Elvis-Doku "The King" Unterwegs zu einem Traum

In "The King" wird Regisseur Eugene Jarecki zum Chauffeur und fährt mit Fans von Elvis Presley durch die USA - auf der Suche nach dem Rock'n'Roll-Mythos, aber auch nach den Resten des "American Dream".

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Große Emotionen von Beginn an: "Der König ist fort, aber nicht vergessen", singt der Songwriter und Gitarrist John Hiatt versonnen vor sich hin und bricht kurz darauf in Tränen aus. Er sitzt im Fond des berühmten Rolls Royce von Elvis Presley, und der Ort überwältigt ihn plötzlich.

John Hiatts Auftritt ist einer der ersten in Eugene Jareckis eigenwilligem Dokumentarfilm "The King" über Elvis Presley, der den Regisseur und Autor quer durch die USA und ebenso durch Elvis' Leben führt. Ein Film über die Tücken von Mythen und Symbolen. Der Film lief unter dem Titel "Promised Land" bereits in Cannes und beim Hamburger Filmfest. Doch der Regisseur nahm ihn sich trotz guter Resonanz noch einmal vor und präsentiert ihn nun in neuer Schnittfassung.

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The King: Von Tupelo nach Las Vegas

Der größte Mythos, den Eugene Jarecki in seiner Elvis-Doku zitiert, ist der vom "American Dream": ein Topos, ein Versprechen, das Leitbild einer ganzen Kultur, dessen Wurzeln bis in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung reichen. Schlicht gesagt: Jeder kann es schaffen, wohlhabend, glücklich und zufrieden zu leben, wenn er nur hart genug dafür arbeitet.

Der Regisseur als Chauffeur

Eugene Jarecki wurde entdeckt und gefördert vom Regisseur Melvin Van Peebles, und mit 21 Jahren wurde sein Kurzfilm "Season of the Lifterbees" als Beitrag zum Sundance Film Festival ausgewählt. Als ob Jarecki dieses Bonmot über den amerikanischen Traum illustrieren wollte, startete er seinen neuen Film als typischen Roadtrip, als Suche nach Elvis, nach seinen Wurzeln, den Stationen von Leben und Karriere.

Er selbst trieb den historischen Rolls-Royce auf, und er machte höchstpersönlich den Chauffeur für seine prominenten Gesprächspartner wie für Elvis' Weggefährten und zufällige Interviewpartner, die er häufig im Zuge der Reise traf. Dass dies ganz nebenbei zu einer Suche nach den USA wurde, ergab sich fast zwangsläufig: Die Dreharbeiten fanden während des Präsidentschaftswahlkampfes 2016 statt, dessen Sieger Donald Trump die Welt seither in Atem hält.

Jarecki verzichtete auf die Wahl eines Cadillacs für diese Forschungsreise (immerhin hatte Elvis Presley während seiner Karriere rund 400 Exemplare davon erworben), denn der historische Rolls-Royce repräsentierte Elvis' Alleinstellung unter den Popstars seiner Zeit viel deutlicher. Schließlich ist der junge Musiker aus Tupelo/Mississippi einer der ersten, der Rock'n'Roll zum Massenphänomen macht: Die Single "It's Alright, Mama" auf Sun Records, der Weg nach Nashville, schließlich Las Vegas - die Geschichte ist bekannt. Der Erzählansatz aber, den Eugene Jarecki wählt, bringt sie anschaulich auf den Punkt.


"The King"'
Deutschland, USA 2018
Regie: Eugene Jarecki
Drehbuch: Eugene Jarecki, Christopher St. John
Darsteller: Alec Baldwin, Tony Brown, James Carville u.v.m.
Produktion: Charlotte Street Films, Ghost In The Machine Films, Backup Media
Verleih: Arsenal Filmverleih
Länge: 107 Minuten
Start: 19. April 2018


Neben Singer/Songwriter-Stars wie eben John Hiatt, jugendlichen Absolventen der Stax Academy in Memphis oder der grandiosen Hillbilly-Vokalisten Emi Sunshine nehmen im Fond des Rolls auch Fans wie Ethan Hawke, Alec Baldwin, Ashton Kutcher oder Emmylou Harris Platz. Allesamt erzählen sie sehr persönlich über Elvis, die USA, sich selbst. Allein Ethan Hawkes Minivorträge lohnen in ihrer Lakonie den Film-Trip. Nie zu lang, immer pointiert, dem Schwung der Reise entsprechend.

