"Enigma": Der Thrill der Arithmetik

Von Oliver Hüttmann

Der britische Regisseur Michael Apted hat aus Robert Harris' Roman über die sagenumwobene deutsche Chiffriermaschine Enigma einen angemessen vertrackten und spannenden Spionagekrimi gemacht.

"Enigma"-Darsteller Scott, Winslet: Dem Geheimnis mit kühler Logik auf der Spur
DDP

"Enigma"-Darsteller Scott, Winslet: Dem Geheimnis mit kühler Logik auf der Spur

Er könne keine Kreuzworträtsel lösen, erklärt Tom Jericho (Dougray Scott) einer jungen Dame, die nach einem Begriff mit zehn Buchstaben sucht. Er sitzt im Zug nach Bletchley Park, einem britischen Militärstützpunkt nördlich von London, wo der Mathematiker im März 1943 gemeinsam mit anderen klugen Köpfen über verschlüsselten deutschen Funksprüche brütet. Kryptoanalytiker werden diese Zivilisten genannt, die hinter Milliarden wirrer Variablen ein System herauszulesen versuchen. Und dabei handele es sich eben nicht "um das Kreuzworträtsel in der 'Times'", wie Jericho einem drängelnden General brüsk entgegenhält.

Durchaus einem Kreuzworträtsel gleich ist jedoch Michael Apteds Spionagekrimi nach dem Roman von Robert Harris konzipiert, in dem die Geheimnisse verschiedener Handlungsstränge - Verrat, Rache, Liebe, ein diplomatisches Komplott und der U-Boot-Krieg - schließlich eine Lösung ergeben. Im Mittelpunkt steht die legendäre Nazi-Chiffriermaschine Enigma. Zwar sieht sie aus wie eine Schreibmaschine, doch je nach Stellung der drei Walzen und der zahlreichen elektronischen Steckverbindungen, konnte der Apparat aus den 26 Buchstaben des Alphabets bis zu 150 Billionen verschiedene Codes kombinieren. Die Bedeutung dieser erstaunlichen Machine im zermürbenden Untersee-Krieg zwischen England und Deutschland ist ein mit Mythen und Legenden beladenes Detail aus der oft spannenden Historie des Zweiten Weltkriegs, das auch heute noch die Phantasie anregt. Rolling-Stones-Boss Mick Jagger faszinierte die Enigma so sehr, dass er eines der letzten erhaltenen Exemplare ersteigerte und sich als Produzent für Michael Apteds Film stark machte.

In der britischen Thriller-Tradition Alfred Hitchcocks haben Bond-Regisseur Apted ("Die Welt ist nicht genug") und Drehbuchautor Tom Stoppard ("Shakespeare In Love") eine Art Film noir geschaffen, dessen Spannung sich bedächtig, aber mit famosen Entsprechungen zur vertrackten Funktionsweise der Enigma kunstvoll zuspitzt: Tüftler Tom Jericho hatte an Hand einer erbeuteten Maschine das Geheimnis der Enigma bereits geknackt, doch offenbar wird sein Erfolg verraten, denn die Deutschen ändern plötzlich den Mechanismus. Die neue Verschlüsselungstechnik heißt "Shark", ermöglicht noch ein paar Millionen Codierungen mehr und wird speziell für jene U-Boote benutzt, die zur selben Zeit einem von drei Versorgungs-Konvois im Atlantik auflauern.

Mathematiker Jericho (Dougray Scott) und die erbeutete Enigma: Mensch gegen Maschine
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Mathematiker Jericho (Dougray Scott) und die erbeutete Enigma: Mensch gegen Maschine

Da für die Briten die feindlichen Nachrichten nun wieder kryptische Chiffren bleiben, wissen sie nicht, welchen Geleitzug die Deutschen torpedieren wollen. Der nervlich labile Jericho indes interessiert sich aber viel mehr für das ungeklärte Verschwinden seiner großen Liebe Claire (Saffron Burrows). Der ebenso durchtriebene wie süffisante Agent Wigram (Jeremy Northam) sieht in ihr eine Spionin und verdächtigt dementsprechend auch Jericho, der den Verrat seiner Liebsten nicht glauben will, obwohl er unter den Dielen ihres Zimmers vier Kryptogramme der deutschen Armee findet. Zusammen mit Claires Freundin Hester (Kate Winslet), die ebenfalls in Bletchley Park angestellt ist, entziffert er heimlich die gefundenen Funksprüche ­ muss jedoch feststellen, dass deren brisanter Inhalt niemanden interessiert. Derweil suchen die Experten fieberhaft nach einem Weg, um den neuen Code der deutschen U-Boote zu knacken und ihre Position zu bestimmen.

Von Bletchley Park aus blendet Apted immer wieder kurz zwei weitere Schauplätze ein: Immer wider zeigt er deutsche Soldaten, die in Polen eine Grube ausheben und jene feindlichen U-Boote, die auf dem nächtlichen Ozean kreuzen. Je näher der Angriff auf die Schiffe rückt, desto deutlicher werden die Umstände auf dem Festland. Claire, die lediglich in Rückblenden auftaucht, erweist sich dabei als Pendant der Enigma, ein geheimnisvolles, begehrtes Wesen, bei dem alle Fährten und Finten nach und nach zusammenlaufen.

Wie die Kryptoanalytiker letztlich aus einem Logbuch, simplen Kurzsignalen und mit allerlei Arithmetik die U-Boote doch noch aufspüren, lässt den Zuschauer am Ende dieser geistreichen Schnitzeljagd staunend zurück. Claires endgültiges Schicksal, über das Jericho und Wigram am Schluss mit scharfsinnigem Wortwitz wie Duellisten plaudern, bleibt übrigens ungewiss. Aber beim Kreuzworträtsel muss man ja auch nicht immer alle Begriffe kennen, um das Lösungswort zu erraten.

"Enigma ­ Das Geheimnis" (Enigma). GB 2001. Regie: Michael Apted; Drehbuch: Tom Stoppard; Darsteller: Dougray Scott, Kate Winslet, Saffron Burrows, Jeremy Northam, Tom Hollander; Produktion: Jagged Films/ Broadway Video Productions; Verleih: Senator; Länge: 118 Minuten; Start: 24. Januar 2002.

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