Von David Kleingers
Der lautstarke Verzehr von Nahrungsmitteln im Kino ist ja nicht unbedingt dem Filmgenuss zuträglich. Aber wenn es partout nicht ohne Essen und Trinken geht, dann sollten im Fall von "Die Frau in Schwarz" statt Popcorn und einem Literkübel Limonade doch wenigstens eine gepflegte Tasse Earl-Grey-Tee und Kresse-Sandwiches gereicht werden. Denn der Film von James Watkins ist ein englisches Schauerstück, das mit reichlich Kulissenzauber altmodischen Wohlfühlgrusel verbreitet.
Die Verfilmung des gleichnamigen, 1983 erschienenen Romans von Susan Hill ist der erste große Kinoauftritt von Jungstar Daniel Radcliffe in der Post-Harry-Potter-Phase. Radcliffe spielt den Londoner Rechtsanwalt Arthur Kipps, der Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem Schicksal hadert: Vor drei Jahren verstarb seine Frau bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes Edward, und seitdem kommt der schwermütige Jurist weder privat noch beruflich auf die Beine. Als letzte Chance schickt ihn sein Arbeitgeber daher auf Dienstreise in den kleinen Küstenort Crythin Gifford. Dort soll er den Nachlass der verstorbenen Alice Drablow regeln.
Doch kaum ist Kipps in dem kargen Landstrich angekommen, macht die Dorfbevölkerung ihm deutlich, dass sein Besuch alles andere als willkommen ist. Und schon gar nicht will man ihm helfen, nach Eel Marsh House zu gelangen, dem einsam auf einer Anhöhe im Watt gelegenen Anwesen der Dahingeschiedenen. Schließlich kann Kipps doch einen Kutscher bestechen, der ihn bei Ebbe zum verlassenen Herrschaftshaus mitsamt seinem eigenen Friedhof fährt.
Zurück im Ort will Kipps seine unheimliche Begegnung bei der Polizei melden, als er unvermittelt Zeuge des tragischen Tods eines kleinen Mädchens wird. Die Dörfler machen Kipps für das Unglück verantwortlich, denn mit seinem Eindringen ins Eel Marsh House habe er einen alten Fluch heraufbeschworen: Immer wenn jemand die Frau in Schwarz sähe, würde danach ein Kind sterben. Um dem Einhalt zu gebieten, will man den Fremden auf schnellstem Weg zurück in die Stadt schicken.
Doch in dem weltmännischen Gutsbesitzer Sam Daily (Ciarán Hinds) findet Kipps einen hilfsbereiten Verbündeten. Daily, dessen eigener Sohn ebenfalls im Kindesalter verstarb, will der seiner Überzeugung nach rückständigen Bevölkerung den vermeintlichen Aberglauben austreiben. Mit seiner Unterstützung gelangt Kipps zurück zum Anwesen, wo er den Ursprung der Vorkommnisse vermutet. Bei nächtlichen Recherchen stößt er auf ein dunkles Familiengeheimnis. Aber je tiefer Kipps in die Geschichte der Frau in Schwarz eintaucht, umso mehr häufen sich die rational nicht mehr zu erklärenden Phänomene.
Angst haben und Tee trinken
2008 präsentierte Regisseur James Watkins mit "Eden Lake" einen nervenzerrenden und fest in der Gegenwart verankerten Horrorfilm über ein britisches Pärchen, das bei einer Landpartie von einer Gruppe willkürlich marodierender Jugendlicher drangsaliert wird. Von solch düsteren Alltagsschrecken liegt "Die Frau in Schwarz" natürlich mehrere Kunstnebelbänke entfernt.
Hier knarzen die Eichendielen, flackert das Kerzenlicht und dräut der übersinnliche Budenzauber, dass es nur so eine nostalgische Wiedersehensfreude ist. Da passt es, dass der Film unter dem Banner der wiederbelebten Produktionsfirma Hammer gedreht wurde, stand die Marke in den fünfziger und sechziger Jahren doch für farbenfrohes Genrekino aus Großbritannien.
Im vergangenen Jahrzehnt hatte das japanische Horrorkino mit Filmen wie "Ringu" und "Ju-On-The Grudge" das Motiv des rachsüchtigen Geists für die postindustrielle Kommunikationsgesellschaft neu erfunden. Watkins' stimmige Inszenierung importiert nun ein wenig J-Horror zurück in eine klassische viktorianische Spukgeschichte.
Zu deren Regeln gehört es, dass Menschen in von bösen Flüchen heimgesuchten Gegenden alles dürfen - nur nicht wegziehen. Ob es an der tollen Seeluft oder den günstigen Grundstückspreisen liegt, die Bewohner von Crythin Gifford machen jedenfalls trotz der kapitalen Sterberate keine Anstalten, ihr Dorf zu verlassen.
Aber Logik kann und sollte kein Kriterium sein, wenn es um ein möglichst effektvolles Crescendo der Schreckmomente geht. Und das funktioniert tadellos, zumal Daniel Radcliffe als Harry Potter gelernt hat, wie man seine Szenen gegenüber noch unsichtbaren Special Effects spielt.
Zudem ist es nach den vielen rumpeligen "Found footage"- und "Point-of-view"- Horrorfilmen der jüngeren Vergangenheit ganz erfrischend, wenn die Kamera mal wieder auf Schienen gesetzt wird und in Plansequenzen durch dunkle Flure gleitet oder sich über gerade auferstehenden Moorleichen in die Höhe schraubt.
Als rühriger Old-School-Grusel bietet "Die Frau ins Schwarz" somit die willkommene Gelegenheit, sich entspannt zurückgelehnt ein bisschen Angst einjagen zu lassen. Dabei kann man nett Tee trinken und auf den nächsten, wirklich erschütternden Horrorfilm warten.
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