Kinothriller "El Clan" Ein mörderischer Familienbetrieb

Mama serviert den Sonntagsbraten, im Keller schreien die Entführungsopfer: Der Thriller "El Clan" erzählt von einem wahren Kriminalfall, der sich am Ende der argentinischen Militärdiktatur ereignete.


Die gemeinsten Brutalitäten und das freundlichste Liebesglück sind in "El Clan" oft nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt. Die Bilder zweier schöner junger Menschen, die sich im Auto beim ersten Sex vergnügen, schneidet der Regisseur Pablo Trapero zusammen mit Folterszenen, in denen das Opfer einer Entführung übel traktiert wird. Dazu lässt er eine Beatmusik den Takt vorgeben, die schon nostalgisch war zu der Zeit, in der dieser Film spielt. Das Argentinien der Achtzigerjahre, von dem "El Clan" erzählt, ist ein Land, das gerade aufwacht aus einer grausamen Diktatur. Zumindest in den Köpfen einiger älterer Menschen jedoch bleibt das Gesetz der schieren Barbarei weiter gültig.

Die Fassade der Familie Puccio, von der hier berichtet wird, sieht prächtig aus. Der knorrige ältere Herr Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) führt mit seiner Frau und seinen wohlgeratenen Kindern ein offenkundig braves Leben in einem netten Haus. Gemeinsam tafelt man einträchtig am Abendessenstisch, fast immer herrscht ein fürsorglicher, zärtlicher Ton. Nur dass sein erstgeborener Sohn Maguila vorübergehend nach Neuseeland verzogen ist, wurmt den Patriarchen.

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"El Clan": Don Corleones Bruder, Nichten und Neffen
Dafür ist nun der sonnige, schwarzgelockte Alex (Peter Lanzini), ein Rugby-Star und Mitglied der Nationalmannschaft, Papas rechte Hand. Bis Alex eines Tages Mónica (Stefanía Koessl) über den Weg läuft. Als Alex seinem alten Herrn davon erzählt, dass er Mónica heiraten will, erklärt ihn der Vater für komplett verrückt: Schließlich wird der Junge für den Fortgang des Familienbetriebs gebraucht - und der ist ein blutiges Geschäft.

Die Story von "El Clan" beruht auf einem wahren Kriminalfall. Regisseur Trapero und seine Co-Autoren Julian Loyola und Esteban Student aber erzählen keine biedere True-Crime-Geschichte, sondern legen einen Thriller voller Tempo, Musikbegeisterung und formalem Übermut vor. Exzessiv trumpft Trapero mit Gegenschnitten und Zeitsprüngen auf, während wir mehr und mehr in die Machenschaften des scheinbar so freundlichen Patriarchen Arquímedes und seiner Lieben eingeweiht werden.

Eine Diktatur geht zu Ende

Mit Hilfe von Alex wird einer seiner aus reichen Verhältnissen stammenden Rugby-Kumpanen gekidnappt. Im Haus der Puccios wird der Entführte so lange an ein Wasserrohr angekettet, bis das Lösegeld erpresst ist. Mit schreckgeweiteten Augen erfährt der offenkundig ahnungslose Alex in der Umkleidekabine der Rugbymannschaft, dass sein Kamerad entgegen der Absprache keineswegs freigelassen, sondern abgemurkst wurde. Wird er gegen den Mördervater rebellieren?

Der Film lässt den Zuschauer eine Weile glauben, dass es hier vor allem um den Konflikt zwischen Vater und Sohn gehe, um einen Kampf Alt gegen Jung. Überraschenderweise aber interessiert er sich dann für andere, scheinbar nebensächliche Dinge: für die Beziehungen zu den Mächtigen, deretwegen sich der Patriarch Arquímedes für unangreifbar hält; für die eher grobianische Technik, mit der im Familienbetrieb der Puccios gequält und gemordet wird; für die Annäherung der beiden Liebenden Alex und Mónica.

Er erzähle "eine universelle Geschichte, die nichts mit der Zeit zu tun hat, in der sie spielt", hat Trapero behauptet. Tatsächlich ist das Gegenteil wahr. "El Clan" erinnert drastisch an die Verbrechen der Militärs, die sich 1976 in Argentinien an die Macht putschten und mindestens 30.000 Menschen verschleppten, folterten und ermordeten. Die USA und viele westliche Regierungen unternahmen nichts gegen den staatlichen Terror, zu dessen willigen Vollstreckern Arquímedes Puccio gehörte. Im Film sieht man auf einem Fernsehschirm, wie die Herren der Militärdiktatur 1983 schließlich abdanken mussten, nachdem sie einen absurden Operettenkrieg gegen Großbritannien geführt hatten, im Streit um die vor Argentinien gelegenen Falklandinseln.

Nach archaischen Gesetzen

Am Ende des Films blendet Trapero ein paar Schrifttafeln ein, um zu erzählen, was aus den realen Mitgliedern des Pucchio-Clans nach der Aufdeckung der Verbrechen wurde. Alex Puccio, verurteilt zu lebenslanger Haft, starb 2008 in Alter von 49 Jahren im Knast. Sein Vater Arquímedes, gleichfalls zu lebenslang verurteilt, wurde 2008 entlassen und arbeitete bis zu seinem Tod mit 84 Jahren als Anwalt. Er hatte im Gefängnis Jura studiert und stritt zeitlebens jegliche Beteiligung an den ihm vorgeworfenen Taten ab. Die Frauen des Clans kamen ohne jede Verurteilung davon.

"El Clan" zeichnet die Spuren dieser Geschichte nach und nähert sich den Figuren mit einer irritierenden Unbekümmertheit. Er habe herausfinden wollen, welche Sorte Menschen die Puccios waren, sagt Pablo Trapero. Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde sein Film zu Recht mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Mit kühler Neugier zeigt er die Rituale einer Familie, deren Oberhaupt nach archaischen Gesetzen zu handeln glaubt.

"Du darfst einen Menschen, der nicht zur Familie gehört, niemals merken lassen, was du denkst", heißt es in Francis Ford Coppolas Mafiaklassiker "Der Pate". Arquímedes, der argentinische Standesbruder von Coppolas Don Corleone, denkt genauso - und schafft es doch, die Zuschauer fast zu Komplizen zu machen in den Machenschaften der ehrenwerten Familie Puccio.

Im Video: Der Trailer zu "El Clan"

El Clan

Argentinien, Spanien 2015

Regie: Pablo Trapero

Drehbuch: Pablo Trapero, Esteban Student, Julian Loyola

Darsteller: Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich, Gastón Cocchiarale, Giselle Motta, Franco Masini, Antonia Bengoechea, Stefanía Koessl

Produktion: Sebastián Orgambide

Verleih: Prokino

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Start: 3. März 2016

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