassen. Vielleicht sogar, weil ihm die positive Reaktion der Presse auf seinen neuen Film gestört haben könnte, frei nach dem Motto: Wenn mein Film schon keinen Skandal auslöst, dann muss ich halt ran! Bereits im Vorwege hatte sich von Trier besorgt geäußert, dass ihm "Melancholia" vielleicht zu "poliert", zu wenig kontrovers geraten sei.

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Von Trier in Cannes: "Melancholia" und der Rauswurf
So löste die Nachricht vom Ausschluss des Filmemachers vor allem Erstaunen und Verwunderung aus. Gepaart mit dem Ärger darüber, dass der Nazi-Eklat nun einen der besten Filme Lars von Triers seit langem überschattet. Entsprechend äußerte sich auch Petra Müller, Geschäftsführerin der Filmstiftung NRW, die "Melancholia" mitfinanziert hat, zu SPIEGEL ONLINE: "Ohne Zweifel ist Lars von Trier mit 'Melancholia' ein Meisterwerk gelungen. Dass sein Film durch seine unbedachte Provokation bei der Pressekonferenz, für die er sich unmittelbar danach entschuldigt hat, Schaden nehmen soll, muss man sehr bedauern." Auch der dänische Kulturminister Per Stig Møller sagte in einem Rundfunkinterview: "Von Trier hat sich dämlich aufgeführt und sich dafür entschuldigt. Ich dachte, damit wäre die Sache erledigt, und so müsste es eigentlich auch sein."

Zwar bleibt der Film Teil des offiziellen Wettbewerbs um die Goldene Palme, Lars von Trier dürfe jedoch nicht an der Vergabezeremonie am Sonntag teilnehmen, sollte sein Film einen Preis gewinnen. Ob der Däne, der vor elf Jahren mit seinem Musical "Dancer In The Dark" den Hauptpreis des Festivals gewann und seitdem Stammgast in Cannes ist, nur für dieses Jahr zur unerwünschten Person erklärt wurde oder auch künftig nicht mehr eingeladen wird, ließen Festival-Präsident Gilles Jacob, der das Festival seit fast 30 Jahren leitet, und Programmchef Thierry Frémaux bei einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag offen. Auf jeden Fall dürfe der Regisseur das Palais bis zum Ende des Festivals nicht mehr betreten.

Schwein ja, Nazi nein

Jacob, 81, dessen Familie im Zweiten Weltkrieg vor den Nationalsozialisten fliehen musste, sagte zu der harschen, angeblich nicht einstimmig getroffenen Entscheidung, Lars von Triers Bemerkungen hätten "den Ruf des Festivals befleckt", eine Reaktion sei unvermeidlich gewesen. Es habe, so Jacob, auch die Überlegung gegeben, "Melancholia" aus dem Wettbewerb zu werfen, doch am Ende habe man sich entschieden "zwischen dem Werk und der Person zu unterscheiden". Die Jury solle "in aller Souveränität" über den Film urteilen und sich nicht von der Entscheidung beeindrucken lassen. Die Organisatoren des Festivals stünden "nicht im direkten Kontakt" mit dem Gremium, dem in diesem Jahr der US-Schauspieler Robert De Niro vorsitzt. Ob diese Trennung allerdings gelingt ist fraglich.

Programmchef Frémaux erklärte, Lars von Trier akzeptiere die Bestrafung und nehme zur Kenntnis, dass das Festival eine klare Position in dieser Angelegenheit einnehmen müsse. Der dpa sagte von Trier, sein Ausfall am Mittwoch sei "total schwachsinnig" gewesen. "Natürlich sympathisiere ich nicht mit Hitler. Ich mag ein Schwein sein, aber ein Nazi bin ich nicht."

Das hat ohnehin niemand in Cannes auch nur für einen Moment geglaubt. Ein Regisseur, der in seinen Filmen so vehement und schonungslos sein Innerstes nach Außen kehrt, hätte selbst latentesten Antisemitismus - ganz zu schweigen von Nazi-Sympathien - niemals so lange vor der Öffentlichkeit verbergen können.