Das gelingt, weil Regisseur Jarecki stets den Rhythmus seines Films im Blick behält. Selbst die verschiedenen Pannen des Oldie-Autos fügen sich dramaturgisch als wohl platzierte Bruchstellen ein. Und immer wieder blitzen illustrative Wahlkampfsequenzen auf.

Scharfe Kritik von Chuck D.

Scharf kontrastiert wird die Mythensuche mit kritischen Statements wie denen von Carlton Ridenhour alias Chuck D., Mitglied der Hip-Hop-Truppe Public Enemy, der den Vorwurf des Diebstahls der schwarzen Musikkultur durch Elvis Presley & Co. formuliert und zu Recht auf ebenso prägende, parallel aktive Rock-Genies wie Chuck Berry, Little Richard oder Fats Domino verweist. Beispiele für seine Thesen gibt es zuhauf: "Hound Dog" wurde für die Bluessängerin Big Mama Thornton geschrieben, aber Elvis hatte den breiten Erfolg damit.

Solche Rückschläge muss schließlich auch Elvis erleben: Obwohl er der König ist, schrumpft sein Reich, als die Beatles die USA erobern und mehr Mädchen in die Ohnmacht überführen, als es Elvis je gelungen ist. Zwar äußert John Lennon im Interview seine Bewunderung für ihn, aber Mitte der Sechzigerjahre war der Stern des Kings schwer im Sinken.

Das legendäre NBC-TV-Special von 1968 mit Elvis im eng geschnittenen Leder-Anzug, markierte ein Comeback - doch es ist nur vorübergehend. Am Ende steht der letzte Auftritt des angeschlagenen Stars in Las Vegas. Elvis singt "Unchained Melody" von den Righteous Brothers, und es klingt wie sein Totenlied. Seinen Tod spart Eugene Jarecki in diesem berührenden Film aus. Der Las-Vegas-Spot wird zum Abschied des bereits ermüdeten Königs, der 1977 verstarb. Kurz darauf schossen seine Plattenverkäufe wieder in ungeahnte Höhen. That's show business.

Im Video: Der Trailer zu "The King"

