Ian-McEwan-Verfilmung "Kindeswohl" Bis aufs Blut

Darf man einem todkranken 17-Jährigen verweigern, über sein Leben zu bestimmen? Das britische Kinodrama "Kindeswohl" schickt Emma Thompson als Familienrichterin an rechtliche und menschliche Abgründe.

Concorde

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Fiona Maye ist so sehr damit beschäftigt, das Leben fremder Menschen in die richtige Bahn zu lenken, dass sie erst nicht merkt, wie ihr das eigene entgleitet. Als Familienrichterin am Obersten Gerichtshof in London entscheidet sie über und für jene, die am wenigsten für sich sprechen können, die Kinder. Darin ist sie gut, sie hat immer eine Antwort. Nur als ihr Mann eine Affäre ankündigt, da fällt ihr nichts ein.

Er brauche körperliche Nähe, sagt er, und die lasse sie nicht mehr zu. Es zieht ihr den Boden weg. Wie viel Lust auf körperliche Nähe kann man haben, wenn man etwa über die Trennung siamesischer Zwillinge bestimmen soll und weiß, dass eins der Kinder dabei sterben wird? Sie kann und will sich nicht auch noch mit ihren privaten Problemen beschäftigen.

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Filmdrama "Kindeswohl": Kein Mal mit Gefühl

Insofern kommt ihr der nächste Fall ganz gelegen, etwas Großes, die Zeitungen schreiben darüber: Ein Krankenhaus klagt auf das Recht, einem 17-jährigen Leukämie-Patienten mit einer Bluttransfusion das Leben zu retten. Doch der Junge will das nicht. Als Zeuge Jehovas glaubt er, dass im Blut die Seele eines Menschen liege, deswegen dürfe man es niemals mit fremdem Blut verunreinigen. Er sieht sein Leben in Gottes Hand. Tatsächlich liegt es nun in den Händen Fiona Mayes.

"Kindeswohl" vom britischen Regisseur Richard Eyre ("Tagebuch eines Skandals") ist ein Film über eine intelligente, erwachsene Frau, gemacht für intelligente, erwachsene Menschen - und als solcher schon so selten in unserer von Comicverfilmungen, Brachialkomödien und Fortsetzungs-Spektakeln eroberten Welt, dass man sich fast bedanken möchte, dass es ihn überhaupt gibt.

Abgeschirmte Gefühlswelt

Und wenn man schon dabei ist, kann man sich auch gleich bei Emma Thompson bedanken. Denn die sorgt als Fiona Maye fast im Alleingang dafür, dass aus einer interessanten Idee ein sehenswerter Film wird.

Es ist eine komplizierte Rolle, schwer mit Leben zu füllen: eine Person, die es als ihre Pflicht ansieht, ihre Gefühlswelt vor der Welt abzuschirmen, die keine Emotionen erkennen lassen darf. Aber die Idealistin, die ihr Innerstes von Berufs oder Status wegen zu unterdrücken weiß, kann Emma Thompson spielen wie keine andere - ob in "Wiedersehen in Howard's Ende", für den sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin bekam; in "Sinn und Sinnlichkeit", für den sie auch das Oscar-gekrönte Drehbuch schrieb; in "Was vom Tage übrig lieb", für den sie jeden Oscar der Welt verdient hätte.


"Kindeswohl"
Originaltitel: "The Children Act"
Großbritannien 2017
Regie: Richard Eyre
Drehbuch: Ian McEwan

Darsteller: Emma Thompson, Fionn Whitehead, Stanley Tucci, Jason Watkins, Ben Chaplin
Verleih: Concorde
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 30. August 2018


Letzter ist "Kindeswohl" vielleicht am nächsten. War Thompson in "Was vom Tage übrig blieb" die unbedingt loyale Hausdienerin ohne Chance auf persönliches Glück, ist sie hier eine Dienerin des Staates, verdammt dazu, das Wohl anderer über ihr eigenes zu stellen. Denn als Richterin darf sie natürlich keine Wahl haben: Der Junge ist gerade noch minderjährig, das Gesetz verlangt, sein Leben zu schützen. Auch wenn er selbst und seine Eltern die rettende Behandlung ablehnen. Trotzdem will Maye den Jungen im Krankenhaus besuchen und mit ihm sprechen, bevor sie ihr Urteil fällt.

Sie trifft auf einen sensiblen, hochintelligenten jungen Mann (Fionn Whitehead, "Dunkirk"), keinen gesteuerten Fanatiker. Jemandem, dem man eigentlich zutraut, über sein Leben zu bestimmen. Der davon überzeugt ist, seine Seele zu verlieren, wenn das Krankenhaus den Prozess gewinnt. Was für ein Leben hat dieser Mensch vor sich, wenn man es rettet?

Göttin ersetzt Gott

Thompson manövriert den Film sicher durch die moralischen Abgründe des Rechts und der menschlichen Seele, auch wenn das Drehbuch von Ian McEwan (nach seinem eigenen Roman) auf all die komplexen Fragen manchmal nur eher banale Antworten parat hat. So wird die selbst gewählte Kinderlosigkeit der Richterin zum Schlüssel zu ihrer zerrissenen Persönlichkeit hochgeschliffen; so kompensiert der Junge die Abkehr von seinem Gott mit einer Besessenheit gegenüber der gottgleichen Richterin. Dem Jungen kommt man dabei nie wirklich nah. Und von dem großartigen Stanley Tucci als Mayes Ehemann ist so wenig zu sehen, dass man fast vergisst, dass er dabei ist.

Doch dann gibt es diese eine Szene gegen Ende des Films, eine Weihnachtsfeier. Fiona Maye sitzt am Klavier und singt ein altes Lied, mit einem Text von William Butler Yeats. Und für einen Moment legt diese kompromisslos Verschlossene doch noch ihr Innerstes frei, all die Wut und die Trauer und die Sehnsucht. Es ist einer dieser Momente, in denen alles still steht.

Ein echter Emma-Thompson-Moment.

Im Video: Der Trailer zu "Kindeswohl"

Concorde
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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
calinda.b 30.08.2018
1. Who cares
Wenn die Leute mit ihrem unsichtbaren Freund jetzt keine Bluttransfusion, Organe oder Impfungen haben wollen dann müssen sie mit dem Resultat leben. Nur bei den Impfungen sollte man hart bleiben, die setzen unser Leben mit aufs Spiel.
athanasia 31.08.2018
2.
Das Buch war jedenfalls wirklich gut. Ich bin gespannt, weil ich eigentlich denke, dass in Ian McEwans Büchern so viel menschliches Innenleben beschrieben ist, dass es nur sehr schwer in einen Film umsetzbar ist.
hjcatlaw 31.08.2018
3. Ob die Literaturvorlage
erfolgreich umgesetzt worden ist oder nicht, spielt bei diesem Film keine Rolle. Der Film ist schon alleine wegen der grossartigen Emma Thompson sehenswert. Die anderen Schauspieler dieses Films liefern gleichermaßen Höchstleistungen ab. Auch die Photographie ist absolut sehenswert. Allein die die Schlussszene auf dem Friedhof ist so eindringlich ins Bild gesetzt, dass man gar nicht genug bekommt von der Ästetik dieses Films.
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