"Das Festival", so hieß es am Mittag in der ersten kurzen Stellungnahme, biete Künstlern aus der ganzen Welt ein außergewöhnliches Forum, um ihr Werk zu präsentieren und die Freiheit der Kunst und des Ausdrucks zu verteidigen." Auf Basis dieses Credos hätte man sich natürlich auch dafür entscheiden können, sich schützend vor Lars von Trier und selbst seine schlimmsten Ausfälle zu stellen. Zumal mit Mel Gibson noch vor zwei Tagen ein durch antisemitische Äußerungen auffällig gewordener Hollywood-Star hier in Cannes begeistert über den roten Teppich gejubelt wurde - und über die immer wieder fragwürdigen Bemerkungen zum Nahost-Konflikt des Nouvelle-Vague-Idols Jean-Luc Godard beflissenes Schweigen ausgebreitet wird.

Von Trier aber scheint jegliche Toleranzgrenze dieses de facto liberalsten Forums der freien Rede überreizt zu haben. Man kann dem Festival Inkonsequenz vorwerfen. Man muss aber auch konstatieren, dass bei Hitler und Holocaust selbst im durch Skandalgewitter gestählten Cannes die Geschmacksgrenze überschritten worden ist. In Cannes rausgeworfen zu werden, muss man erst einmal schaffen. Stolz darauf sollte Lars von Trier nicht sein.

Mit Material von Reuters/dpa



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Thorbjoern, 20.05.2011
1. Aw:
Dümmliche Frotzeleien? Ich dachte, die korrekte Sprachregelung wären "krude Thesen"?
frubi 20.05.2011
2. .
Zitat von sysopWie? Was? Warum? Die meisten Besucher des Filmfestivals in Cannes wurden vom Ausschluss des Regisseurs Lars von Trier überrascht. Sie reagierten mit Bedauern und Verwunderung - zumal die Strafe für die dümmlichen Nazi-Frotzeleien des Dänen seltsam inkonsequent wirkt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,763704,00.html
Mich hat es gestern verstört, dass die Leute von der 3Sat Kulturzeit so hart mit ihm ins Gericht gegangen sind. Von Trier ist sicherlich kein Antisemit. Ansonsten würde sich keiner dieser Schauspieler an seine Seite stellen. Ich würde ihm raten, bei den nächsten Pressekonferenzen wieder die Fragesteller in die Enge zu treiben wie er es bei Antichrist schon gemacht hat. Diese Medienratten warten doch nur auf solche "Skandale" und verdrehen ihre Beiträge solange, bis ein Bild von Lars von Trier entsteht, dass ihm zu jemanden macht, der in Nazi-Bettlaken schläft und Morgens ein Hitler Portrait küsst.
alcudi, 20.05.2011
3. Richtig so
Er hat ja klar dargelegt, wie er wirklich tickt und denkt. Da war der Rauswurf das Mindeste. Sowas ist doch Wasser auf den Mühlen der hohlen Rechten. Man schaue sich mal den sehr guten Film "Die letzten Tage von Sophie Scholl" an, der aus Original-Mitschriften rekonstruiert wurde. Ein eher leiser Film, der aber im Gegensatz zu den amerikanischen Schrottfilmen wirklich überzeugt.
atherom 20.05.2011
4. "dumme Nazi-Frotzeleien"?
Zitat von sysopWie? Was? Warum? Die meisten Besucher des Filmfestivals in Cannes wurden vom Ausschluss des Regisseurs Lars von Trier überrascht. Sie reagierten mit Bedauern und Verwunderung - zumal die Strafe für die dümmlichen Nazi-Frotzeleien des Dänen seltsam inkonsequent wirkt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,763704,00.html
Warum wollen die s.g. Provokateure ihren Wunsch nach Provokation immer auf Kosten der Juden auskosten? Weil es nur wenige sind und allgemeiner Zuspruch sicher? Warum sagte er zum Beispiel nicht: ich bin Bin Laden? Oder Al Kaida? Er könnte auch etwas anderen Bereich anschneiden, aber da müsste er mit Ausschreitungen in großen Teilen der Welt rechnen und es wäre politisch höchstunkorrekt. Aber Juden? Israel? Was kann da schon passieren (ausser einem halbherzigen Ausschluss vom Festival und einer Lawine der Bedauernden...
biobanane 20.05.2011
5. .
Eigentlich ist doch gar nicht so falsch, was die Festivalsleitung da gamacht hat. Der Gute hat nunmal wirr auf einer Veranstaltung des Festivals geredet, nun gibt man ihm hierzu keine weitere Gelegenheit, indem man ihn nicht mehr offiziell auftreten lässt. Der Film ist weiter im Wettbewerb, und das sollte ja die Hauptsache eine Filmfestivals sein.
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