Endzeit-Vision "I Am Legend": Schäferhund-Stündchen mit Will Smith

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Menschenleere Straßenschluchten, marodierende Mutanten-Banden: In "I Am Legend" ist New York faszinierender Schauplatz einer Endzeit-Vision, wie sie das Kino noch nicht gesehen hat. Will Smith und ein Schäferhund brillieren als letzte Überlebende der Zivilisation.

Eines sei gleich gesagt: "I Am Legend" ist ein Film mit atemberaubenden Bildern, einem glänzenden Hauptdarsteller und einer grandiosen Geschichte, die nicht umsonst bereits zum dritten Mal fürs Kino adaptiert wurde. Allerdings gelten all diese Attribute nur für die Hälfte des Films, aber dazu später mehr.

Smith und Schäferhund im post-apokalyptischen New York: Endlich allein
Warner Bros.

Smith und Schäferhund im post-apokalyptischen New York: Endlich allein

Zunächst fängt alles gut an: "I Am Legend" basiert auf dem tatsächlich legendären Endzeitroman gleichen Namens, den der amerikanische Schriftsteller Richard Matheson 1954 veröffentlichte. Das Buch erzählt die Geschichte des Wissenschaftlers Robert Neville, der als einziger Überlebender einer biologischen Seuche durch das verlassene Los Angeles streift und sich mit einer Überzahl mutierter, Vampir-artiger Geschöpfe herumplagt, die in ihm ein Monster sehen. Stephen King sagte einmal, dass er ohne Mathesons Buch nie mit dem Schreiben angefangen hätte.

So nimmt es kaum Wunder, dass "I Am Legend" bereits mehrfach für die Leinwand adaptiert wurde. Vincent Price mimte Neville in einer 1964 gedrehten italienischen Produktion; Charlton Heston rauschte 1971 in Boris Sagals "Der Omega Mann" als dekadenter Großwildjäger im Straßenkreuzer durch das entvölkerte L.A. und ballerte auf fiebrig-religiöse Kapuzenmänner.

Jetzt bringt der junge Musikvideo-Filmer und "Constantine"-Regisseur Francis Lawrence den Science-Fiction-Stoff mit Will Smith in der Hauptrolle erneut ins Kino. Der Film hat in den USA seit seinem Start Ende Dezember bereits mehr als 200 Millionen Dollar umgesetzt.

Lawrence verlegte die Handlung seines Films von der Westküste nach New York und drehte an Original-Schauplätzen, was den Bildern eine ungeheure Wucht verleiht. Anders als andere Kino-Apokalyptiker verzichteten Lawrence und Cinematographer Andrew Lesnie ("King Kong", "Herr der Ringe") darauf, die Szenerie in düstere Blautöne zu tauchen. Wenn Will Smith zu Beginn des Films mit einem knallroten Ford Mustang durch die leeren Streets und Avenues donnert, dann beherrschen die sanften, goldenen Farben eines typischen New Yorker Spätsommer-Nachmittags das Bild.

Das ist ein irritierender und daher sehr effektvoller Kunstgriff: Endlich mal allein sein in dieser ansonsten immer lauten, immer übervölkerten, ständig pulsierenden Megacity; endlich mal tun und lassen, was man will, ob nun Rotwild jagen auf der Park Avenue oder Mais ernten im verwilderten Central Park. Auch diese Lesart lässt die Eröffnungs-Sequenz von "I Am Legend" zu: Die Endzeit-Vision als Aufatmen einer von der Zivilisation erdrückten Natur. Dank digitaler Technik sprießen die Pflanzen und Bäume überall aus dem Asphalt, Löwen bevölkern den Times Square, wo sonst das pralle menschliche Leben tobte.

Die Ursache für so viel Ruhe und scheinbare Harmonie ist natürlich verheerend: Drei Jahre zuvor wurde die Menschheit von einem Virus hingerichtet, der ursprünglich als krebsheilende Impfung im Labor entwickelt worden war - von Robert Neville und seinem Team. Der Wissenschaftler selbst ist immun gegen die selbst erfundene Seuche und verharrt nun an dem Ort, an dem alles seinen Anfang nahm, dem "Ground Zero" der Epidemie, wie es im Film vieldeutig heißt, um ein Gegenmittel zu finden.