arsenal filmverleih

Anm. d. Redaktion: In einer früheren Version schrieben wir, dass das Live-Special "Aloha from Hawaii" 1968 ausgestrahlt wurde. Richtig ist 1973. Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
kajoter 21.04.2018
1. Ein Rätsel
Wieso nannte und nennt man ihn den "King"? Es ist mir ein totales Rätsel. Er war ein totaler, musikalischer Autodidakt und seine Stimme war zwar für Rock´n Roll und seine schmalzigen Balladen gut geeignet, aber sicher nicht einzigartig. Jerry Lee Lewis und andere Rock´n Roller konnten da durchaus mithalten. Elvis konnte keine eigenen Songs schreiben, die Auftritte seiner ersten Jahre waren prollig und eigentlich war er sowieso nur ein Trittbrettfahrer auf einem Zug, der von Schwarzen in Bewegung gesetzt wurde. Wenn ich mir seine bedingungslose Hinwendung zur kommerziellen Vermarktung anschaue - oder seine Protzerei, seinen Lebensstil inclusive riesiger Villa, diverser Luxusautos und Fast Food, dann war er wohl eher eine Projektionsfläche für den weißen Südstaatler mitsamt seinem gesamten Wertekanon - falls man das überhaupt so nennen darf. Und dann seine furchtbaren Filme und noch weitergehend seine Las Vegas Shows - sie spiegeln nichts anderes als die amerikanische, weiße Dekadenz der 60-er und 70-er Jahre wieder. John Lennon hätte das Publikum dabei von der Bühne wahrscheinlich nicht zum Klunker-Rasseln, aber zumindest zum rhythmischen Mitschmatzen aufgefordert. Elvis aber war für derartige Aussagen und der hinter ihnen stehenden Reflexion des eigenen Handelns und der dadurch entstandenen Situation nicht bright genug. Und dann dieses entsetzliche Bild eines Machos, quasi manifestiert durch ein groteskes Bühnen-Outfit. War das der Traum der amerikanischen Frauen? Oder das Vorbild ihrer Männer? |: Tutti frutti, oh rutti :| 4x Wop bop a loo bop a lop ba ba! Das könnte für die gesamte inhaltliche Aussage seiner Musik stehen. und genau diese völlige Belang- und Inhaltslosigkeit ist eben eines der Erfolgsrezepte bei der breiten Masse. Daher ist der Begriff "King" eben doch erklärbar.
hexenbesen.65 21.04.2018
2.
Zitat von kajoterWieso nannte und nennt man ihn den "King"? Es ist mir ein totales Rätsel. Er war ein totaler, musikalischer Autodidakt und seine Stimme war zwar für Rock´n Roll und seine schmalzigen Balladen gut geeignet, aber sicher nicht einzigartig. Jerry Lee Lewis und andere Rock´n Roller konnten da durchaus mithalten. Elvis konnte keine eigenen Songs schreiben, die Auftritte seiner ersten Jahre waren prollig und eigentlich war er sowieso nur ein Trittbrettfahrer auf einem Zug, der von Schwarzen in Bewegung gesetzt wurde. Wenn ich mir seine bedingungslose Hinwendung zur kommerziellen Vermarktung anschaue - oder seine Protzerei, seinen Lebensstil inclusive riesiger Villa, diverser Luxusautos und Fast Food, dann war er wohl eher eine Projektionsfläche für den weißen Südstaatler mitsamt seinem gesamten Wertekanon - falls man das überhaupt so nennen darf. Und dann seine furchtbaren Filme und noch weitergehend seine Las Vegas Shows - sie spiegeln nichts anderes als die amerikanische, weiße Dekadenz der 60-er und 70-er Jahre wieder. John Lennon hätte das Publikum dabei von der Bühne wahrscheinlich nicht zum Klunker-Rasseln, aber zumindest zum rhythmischen Mitschmatzen aufgefordert. Elvis aber war für derartige Aussagen und der hinter ihnen stehenden Reflexion des eigenen Handelns und der dadurch entstandenen Situation nicht bright genug. Und dann dieses entsetzliche Bild eines Machos, quasi manifestiert durch ein groteskes Bühnen-Outfit. War das der Traum der amerikanischen Frauen? Oder das Vorbild ihrer Männer? |: Tutti frutti, oh rutti :| 4x Wop bop a loo bop a lop ba ba! Das könnte für die gesamte inhaltliche Aussage seiner Musik stehen. und genau diese völlige Belang- und Inhaltslosigkeit ist eben eines der Erfolgsrezepte bei der breiten Masse. Daher ist der Begriff "King" eben doch erklärbar.
An ihrem Beitrag merkt man, dass Sie sich nicht auskennen. Elvis war damals der erste weiße Sänger, der sich in diese Richtung wagte. Und die "grotestken Outfits"--das waren die 60er / 70er Jahre, da war das modern. John Lennon war zb eine spätere Generation, von Elvis geebnet...Sonst würden wir heute noch Dicke-Backen-Blasmusik hören. Und da er damals deswegen berühmt wurde, wurde er der "King" genannt...so wie Michael Jackson (der übrigends auch "groteste Outfits" trug) Kind of Pop genannt wurde. Oder Madonna (ihre Klamotten---ui...) Queen of Pop. JLo "Queen of Latino-Pop" usw... Am Schluß war Elvis sogar einige seiner Lieder (und übrigens seine Schmacht-Filme) über...deswegen trat er "nur" noch in Las Vegas auf.
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