Der Film beschreibt akribisch Nevilles Alltag: Wie er mit seiner entzückenden Schäferhündin Sam ein Schaumbad nimmt und ihr dabei Bob Marleys beruhigenden Refrain "Everything's Gonna Be Alright" vorsingt, oder wie er Golfbälle von der Tragfläche eines Düsenjets auf dem Deck des vor sich hin rostenden Flugzeugsträgers "Intrepid" schlägt. Smith, der hier in einer für ihn ungewohnten ernsten Rolle zu sehen ist, schafft es, seinem Charakter Tiefe zu verleihen und dadurch den ganzen Film zum Leben zu erwecken. Die Kamera verharrt oft einfach nur auf seinem Gesicht, wo sich Einsamkeit, Verzweiflung, beginnender Wahnsinn und letzter Hoffnungsschimmer eindrucksvoll abbilden.

I Am Legend
(USA 2007)
Regie: Francis Lawrence
Buch: Akiva Goldsman, Mark Protosevich, Richard Matheson (Roman)
Darsteller: Will Smith, Alice Braga, Charlie Tahan
Produktion: Warner Bros., Village Roadshow Pictures, Weed Road
Verleih: Warner
Laufzeit:100 Minuten
Start: 10. Januar 2008

offizielle Website
Um nicht durchzudrehen als letzter Mensch auf Erden, schafft sich Neville seine Routinen, verschanzt sich in seinem noblen Wohnhaus am Washington Square, leiht sich jeden Tag eine neue DVD aus der Videothek aus, wo er Schaufensterpuppen so aufgestellt hat, dass sie wie andere Kunden wirken. Wochenlang drückt er sich sehr rührend darum herum, das eine weibliche Plastik-Mannequin endlich um ein Date zu bitten. US-Kritiker machten sich darüber lustig, dass Smith über weite Strecken des Films nur mit seinem Hund redet, doch gerade das innige Verhältnis zwischen Mensch und Tier, das Zusammenrücken der Spezies in Zeiten der Not, verleiht "I Am Legend" die entscheidende Note der emotionalen Tiefe, die man in vergleichbaren Filmen des Genres oft vergeblich sucht.

Mit den Monstern kommt dann die Krise: Die Überlebenden der Katastrophe gibt es auch in dieser Version des Matheson-Stoffes. Sie sind fahl, kahlköpfig und leider sehr schlecht animiert. In schöner Regelmäßigkeit fängt Neville einen der Mutanten, die wie Kreuzungen aus Vampir und Zombie wirken, und testet an ihnen ein neues Serum - ohne Erfolg. Mit wachsender Resignation konstatiert er in seinen Aufzeichnungen, dass der Anteil menschlicher Regungen der Nachtgeschöpfe immer mehr abnimmt. Als er jedoch ein Weibchen kidnappt und in sein Labor verschleppt, bekommt er es mit dem einem doch recht cleveren Zombie-Anführer zu tun, der seinen Widersacher mit seiner eigenen Fallen-Konstruktion aufs Kreuz legt.

An diesem Punkt kippt der bis dato wundersam meditative Film in einen eher konventionellen Blockbuster mit allen Explosionen, schnellen Schnitten und gehetzten Kamerafahrten, die nun einmal dazu gehören. Nicht nur viele Zwischentöne gehen dabei verschütt, auch ideologisch driftet "I Am Legend" in eine Richtung, die den aufklärerischen Geist der Siebziger-Jahre-Dystopien ins Gegenteil verkehrt. Die Hybris des Menschen, sich mittels Wissenschaft zum Herren über Leben und Tod zu erheben, wird mit geradezu biblischer Ausrottung bestraft.

Nevilles Position ist ein verlorener Posten, das wird auch deutlich, als mit der Lateinamerikanerin Anna (Alice Braga) und dem blonden Buben Ethan plötzlich doch noch gesunde Überlebende auftauchen. Das Happy End scheint zum Greifen nah, die Gründung einer neuen, multiethnischen Menschheit taucht am Horizont auf, um gleich darauf wieder einkassiert zu werden. Denn zwischen dem religiösen Wahn göttlicher Vorhersehung, dem Anna anheim gefallen ist, und dem nicht minder verbissenen Glauben Nevilles an die Segnungen der Technik gibt es keinen Konsens.

Überleben darf nur, wer die Führung durch Gottes Hand demütig akzeptiert - das ist ein ganz schön reaktionäres Konzept, das auch in hochdekorierten Dramen wie "L.A. Crash" (2004) schon deutlich hervortrat. Angesichts der fundamentalistischen Bedrohung aus der islamischen Welt flüchtet sich auch Hollywood immer öfter in den warmen Schoß der Gottesfurcht. "Omega-Mann", übernehmen Sie!

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